© City Slang / Universal

Gold Panda – Good Luck And Do Your Best (City Slang / Universal)

Was machen wir denn nun mit dem Kottbusser Tor? Gold Panda schlägt vor: erst mal sauber. Im Video zu seinem Song Time Eater sieht man ganz am Ende einen Mann und seinen Schrubber. In seltener Einswerdung von Mensch und Werkzeug beackern sie einen Treppenaufgang zur U-Bahn am besagten Kottbusser Tor so beschwingt und so entschlossen, als hätten sie wirklich eine Chance gegen den Dreck.

Gold Panda, der eigentlich Derwin Schlecker heißt und aus London stammt, beweist sich mit seinem dritten Album als Aufräumarbeiter der elektronischen Musik – als Berghain-Reiniger, wenn's denn sein muss. Good Luck And Do Your Best ist jedenfalls das, was Freunde von Schnellheftern, Etikettiermaschinen und des Ikea-Besteckkastensystems Variera als Fest der Sinne bezeichnen würden: eine Sammlung von Samples, Beats und Field Recordings, die ihre innere Ruhe aus dem Wissen zieht, für jedes noch so kleingeschnipselte Einzelteil die passende Schublade zu kennen. Ziel der Übung auch hier: die Einswerdung von Mensch und Werkzeug. Selbst wenn Schleckers Schrubber ein Laptop ist.



© Atlantic / Warner

Adia Victoria – Beyond The Bloodhounds (Atlantic / Warner)

Dem Süden der USA braucht man mit Besen und Kehrblech gar nicht erst zu kommen. Ein bisschen Dreck gehört dort zum guten Ton: Man denkt an feuchte Hitze und aufgewirbelten Staub, Holzzäune, von denen die weiße Farbe abbröckelt, Apfelkuchen, die von Fensterbänken geklaut werden – und nennt das Südstaatenromantik. Auch die Bluessängerin Adia Victoria aus Nashville kennt dieses Bild des Südens. Ihr Debütalbum Beyond The Bloodhounds erzählt von seiner Kehrseite.

"I don’t know nothing about Southern belles", singt Victoria gegen Ende der Platte, um dann hinzuzufügen: "But I can tell you something about Southern hells". Romantische Verklärungen des Südens beschreibt die 29-Jährige als Erfindung der Weißen, von Menschen, die noch heute ihre Konföderiertenflaggen hissen und auf ehemaligen Plantagen heiraten. Victoria setzt dieser Verklärung einen anderen Mythos entgegen, den der Southern Gothic. Ihre Folksongs sind sumpfig, düster und creepy. Ihre Sprache weist mit biblischer Bildgewalt auf die eigene Kindheit in einer Adventistenkirche zurück. Beyond The Bloodhounds ist also Überwindungs- und Ausreißerinnenmusik. Und Victoria, noch vor allem anderen, ein Punk.


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Bob Dylan – Fallen Angels (Columbia / Sony)

Kommen wir kurz zu dem Rock'n'Roll-Musiker Bob Dylan. Wie jedes Jahr stehen auch dieses Jahr einige bemerkenswerte Jubiläen an – 25 Jahre Bootleg Series, 50 Jahre Blonde On Blonde, 50 Jahre Judas!, der eigene 75. Geburtstag –, und wie immer kümmert sich Dylan lieber um etwas Neues, zumindest für ihn selbst. Fallen Angels ist sein 37. Studioalbum und das zweite hintereinander mit US-amerikanischen Standards, die vor langer Zeit (und mit einer Ausnahme) von Frank Sinatra popularisiert wurden.

In dieser Vorgehensweise hat sich Dylan schon seit einigen Jahren eingerichtet, auch wenn seine Lieder auf Tempest (2012) zumindest noch so viel Eigenanteil enthielten, dass er sie nicht als Fremdkompositionen ausgeben musste. Egal. Während unverzerrte E-Gitarren zerfließen und die Rhythmusgruppe Barjazz nach Ladenschluss spielt, legt Dylans Reststimme niemals den vermeintlichen Kern der auf Fallen Angels interpretierten Stücke frei. Eher tänzelt er um sie herum, fasziniert von ihrer Rätselhaftigkeit und der Aussicht, ihnen noch einige weitere Rätsel hinzufügen zu können. Krasser Altherrenkram natürlich und eigentlich eine Frechheit, wenn es von jemand anderem wäre. Es ist aber von Dylan, und das ist auch eine Leistung.



© Fixe / Broken Silence

New Found Land – Lore (Fixe / Broken Silence)

Bei einer Platte über Neuanfänge fängt man am besten vorne an. Das vierte Album, das die gebürtige Göteborgerin Anna Roxenholt unter dem Namen New Found Land veröffentlicht, heißt Lore und beginnt mit einem Song, der nach der Weissagerin Pythia benannt ist. Diese saß der Legende nach im Tempel des Apollon in Delphi und atmete fröhlich Gase ein, die aus einer Erdspalte entwichen, um daraufhin im angeschickerten Zustand ihre Prophezeiungen vorzutragen. Und Pythia sagte: Alles wird gut.

Zumindest auf dem grundsätzlich zuversichtlichen Lore, dessen elektronische Popsongs nur deshalb nicht tanzbar sind, weil ihnen dazu der Boden unter den Füßen fehlt. Roxenholt schreibt halbschnelle Lieder über halbschlimme Probleme, an ihren Themen erkennt man die Berliner Wahlheimat, an ihren vielseitigen Arrangements eine unter Homerecording-Projekten seltene Musikalität. Wirklich euphorisch ist Lore nur einmal, aber dafür im richtigen Moment: Der Song January 1st feiert Roxenholts Jahr der Neuanfänge mit einem angenehm überambitionierten Trompetensolo.



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Kristin Kontrol – X-Communicate (Sub Pop / Cargo)

Sollte Madonna in letzter Zeit Radio gehört haben, dachte sie vielleicht: "Hey geil, ich hab einen neuen Hit!" Dem ist leider nicht so. Stattdessen hat Kristin Kontrol einen neuen Hit. Er heißt wie ihr Debütalbum X-Communicate, schwingt sich auf zu hymnischen Plastik-Pop-Höhenflügen und erschafft in weniger als vier Minuten ein Paralleluniversum, in dem Madonna Anfang der neunziger Jahre nicht von koketter Scheinunschuld auf Kabel-Eins-Erotikthriller umgeschwenkt ist. Stolze Leistung für ein einziges Lied.

Kristin Kontrol heißt eigentlich Kristin Welchez und spielte mit den Dum Dum Girls aus Los Angeles bisher eine Garagenversion jenes Welteroberungssounds, den Phil Spector vor mehr als 50 Jahren für von ihm produzierte Girl Groups entwarf. Jetzt will sie mehr: X-Communicate ist ein unbescheidenes Badezimmer-Karaoke-Album inklusive einiger Powerballaden, zu denen sich die Videoclips mit Haarsprayfrisuren, Kunstlederjacken und Regenmaschine praktisch von selbst drehen sollten. Das unerträgliche Liebesleid, dem Welchez ihre Texte widmet, übertrifft nur noch der unglaubliche Schlagzeughall, der durch ihre Songs donnert. Schon dieser allein könnte jede Garage der Welt zum Einsturz bringen.