Wer dieser Tage spaßeshalber einen Blick auf die deutschen Albumcharts wirft, sieht dort vor allem das Übliche: Tote (Prince, Bowie, Cicero), Halbtote (Lindenberg, Kaiser, Mey), bisschen Mutterficker-Rap, bisschen Schlager, die aktuellen Weltstars. Und mittendrin, leicht versteckt zwischen Niedeckens BAP und Andreas Bourani: das neue Album von Captain Planet. Von der Null auf die 42 in der ersten Woche, für eine kleine Punkband aus Hamburg ist das schon sehr okay. 

Nun schlagen die deutschen Charts, die sich aufs Albernste aus den Gesamteinnahmen bestimmter physischer Verkäufe, Streams und Downloads errechnen, als Stimmungsbarometer der Deutschen natürlich ungefähr so präzise aus, als wolle man die aktuellen Essgewohnheiten der Bevölkerung am Angebot der Karstadt-Cafeteria festmachen. Aber ganz zufällig landet eben auch keiner in den Top 100. Woran also kann es liegen, dass Captain Planet mit Ein Ende so viele Freunde finden?

"Ich glaube", sagt der Gitarrist Benni Sturm, "es passt gerade gut, deutschsprachige Rockmusik zu machen. Es gibt immer mehr Bands, die nicht mehr Schlager oder Deutschpunkparolen spielen, sondern Musik, in der bisher auf Englisch gesungen wurde. Deshalb bekommen auch wir mehr Aufmerksamkeit." Mit wir bezieht er sich auch auf befreundete Bands wie Turbostaat oder Matula, die es genau wie Captain Planet mit gefühlvollem nordischen Punk vor ein wachsendes Publikum geschafft haben. Ihre deutschsprachige Rockmusik hat sich die Hektik und die Kanten von ganz früher bewahrt, auch wenn sie immer knapper am Pop vorbeischrammt. Captain Planets neue Busfahrhymne Fenster im Fenster etwa bekommt zum ersten Höhepunkt Schluckauf vor Aufregung; Ole und Pia sorgt sich um Hamburg ganz ohne offensichtliche Hooks. Auf der vierten Platte Ein Ende sitzen die Rhythmen im Oberkörper, die Gitarren fangen die Aufprälle ab. 

Nichts für Dicke-Hose-dicke-Eier-Typen

Noch bleiben davon keine großen Refrains hängen, sondern vage Zeilen, die sich aber sehr konkret mitbrüllen lassen: "Du hast noch diese Handvoll voll Stunden/Bevor du gehst." Kettcar hätten solche Sätze geflüstert; Captain Planet werfen sie über aufgekratzte Songs, die immer rechtzeitig losstürmen, um innerhalb von drei Minuten alle Zuhörer einzusammeln. Seit 2003 macht die Band das so und hat sich eine treue Fangemeinde aufgebaut. Sie war es auch, die mit Vorbestellungen des neuen Albums den Charterfolg herbeiführte. Sturm ordnet sie demografisch ein: "Unser Publikum ist so Mitte 20 bis Anfang 40. Ich würde sagen, wir ziehen eher weichherzige Leute an als Dicke-Hose-dicke-Eier-Typen. Die Leute hören uns, weil sie uns für einen ganz sympathischen Haufen halten, für einen ziemlich bodenständigen Verein ohne große Allüren oder Rockstargesten."

Nach Punk, wie man ihn aus Arte-Dokus und den Erzählungen stachelhaariger Greise kennt, klingt das nicht. Captain Planet tragen weder Sicherheitsnadeln in den Ohren noch politische Parolen vor sich her. Ihre Songs bestehen aus mehr als drei Akkorden und angenehmen Melodien, auch wenn sie die gern anrauen. Die Musiker haben ordentliche Berufe gelernt, sind Schwiegersöhne und Väter und zahlen Hamburger Mieten, anstatt fremde Häuser zu besetzen. Solche Bodenständigkeit war den Punks uralter Schule der Feind. Sturm spürt das Dilemma der Bürgerlichkeit: "Diese Auseinandersetzung führe ich jedes Mal mit mir, wenn eine neue Platte erscheint. Ich sehe den Widerspruch. Ich frage mich auch, ob da noch genügend Wut vorhanden ist oder ob wir behäbig geworden sind." Aber sich einfach die großen Themen der Zeit auf die Fahnen zu schreiben, wäre dann doch zu plakativ. "Ganz oft unterliegen Musiker der Illusion, man könne eine Botschaft nach außen senden. Dabei klopft man sich eher selbst auf die Schulter. Sicherlich liegt im Detail immer noch viel Sprengkraft, man muss beispielsweise die Diskussion um Sexismus im Punk und Hardcore auf jeden Fall führen. Aber grundsätzlich sind wir uns einig mit den Leuten, die zu unseren Konzerten kommen. Wir tun keinem weh."