© Italic Recordings

Stabil Elite – Spumante (ITALIC Recordings)

Der Frühling ist eine Zeit prachtvoller Entfaltung mit altbekannten Mitteln. Es grünt und blüht und sprießt, als entstünde die Welt komplett aufs Neue. Aber das tut sie natürlich nicht. Was uns die Sinne mit Farbe, Sound, Geruch vernebelt, entspringt demselben Genpool wie im Mai zuvor. Sieht es bei nüchterner Betrachtung nicht auch exakt so aus? Gegenfrage: Wieso nüchtern betrachten? Meinen auch Stabil Elite, öffnen ein Fläschchen Spumante und feiern den musikalischen Hedonismus, als wären Popper keine Erfindung der frühen Achtziger, sondern von gestern Mittag bei 25 Grad. Wie auf dem Debütalbum vor vier Jahren holen die fünf – ausgerechnet! – akkurat gekleideten Düsseldorfer das geschmeidige Synthiegeklimper jener Tage aus dem Keller, als der New Wave zur Neuen Welle wurde, und machen daraus saxofonschwangeren Synthiepop zwischen Peter Licht und Palais Schaumburg. Das ist in jeder Note fast zu viel des Grünens, Blühens, Sprießens und doch der ideale Soundtrack einer Zeit des Erwachens. Zumal die dahingehauchten Texte in blumigem Deutsch das Leben in der Matrix mit poetischer Nonchalance entlarven. Die Hochkultur darf ja weiter Club Mate im Diskurskeller trinken; Stabil Elite sonnen sich derweil mit Softeis und Latte im Strandcafé.



© Onglagoo Records

Fiji Condo Chief – Condo Island (Onglagoo Records)

Nur ein paar Tische weiter, Blick auf den Rhein, erholen sich womöglich gerade Fiji Condo Chief von einer Nacht im Club. Statt Softeis und Milchkaffee nehmen die fünf – ausgerechnet! – exzentrisch gekleideten Kölner allerdings eher warmen Absinth und Filterlose zu sich, was aber nichts über den Grad ihrer Entspannung aussagt. Grundlage ihres windschief swingenden Retropops ist schließlich eine Mischung aus Fusion-Jazz und Psychobeat, den das Kollektiv um die Elektro-Avantegardistin Niobe mit spielerischer Gelassenheit aus dem Souterrain ins Sonnenlicht befreit. Wie zuletzt der persisch-hanseatische Wahlberliner Malakoff Kowalski oder einst die Fun Lovin' Criminals, entfesselt ihr Debütalbum Condo Island zum struppigen Crooner-Gesang des Bühnenkantengewächses Tillian eine nostalgische Coolness, die in kein Raster passt. Praktisch jedes Genre aus dem Mitteldrittel des 20. Jahrhunderts von Rock 'n' Roll bis Disco findet da elektronisch aufgemöbelt seinen Platz. Denkt man sich das papierne Dictionary-Englisch mal weg: die lässigste Platte des Frühlings.



© Italic Recordings

Demob Happy – Dream Soda (SO RECORDINGS)

Schwer zu sagen, wie oft dem Grunge bereits die Wiederkehr prophezeit wurde, seit Bands wie Bush den Protestsound Richtung Mainstream geritten haben. Wann immer Alternative die Rockmusik dominiert statt umgekehrt, sprießt die Hoffnung, Kurt Cobains Genre könnte zwischen zu sanft und zu hart mal wieder was Innovatives wie die Arctic Monkeys erleben. Gut, auch Demob Happy lassen den Traum von der Neugeburt nicht mit einem gelungenen Debütalbum Wirklichkeit werden. Trotzdem stoßen die vier achtsam verlotterten Zausel aus Brighton in eine Lücke abseits von Britrock und Seattle-Grunge. Das Räudige des Alternative ist angenehm versiert, das Berechnende des Rock dissonant genug für die Nachfolge des Grunge in seiner kratzigen Vielfalt. Wie bei Nirvana brettern die Gitarrensoli als Antriebskräfte über Matt Macantonios emotionales Geschrei, sodass gar nicht erst der Gedanke entsteht, es gehe hier um Posen. Dream Soda ist das Realste, was dem Hardcore als Ausdruck echter Gefühle seit Langem widerfährt. Und solange Nostalgiker ihm nicht die Bürde eines offiziellen Erbteils auferlegen, kann daraus sogar etwas Neues im Alten werden. Muss ja keinen Namen tragen.



© Infiné Music

Pedro Soler & Gaspar Claus – Al Viento (Infiné Music)

Musik, gleich welchen Namens, ist gemeinhin nur dann eine Sensation im Wortsinn, wenn sie Stilgrenzen und Hörgewohnheiten überwindet. Cello und Gitarre zum Beispiel sind zwar grundsätzlich keine Antipoden, aber in zweisamer Kombination zumindest für ein popgeschultes Publikum exotisch. Wenn sie dann noch förmlich verschmelzen wie bei Pedro Soler & Gaspar Claus, müssen sich selbst Klassikfans kurz schütteln, bevor sie in Begeisterung verfallen. Wie beim gefeierten Debüt des Duos namens Barlande vor fünf Jahren, zelebriert der 77-jährige Gitarrenvirtuose aus Frankreich auch auf dem Nachfolgealbum mit seinem halb so alten spanischen Cellisten einen Flamenco-Punk, der so gut selten vernehmbar war. Während Soler sein Handwerk aus dem Goldenen Zeitalter des spanischen Weltkulturerbes mit der emotionalen Präzision einer lebenden Legende vollführt, untergräbt Claus diese Makellosigkeit mit so hinreißender Kratzbürstigkeit, dass beim Hören förmlich ein Film vor Augen abläuft. Mit Aki Kaurismäki und Jim Jarmusch in acht Instrumentalstücken durch Katalonien. Eine Reise der Sensationen.



© Warp

Mark Pritchard – Under The Sun (Warp)

Mark Pritchard führt seine Lebensreise schon immer in Ecken, die ansonsten unbehaust, gegenüber Fremden nicht selten sogar feindselig sind. Seit den ersten Veröffentlichungen vor 25 Jahren lotet der englische Produzent und DJ aus dem landschaftsgärtnerisch bedeutsamen Somerset unter tausend Pseudonymen die Kongruenz schwer vereinbarer Klangwelten aus. Auf seinem neuen Album tut er es nun aber wieder unter seinem Geburtsnamen und macht damit kurz Rast auf dem Weg elektronischer Grenzerfahrung, der ihn von Ambient über Trip-Hop bis zum robusten Techno und zurück an diverse Orte des Digitalen geführt hat. Auch Under The Sun ist vornehmlich am Rechner generiert; doch viele der 16 Songs klingen erdnah nach Folk, als hätte er sie im Grünen anstatt in seinem australischen Studio aufgenommen. Schon das Auftaktstück mit Fragezeichen im Titel wabert aus den Boxen wie vertonter Nebel, bevor Give It Your Choir im Anschluss schwer an Woodstock erinnert. Das aber ist nur der Prolog einer Nachtfahrt, die permanent das Analoge im Artifiziellen sucht. Und findet. Beats sind darauf eher selten zu finden. Lust am Experiment jenseits aller Struktur dagegen dauernd. Mark Pritchard eben, der Soundvagabund.