Umso widersinniger ist es da eigentlich, dass wir uns selbst das Erlebnis Konzert versauen, indem wir es durch permanentes Mitfilmen geradewegs verpassen: Körperlich sind wir anwesend, geistig aber schon auf Facebook. Über dessen Livevideo-Funktion könnte neuerdings jeder Smartphone-Besitzer sogar ganze Konzerte lückenlos nach draußen in die Social-Media-Welt senden. Dass dies noch nicht geschieht, kann nicht an unserem Unwillen liegen. Sondern eher daran, dass Facebook den Livevideo-Button ganz gut versteckt hat auf seiner Mobilseite, womöglich aus Furcht davor, dass die allgemeine Abfilmwut der Menschen Facebooks Serverkapazitäten an ihre Grenzen bringen könnte.

Ebenso widersinnig ist, dass sich hinterher, nachdem sie das Konzerterlebnis wegen der zeitgleichen Dokumentiererei und Posterei verpasst haben, die Fotos und Videos doch nicht mal diejenigen ein zweites Mal anschauen, die sie gemacht haben. Wer benutzt sein Handy denn schon als Ereignisarchiv? Sozialmedial rutschen die Bilder dann bald schon in unseren eigenen Timelines hinunter, werden von neueren Updates verdrängt; und was nicht binnen weniger Stunden geliked wird, findet im nie versiegenden Strom der Postings anderer gar keinen Applaus mehr, so es nicht ohnehin schon vom Facebook-Algorithmus heraussortiert wurde als etwas, das man den Freunden gar nicht erst zu zeigen braucht.

Die Bilder sind sozialmedial vergessen, lang bevor in unseren Köpfen die Erinnerung an das Ereignis verblasst, das sie zeigen. Gemacht wurden sie, davon muss man leider ausgehen, in erster Linie wirklich nur deshalb, um unser Leben für andere (oder gar uns selbst) aufregend darzustellen und unseren sozialmedialen Status zu erhöhen. Ein Popkonzert taugt zur eigenen Außendarstellung hervorragend und ist trotz stolzer Ticketpreise immer noch erheblich billiger als ein Urlaub, der lückenlos auf oder gar nur noch für Instagram inszeniert wird. Weil das Konzert als intensives Erlebnis gilt, als sogenannte Erfahrung; weil es uns bekannten oder gar berühmten Musikern naherückt, wenn auch nur symbolisch und als Zuschauer in Reihe 29 mit einem schalen Bier in der einen Hand und dem Smartphone in der anderen; und weil es aufgrund der begrenzten Ticketkapazitäten stets mehr oder weniger exklusiv erscheint – drinnen (ich) und draußen (du) sind klar verteilt. Wer möchte schon draußen vor der Tür stehen?

Was bleibt dann noch vom Konzert?

Außerdem passiert ja tatsächlich was in den Handyfilmchen von Konzerten, auf der Tonspur wie im Bild. So viel los ist, wenn man ehrlich ist, selten im Leben, als dass man es in einem Video festhalten könnte oder auch nur wollte. Da bewegt sich endlich was! Da ist Musike drin! Auf einmal sieht dank neuer Handytechnik alles gut aus und klingt ebenso. Viel besser, als es eigentlich ist. Viel individueller, unverwechselbar.

Am nächsten Abend aber schon singt dann Alicia Keys in einer anderen Stadt vor anderen Leute dieselben Lieder. Doch zum Glück sind wir mit diesen Leuten nicht auf Facebook befreundet, so bleibt die Wahrheit unbelichtet: Dass ein Konzert zwar für uns ein unwiederbringliches Erlebnis ist, aber tagtäglich von Musikern exakt in gleicher Weise wiederaufgeführt wird.

Die Frage ist nun einzig: Wenn uns die Musiker die Handys und damit die Möglichkeit zur Selbstdarstellung wegnehmen, was bleibt uns dann  noch von einem Konzert?

Die Antwort ist schockierend: die Musik. Die Bühnenshow. Die Performance. Das Tanzen. Es bleibt, mit anderen Worten, allein das, wofür wir Eintritt bezahlt haben. Den sozialen Mehrwert, den wir heute auf Facebook und Instagram aus Konzerten ziehen, indem wir unsere Anwesenheit dort markieren, müssten wir uns wieder da holen, wo wir ihn früher herbekamen: Wir müssen unseren Freunden davon erzählen. Mündlich und jedem einzeln. Das wird anstrengend.