Das Aquarell zeigt einen jungen Mann im Mantel mit aufgestelltem Kragen, der lange Schrägpony verdeckt ein Auge – es muss James Blake sein. Er steht auf einem Hügel in englischer Landschaft, neben ihm eine knorrige, unbelaubte Weide, deren Äste die Form einer Frau annehmen, schwere Wolken am Himmel. The Colour In Anything steht dort, wo sich der Regen ankündigt. Es ist der Titel von Blakes neuem Album, das er nun nach drei Jahren Arbeit ohne großes Tamtam nachts veröffentlicht hat. Das Aquarell auf dem Cover hat der 83-jährige Quentin Blake gemalt, nicht mit ihm verwandt, aber ein britischer Jahrhundertillustrator, der schon viele Bücher von Roald Dahl mit seinen Farben ausgekleidet hat.

Seit seinem preisgekrönten zweiten Album Overgrown hat James Blake nach neuen Farben, Tönen, Tonfarben, Farbtönen gesucht. Er fühlte sich nicht mehr wohl in der Rolle des einsamen Studiomelancholikers, des von der Liebe enttäuschten Bastlers aus dem Norden von London. Post-Dubstep-Crooner, Soul-Dekonstruktivist, Emotionssynthetiker der Generation Internet: Offenbar hatten schon alle ein Bild von ihm, als er selbst noch gar nicht wusste, wer er ist. Jetzt, mit 27, hat er aufgeholt und mit sich aufgeräumt, seine Klangwelt neu geordnet und die Studiotür weit geöffnet.

Hereinspaziert kommen Frank Ocean, Rick Rubin und Justin Vernon von Bon Iver. Mit ihnen hat Blake intensiv an The Colour in Anything gearbeitet. Die vorgesehene Kollaboration mit Kanye West verlief aus stilistischen Gründen im Sand, dafür hat Blake gerade mit Beyoncé zwei Songs für ihr Album Lemonade produziert. Man kann sagen, er ist dort angekommen, wo Popmusik fortgeschrieben wird, und es ist eine Freude, ihm dabei zuzuhören.

"The Colour In Anything" von James Blake ist erschienen bei Universal Music. © Universal Music

Sein Instrumentarium ist dasselbe geblieben: weite Hallräume, Klangdichte und deren Auflösung, fein texturierte Schleifen, gleißende Synthesizer, überraschendes Harmoniespiel, tiefe Bässe, das Klavier als tastendes Leitmedium und über allem seine Stimme, deren Charakterstärke im steten Wechsel zwischen Verletztlichkeit und überzeugtem Brustton liegt, mal menschlich intim, mal ins Androide verfremdet.

Der Einfluss anderer Künstler macht sich dennoch klanglich bemerkbar, Blake lässt ein wenig mehr Buntheit zu. Sonniges Wetter herrscht zwar nur in den seltensten Momenten, aber seine Songs schillern immerhin in 50 Schattierungen von Grau, wie der Himmel über England.

Stimmschichtungen und Vocoder-Choräle

In den 17 neuen Stücken hören wir Hip-Hop-Beats und R’n’B-typische Rhythmusgerippe, mal sogar eine Reggaeskizze. Wie sich in ihrem gemeinsamen Song Fall Creek Boys Choir schon 2011 andeutete, haben sich in James Blake und Justin Vernon zwei Brüder im Geiste gefunden. Jetzt haben sie endlich ihre Vorliebe für Stimmschichtungen, Vocoder-Spielereien und Popchoräle in ein paar weitere Stücke gegossen. Das kryptische Musikermanifest Meet You In The Maze und das kopfnickende I Need A Forest Fire sind wunderbare Beispiele dessen.

Blakes Songlyrik kreist auf dem gesamten Album um neue und alte Liebe, um den Schmerz, wenn sich zwei voneinander entfernen und um die Aufbruchstimmung, wenn sich zwei einander annähern. Diese Gefühlswelten hat er, teilweise unfreiwillig, in den vergangenen drei Jahren ausgiebig erforscht. Wenn er sie ausbreitet, sucht er immer wieder Konzentration im Gesang, a cappella oder lediglich begleitet vom Klavier. Er weiß, wie er textliche Motive klanglich übersetzt, und das ist durchaus eine seltene Qualität im Pop. In der musikalischen Ausdeutung ihres Innenlebens sind wenige so versiert wie er.

Trotz einer dezenten stilistischen Öffnung bleibt James Blake also dem Prinzip der Introspektion treu. Seine Musik der Innerlichkeit knüpft genau dort an, wo er vor drei Jahren verstummt ist. Dabei bleiben seine Songs strukturell und inhaltlich so wolkig wie das Titelbild des Albums. Ein Aquarellist ist er nämlich selbst: Er singt uns The Colour In Anything.