© Mute

Swans – The Glowing Man (Mute)

Nach wunderschön lautem Krach in den Achtzigern, überraschend unschön angegothter Weltmusik und einem gigantischen letzten Album (Soundtracks for the Blind, 1996) waren Swans viele Jahre verschwunden. Seit ihrer Reformierung 2010 bringt die Band um Michael Gira – groß, knochig, oft mit Cowboyhut – alle zwei Jahre einen neuen musikalischen Granitbrocken heraus, der ihren Fans furchtbare Erleuchtung bringt wie der Monolith den Affen in 2001 – Odyssee im Weltraum. Der tatsächliche spirituelle Unterbau von Swans hingegen lässt sich immer noch auf den Satz "Fuck you, dad!" reduzieren.

Auch The Glowing Man ist wie die Vorgänger ein Doppelalbum. Ein paar Stücke lassen sich als Songs bezeichnen, darunter When Will I Return?, gesungen von Giras Ehefrau Jennifer. Es überwiegt aber die Art von Musik, die seit der Wiedergeburt das Projekt auszeichnet: 20-, 25-, 30-minütige Noise-Epen mit Hang zur Inkantation und wütenden Gesängen an den Gott, an den Gira eh nicht glaubt – "Fuck you, dad!" eben. Es sind orchestrale Bombardierungen von großer Präzision, die immer wieder von Momenten der Zartheit durchbrochen werden. Dieser Purismus und diese Unbedingtheit in der Form sind sehr attraktiv. Wen das an Wagner erinnert, der liegt so falsch nicht.

Swans zu hören heißt, geduldig zu sein. Auch The Glowing Man lässt sich kaum fassen, zumal diesmal die Stücke noch mal länger, noch mal breiter sind. Hörerfeindlich ist diese Musik nicht, stattdessen lautet die wichtigste Frage eher, wie viele Höhepunkte der Mensch eigentlich braucht. Tatsächlich hat auch Gira erkannt, dass es an dieser Stelle nicht weitergeht und verkündet, dass dieses Album das letzte seiner Art sei. So ertönt am Ende das himmlische Finally Peace, das tatsächlich ein bisschen wie das Paradies klingt. Gira steigt im richtigen Moment aus – sonst müsste man sich noch fragen, ob Swans etwa zu weit gehen können.



© Nonesuch/Warner

Allen Toussaint – American Tunes (Nonesuch/Warner)

"Ihm haben wir es zu verdanken, dass Musik so klingt, wie sie klingt", hat Jonathan Lethem einmal über James Brown geschrieben. Im kleineren Rahmen stimmt das auch für Allen Toussaint. Der Songwriter und Produzent aus New Orleans war eine der wichtigsten Figuren in der Bündelung der vielen musikalischen Strömungen der Stadt. Zwischendurch hat er mit seiner Arbeit mit The Band auch Americana mit Soul angereichert. Toussaint ist im November vergangenen Jahres sehr plötzlich im Alter von 77 Jahren gestorben – es war auch deshalb plötzlich, weil ihn Aufnahmen vom Tag vor seinem Tod dabei zeigen, wie er auf absoluter Höhe Funk spielt. 

Das letzte posthume Album American Tunes geht in der Zeit zurück. Es ist, wie sein ebenfalls von Joe Henry produzierter Vorgänger The Bright Mississippi, eine Hommage an das musikalische Erbe seiner Heimatstadt und die Geburtsjahre des Jazz. Toussaint spielt Duke Ellington, Fats Waller und vor allem Professor Longhair – vielleicht eine Spur zu glatt, zu verträumt, zu klassisch. Andererseits darf sich das ein Pionier erlauben. Zwischendurch begleitet ihn die großartige Rhiannon Giddens, und am Ende singt Toussaint selbst das Titelstück, geschrieben von Paul Simon. Ein schwarzer Mann singt die Worte eines Juden mit Eltern aus Ungarn darüber, dass "wir" mit der Mayflower angekommen sind. Toussaints letztes Bekenntnis gilt der Musik, und Amerika.



© Universal

Jake Bugg – On My One (Universal)

Unter vielen YouTube-Clips von "handgemachtem" Rock – sagen wir: Black Betty von Ram Jam – kann man oft solche Kommentare lesen: "Das ist noch richtige Musik! Früher gab es Led Zep und Van Halen, heute nur Taylor Swift und Justin Bieber. PS: Ich bin 17." Gut möglich, dass Jake Bugg früher solche Kommentare verfasst hat. Der inzwischen 22-Jährige aus Nottingham gilt als Wunderkind, weil er sich für kein Authentizitätsgerede zu schade ist und alle Knöpfe der Babyboomer drückt: Die Beatles! Dylan! Der Blues ist die Wurzel von allem! (Kein Wunder, dass Noel Gallagher ihn mag, nicht nur wegen der Frisur.) Sein drittes Album heißt On My One, Nottinghamisch für "ganz allein", was wiederum ein bisschen nach "Guck mal, ohne Hände!" klingt.

Bugg schreibt jetzt alle Songs allein und hat sich dafür auch vom Pop der Sechziger und Siebziger inspirieren lassen, von Harry Nilsson und Leon Russell. Jake Bugg möchte gern den verlorenen Mann geben, aber die Blues-Phrasen bleiben genau das, und die Country-Anklänge sind aufgesetzt wie ein Cowboyhut zu Karneval. Die giftigen Kommentare zur Musikindustrie bestehen aus den Worten "corporate greed" – die noch einmal besonders hohl sind, weil die Dance-Elemente eben auch wie Zugeständnisse an den Popmarkt klingen. Tiefpunkt ist der Hip-Hop-Versuch Ain't No Rhyme – hieße er Ain't No Rhythm, dann wäre das ausnahmsweise sogar die Wahrheit.



© RCA

Laura Mvula – The Dreaming Room (RCA)

Laura Mvula hingegen! Auch die 30-Jährige aus Birmingham macht kein Geheimnis daraus, dass ihr heutige Musik nicht zusagt, zu verwertbar, zu wegwerfbar ist. An ihre eigene Kunst hat die ehemalige Konservatoriumsschülerin höhere Ansprüche. Ihr Debütalbum Sing To The Moon kam ganz am Ende der Retrosoul-Welle, aber schon damals konnte jeder hören, dass Mvula nicht einfach nur Sounds der Vergangenheit ins Jetzt tragen möchte, sondern ihren eigenen Pfad sucht, zwar grundiert im R 'n' B aller Jahrzehnte, aber mit Freude am verschroben Orchestralen. "Gospeldelica" wurde diese Musik getauft, in weniger schubladigen Zeiten würde man einfach von Mvulas ganz eigener Ästhetik sprechen.

The Dreaming Room nun soll mutiger, intimer, tiefer werden als der Vorgänger – weg vom Green Garden hinein in die Räume der eigenen Seele. Der Chic-Gott Nile Rodgers wollte unbedingt mit Mvula zusammenarbeiten, und überhaupt hat die Musik etwas Flirrendes, Funkelndes, Wintriges. Es ist ein klassisches Nachtalbum, einschließlich Flehgesängen, wann denn endlich die Sonne aufgeht. Als Selbsterkundung und -behauptung einer schwarzen Frau nach einer Liebeskrise hält es dem Vergleich mit Beyoncés Lemonade sehr gut stand, triumphiert vielleicht sogar, weil Mvula nicht bei jeder Zeile darauf achten muss, was sie für ihre brand bedeutet.