© Closed Sessions

Jamila Woods: "Heavn" (Closed Sessions)

Wenn für den seelenöffnenden Hiphop von Chance the Rapper Gospel-Vergleiche bemüht werden, dann hat er das Jamila Woods zu verdanken. Die junge Sängerin, wie er aus Chicago, hat aus seinen wunderschönen Songs Sunday Candy und Blessings mit ihren Harmonien im Hintergrund Hits gemacht. Woods erstes Album – komplett auf Soundcloud streambar – heißt dann auch passenderweise Heavn. Wie die Mixtapes von Chance ist Woods Musik in einem bittersüßen Register. Kaum älter als Mitte 20 sehnt sich die Musikerin und Dichterin wehmütig nach der Geborgenheit ihrer Kindheit und frühen Jugendjahre. Woods spielt gekonnt mit einem bewusst kindlichen Tonfall, dem trotzdem alles Kindische abgeht. Ihr R&B ist akustisch ausgerichtet, mit Gospel-Orgeln und dezenten Soul-Bläsern. Das passt nicht zu aktuellen PBR&B-Trends, zu The Weeknd und James Blake, aber Woods hadert auch nicht mit Selbstentfremdung, sondern singt stark aus sich selbst heraus. Und wenn ihr die Welt zu viel wird, dann rettet sie sich in ihr Superhelden-Alias "Blk Girl Soldier". Dieser sanfter Afrofuturismus und der liebliche Säuselgesang erinnert angenehm an die Erykah Badu der nuller Jahre. Das könnte auch sehr gut auf Albumlänge funktionieren, leider sind viele Songs eher Skizzen geblieben. Woods' Talent für Melodie, Hook und Wellenbewegung überzeugt aber. Mag sein, dass sich Woods perfekt für Cafés im Sommer und "Musik zum Aufstehen"-Playlists eignet. Aber das macht ja nichts: Manchmal ist ein Sonnenaufgang eben mehr als nur ein Sonnenaufgang.



© Interscope

Schoolboy Q: "Blank Face" (Interscope)

Kindermusik macht Schoolboy Q trotz des Namens nicht. Der Rapper – geboren auf einem Militärstützpunkt in Wiesbaden, aufgewachsen in Los Angeles – will dafür sorgen, dass West Coast wie zu NWA-Zeiten synonym mit Härte ist. Er ist Teil des Black Hippy-Kollektivs, zu dem auch Kendrick Lamar gehört. Die beiden scheinen auf unterschiedlichen Seiten zu stehen. Während Kendrick immer mehr zum christlich geprägten strengen Straßenpropheten wird, wird Schoolboy eher vom Es beherrscht. Seine sehr reale Vergangenheit als Gang-Mitglied und Drogendealer geben seinen Gangster-Geschichten einen scharfen Rand. Er ist kein Surrealist, aber seinem neuen Album Blank Face ist eine große Menge Albtraumästhetik untergemischt. Damit sitzt Schoolboy ein bisschen zwischen allen Stühlen: zu dekadent für Gangsterdepression, zu ernsthaft für finsteren "Hat er das gerade wirklich gesagt?"-Humor. Aber die Abwechslung zwischen Party-Track und Straßenrap (Dope Dealer mit Oakland-Legende E40 ist ein Highlight) tut dem Album gut. Kurz vor Ende gibt es dann noch den von der Plattenfirma verlangten Schlafzimmer-Track Overtime. Ob sich jemand von Miguels Hook I wanna fuck right now überzeugen lässt, ist eins der Geheimnisse des Restsommers.



© Cooking Vinyl

Jack & Amanda Palmer: "You Got Me Singing" (Cooking Vinyl)

Noch einmal Kindermusik: Amanda Palmer ist letztes Jahr Mutter geworden und hat kurz vorher, im siebten Monat schwanger, mit ihrem Vater Jack ein Album aufgenommen. Das Verhältnis der beiden war nie sehr eng, erst nach spontanen Duetten von Songs von Leonard Cohen auf der Bühne wurde der Kontakt regelmäßiger. Für ihr gemeinsames Album You Got Me Singing haben sie sich 12 Songs ausgesucht, u.a. von Meister Cohen, dem wilden Folkie Phil Ochs, Kimya Dawson und den Simon Sisters. (Nur von Dylan, der Vorbild für das Covermotiv ist, gibt es nichts.) Zusammengehalten wird die Auswahl vom Geschmack der beiden Palmers. Statt Punk Cabaret gibt es sacht verspielten Folk. Manchmal gibt es ein Mellotron, ansonsten begleitet der hauptsächliche Hobbymusiker Jack Palmer seine Tochter auf der Gitarre und singt auch und klingt dabei ein bisschen wie der späte Johnny Cash. Die sonst eher unangenehm aufgedrehte Palmer hatte zuletzt eher mit Dummheiten wie einem prätentiösen Gedicht über den Boston-Bomber Dzokhar Tsarnaev und der Bezahlung von Musikern mit "Bier und Umarmungen" von sich hören lassen. Das in einer Kirche (der einsamen Waldhütte des reichen Mannes) entstandene Album zeigt sie als fähige Performerin fremder Songs. Palmer père et fille hat das Album näher zusammengebracht. Ob der Rest der Welt daran teilhaben muss, ist eine andere Frage.



© Chimperator

Teesy: "Wünschdirwas" (Chimperator)

"Deutscher Soul", jaja, guter Witz. Trotzdem: von Xavier Naidoo über Joy Denalane hin zu kleineren Größen wie Vanessa Mason und J-Luv gab es in den letzten 20 Jahren immer wieder Künstler, die glaubhaft Soul mit deutschen Texten gemacht haben. Wichtigste Regel dabei: Man darf sie halt nicht deutsch singen, sondern in Phrasierung und Rhythmus so tun, als wäre es einfach Englisch. Den Sänger Teesy kann man mit seinem zweiten Album Wünschdirwas als Gesangstalent in diese Reihe stellen. Die nach vorne schiebende Produktion hat keine Lust auf Zukunft und weckt mit geschickt gesetzten hochgepitchten Soul-Samples Nostalgie für … die frühen 2000er. Ja, Teesy, wie der Rest des Labels Chimperator (dessen großer Star Cro auf dem Album ein Feature hat) macht Musik für Gymnasiasten und solche, die es gerne noch wären. Die Texte, irgendwas zwischen "wir waren mal jung" und "wir sind schon so alt", eignen sich für jede Abi-Feier. Und doch: Ranz und Weinerlichkeiten gehen Teesy ab. Und wer mit einem Song wie Generation Maybe bekannt wird, der Millenial-Klischees parodiert, und dann in die Fan-Box seines neuen Albums einen Jute-Beutel packt, muss Humor haben.