Prince Rogers Nelson hat für die Art, wie wir heute denken und tanzen dürfen, sehr viel mehr geleistet als die Studenten im Mai 1968 in Paris, die Festivalbesucher und Musiker in Woodstock oder sogar noch als Jerry Rubin, der LSD im Trinkwasser forderte. Prince war der Hyperhippie, allein deswegen war er megacool. Dass das Private politische Wirkung entfalten kann, hat kein mir bekannter Musiker auf derart radikale Weise zum Programm gemacht wie er. Gegen den Hunger in Afrika anzusingen hört sich ja leider gleich genauso scheußlich an, wie es dann klingt. Aber Sign o' the Times von Prince? Eben.

Das Lied wurde 1987 veröffentlicht, und es ist ein bisschen ungerecht, dass man es sich heute nur noch schlecht vorstellen kann: die musikalische Umgebung im Pop damals – Totalschrott. Ich war live dabei. Lexicon Hall, ein quasi digitales Hallgerät für Musikproduzenten war gerade zur Marktreife gebracht worden und Trevor Hall kleisterte mit ihm und seinem schon schauderhaft klingenden Synthesizer namens Fairlight die gesamte Radiolandschaft inklusive MTV zu. Alles hallte, knallte, waberte – und für die Exklaven dieser akustischen Müllhalde war ein Komponistentrio namens Stock/Aitken/Waterman zuständig. Das produzierte "Hits am Fließband" mit Kylie Minogue und Rick Astley und allen anderen, die bei der sprichwörtlichen Drei noch nicht auf den Bäumen waren. Und dann kam Sign o' the Times.

Douglas Coupland, der damals Generation X, das Buch zum Soundtrack meiner Jugend verfasst hatte, hat an dem Tag, als Prince Rogers Nelson verstorben war, einen Tweet veröffentlicht. In dem erinnerte er sich daran, wie er sein Auto rechts ran fuhr, als sie zum ersten Mal When Doves Cry im Radio spielten "to digest what I was hearing". Genau so ging es mir mit Sign o' the Times. Bloß saß ich da bei Steffi auf der Auslegeware, weil ich noch gar keinen Führerschein hatte, und es lief MTV. Aber ein Video allein aus Buchstaben, die in verschiedenen Schichten von links nach rechts und andersherum über den Bildschirm floateten? Und dazu diese Musik – die war so abartig dürr!

Nicht agitieren, sondern konstatieren

Was wollten uns die floatenden Buchstaben sagen? Es gab ja damals noch kein Internet, also musste der Text Wort für Wort mit dem Lexikon entziffert werden. Es gab auch noch kein urban dictionary – was also war gemeint mit "doin' horse"? Ah, ja: Heroin. "Machine gun" war klar. Und der bis auf die Knochen abgemagerte Mensch, der an einer großen Seuche mit "niedlichem Namen" verreckte: got it, damit war Aids gemeint. Sogar die Explosion des Raumschiffs Challenger, gerade ein knappes Jahr vorher passiert, kam darin vor. So viel zum Thema Teach Your Children Well.

Das war kein Politrock, den es damals ja leider auch gab, das war Politpop, der eben nicht agitieren wollte, sondern konstatieren. Isso, wie es heute hieße.

Vor allem konnte man zu dieser Musik tanzen. Das fiel ja zu Walls Come Tumbling Down von The Style Council nicht bloß schwer, es sah einfach scheiße aus. Und – Hilfe! – was ist bloß aus Paul Weller geworden. Prince aber wurde immer nur noch besser.

If I was Your Girlfriend verdanke ich beispielsweise nicht weniger als meinen inneren Frieden, den ich möglichst lange auskosten will. Noch so ein herrliches Stück Funkmusik, die ich ansonsten ja nicht ertragen konnte. Völlig unschweißig, und dabei einen Text begleitend, der mir meine Hochschulreife nicht vollkommen vergeblich erscheinen ließ.

Philosophisch war er Judith Butler überlegen

Was macht also Prince in If I Was Your Girlfriend? Er singt aus der Perspektive einer weiblichen Person. Wobei: Vielleicht auch nicht, vielleicht ist es auch eine männliche Stimme, die darum bettelt und fleht und geradezu himmelt, eine andere Person baden und kämmen zu dürfen und mit ihr Klamotten aussuchen zu dürfen und immer so weiter und immer so fort, es ist ja das allerschönste Lied von allen, das der liebe Künstler Prince, der auch mal anders und dann wieder so und dann auch wieder andersherum hieß, uns Erdenbürgern hinterlassen hat.

Auch dazu lässt es sich wunderbar tanzen, am besten freilich zu zweit, aber zur Not halt auch ohne Partner oder Partnerin, denn es ist ja eine Hymne auf die Gabe zum Zweihäusigsein. Ein Schneckenlied, unter Zoologen gesprochen, denn was Prince hier 1987 besang, also lange bevor Judith Butlers Thesen an den deutschen Universitäten so richtig hochschäumten, war ein Lebensgefühl, das bis heute als Sphinx'sches Rätsel das Dasein hoffentlich extrem vieler Männer beherrscht: "Kann ich eine Frau auch als Frau begehren?", beziehungsweise Being Pre-Operative Transsexual Lesbian.

Der Soziologe Heinz Bude wird zustimmen, vermutlich steht es übermorgen bereits irgendwo genau so unter seinem Namen: Philosophisch war Prince Rogers Nelson sogar Judith Butler überlegen. Vor allem, und dafür kann Butler nichts, konnte er auch noch zig Instrumente spielen. Besonders gut Gitarre (Purple Rain!). Und mit seiner Musik untermalt, ging auch seine Theorie runter wie Livio. Wem das bislang nicht so klar war, dem sei auf YouTube sein Auftritt mit einer sogenannten Supergroup aus alten Hippies empfohlen, unter anderem Tom Petty, da spielen sie gemeinsam While My Guitar Gently Weeps von George Harrison nach. Und dann kommt Prince. Und spielt ein Solo. Aber was für eins.

In diesem Sinne: Godspeed!