Seit Wochen galt Sergej Lasarew bei den Buchmachern als klarer Gewinner des Eurovision Song Contest 2016. Weniger wegen des mittelmäßigen Liedes, das mit aktueller Popmusik wenig zu tun hatte, als wegen der Hightech-Show, die das russische Team um You are the only one gestrickt hatte: eine Musikvideo-Ästhetik, in der der 33-Jährige auf einem Meteoriten durchs Weltall zu fliegen schien.

Am Ende scheiterte die russische Delegation an ihrem ganzen Brimborium. Auch 1.000 technische Tricks von Lasarew hätten die tiefempfundene Dramatik, mit der die Ukrainerin Jamala ihr 1944 auf Englisch und Krimtatarisch vortrug, nicht übertrumpfen können. In einem asymmetrischen Umhang in Tiefblau schrie sie das ganze Leid einer Generation heraus – der Generation ihrer krimtatarischen Urgroßmutter, die in ebenjenem Jahr 1944 unter Josef Stalin von der Krim vertrieben und nach Zentralasien zwangsumgesiedelt wurde. 

Auf der Bühne des Eurovision Song Contest gewann die Ukraine den Zweikampf gegen Russland – und die Ausrichterin, die Europäische Rundfunkunion (EBU), beharrt weiter darauf, dass der Wettbewerb völlig unpolitisch sei. Nein, was diesmal in Schwedens Hauptstadt Stockholm stattfand, war so politisch wie selten. Die Ukrainerin Jamala bestritt zwar, dass sie mit ihrem Lied auch Bezug auf die aktuelle Lage, insbesondere die Annexion der Krim, nehmen wolle. Doch richtig glaubhaft erschien das nie, zumal sie das Lied zu einer Zeit geschrieben hatte, als die Krimkrise gerade ausgebrochen war. Die EBU dehnte ihre eigene Regel, nach der Liedtexte politischer Natur nicht erlaubt sind, sehr weit und ließ 1944 zum Wettbewerb zu.  

Eurovision trifft Nationalismus

Politisch war der diesjährige ESC aber nicht nur durch Jamala. Auch Armenien und Aserbaidschan brachten ihren seit Jahren schwelenden und jüngst wieder verschärften Konflikt um die Region Berg-Karabach mit nach Stockholm. Die armenische Sängerin Iweta Mukutschjan stand knapp vor einer kurzfristigen Disqualifikation, weil sie im Halbfinale am Dienstag die Flagge Berg-Karabachs groß in die Kamera gehalten hatte. Am Ende blieb es bei einer Verwarnung und zum Finale blieb ihre Fahne im Hotelzimmer. Ein Fan, der während der Show in der Halle mit einer großen Berg-Karabach-Flagge wedelte, wurde von Sicherheitskräften aus der Arena geführt.

Immerhin: Die politisch motivierten Buhrufe gegen den russischen Beitrag blieben in diesem Jahr aus. Dazu waren Lied und Sänger bei den vielen angereisten schwulen Fans dann doch zu beliebt. Viele hatten aber wieder Regenbogenfahnen mitgebracht als Zeichen gegen die homophobe Politik in Russland. Im Meer der Länderflaggen der Teilnehmer gingen sie jedoch unter: der paradoxe Nationalismus einer Show, die ganz Europa für einen Abend zusammenführen soll und die einzelnen Staaten doch gegeneinander antreten lässt. 

Jamie-Lee Kriewitz spielte in diesem Wettstreit keine Rolle. Die 18-jährige Niedersächsin galt schon vor der Sendung bei den Buchmachern als Kandidatin für einen der letzten Plätze. Ihr bunt dekoriertes Kleid im Mangastil fiel auf, das behäbige Ghost hingegen durch. In der Kategorie Niedlichkeit machten ihr die gleichaltrige Belgierin Laura Tesoro und die 19-jährige Wienerin Zoë gewaltige Konkurrenz. Eingängiger waren Lauras What's the Pressure? – Retro-Dancepop zu einem Another-One-Bites-the-Dust-Beat – und Zoës kitschig-süßes Loin d’ici ohnehin.