© Kwaidan Records

The Living Gods Of Haiti: "Bone Dry" (Kwaidan Records)

Stirb, Lotusblume, hier kommt die Voodooqueen! Als Jägerin okkulter Schätze huldigt sie Knochen, Zähnen und schwarzem Sand. Die Schriftstellerin und Videokünstlerin Rebekah Dobbins ist im Südwesten Englands aufgewachsen und syrischer Abstammung, mit dem Produzenten Marc Collin von Nouvelle Vague braut sie jetzt ein mystisches Elexier aus Dark Wave und Elektronika. Dunkler als Dead Can Dance, tribalistischer und gefährlicher als Zola Jesus gebärdet sich das, was die zwei nach dem Dokumentarfilm Divine Horsemen: The Living Gods of Haiti benannt haben. Ist es einer von Collins Analogsynthesizern, aus dem es so unheimlich endzeitlich dröhnt? Dem Weckruf folgen schamanische Trommeln, orientalische Melodik, Orgelapokalypse und metallene Saitenanschläge, über die die Zeremonienmeisterin ihre rituellen Gesänge erhebt. Als Vorlage dienen ihr Schriften von E. E. Cummings, Aleister Crowley und aus dem Zoroastrismus, einer sehr alten persischen Religionslehre. Die Esoterik bricht sich in futuristischen Synthiesounds und fluktuierenden Electrogrooves, der Tanz der Selbstermächtigung führt ins moderne Diesseits.


© Vertigo

Adiam: "Black Wedding" (Vertigo)

Überwältigend, der düstere Melodienrausch, die Gänsehaut erzeugende Stimme. Noch eine Voodooschwester? Adiam hat den kühlen Dramalook einer Bollywoodschönheit und jenes raue Timbre, das zugleich auf ihre eritreischen Wurzeln und den Pop ihrer skandinavischen Heimat verweist. Die Farbe Schwarz dominiert das erste Majorlabel-Album der in Berlin lebenden Schwedin. Die Hochzeit wird zum Begräbnis, Schwermütiges versinkt in Violinenfluten. Ihr Gesang bleibt zurückgelehnt, souverän, sie will kein Mitleid, ist zu stolz, sich aufzuregen. Das überlässt sie den Hintergrundchören, inspiriert von den Girlgroups aus Papas Plattenschrank. Doch der Kulturenmix quillt über, wo Soul und Hip-Hop allzu verliebt in den perfekten Studiosound sind. Die ehrgeizige Produktion verschüttet bisweilen das Ureigene der Künstlerin, entwaffnet die aufrührerischen Keyboardsirenen, ertränkt den Zauber des Nordic Noir in stereotypem Hochglanz. Oder es wird ein Megahit: Eine weiblich erstarkte Bitter Sweet Symphony, mit dunklen Big Beats und dem Echo der afrikanischen Habesha-Ahnen.

© Sony Music

Britney Spears: "Glory" (Sony Music)

Wenn Jochen Distelmeyer Toxic von Britney Spears covert, raschelt er leise mit dem Blues, der sich unter ihren Hotpants verbirgt, und strippt die Songstrukturen runter bis auf die Knochen. Er entblößt das Essenzielle und stellt es mit seiner monoton chambrierenden Stimme nackt vor die Hörerschaft. Auf Britneys nunmehr neuntem Studioalbum fehlt jene Vision von der einstigen Göre aus Mississippi, der Mut einer gereiften Popdiva leider ebenso. Stattdessen ergießen sich "Ooh"-Vokalschmalz, Multiplexkinosound und exakt epilierte Werbespot-Bässe, verziert von maßgeschneiderten Hip-Hop-Bounces für das einsame Girlie vorm Spiegel. Einem körperlosen Körperkult frönend, wirkt nicht einmal die stets vorgezeigte Haut echt, sie ist nur die Folie für die Produktpräsentation – mit dem Song Private Show, der einen Rest R-'n'-B-Authentizität hochzuspülen versucht, bewirbt die Unternehmerin ihr gleichnamiges Parfum. Distelmeyer, bitte übernehmen Sie!

© Tapete Records

Die Höchste Eisenbahn: "Wer bringt mich jetzt zu den Anderen" (Tapete Records)

Für die einen das Beste, was das hiesige Songwriting hergibt, andere kratzen sich ratlos am Kopf: Wie Isolation Berlin ticken sie nicht, die Raffinesse von Jens Friebe haben sie nicht, den zeitlosen Nischencharme von Die Welttraumforscher auch nicht. Dennoch sorgt die neue Platte von Die Höchste Eisenbahn wieder für Herzchenalarm, sogar bei Schulsekretärinnen. Sicher: Die satten Arrangements im Beach-Boys-Modus samt Hawaii-Chor dürfen Seltenheitswert im deutschen Indiepop für sich reklamieren. Tele-Sänger Francesco Wilkings zernäselte Silben beißen sich damit allerdings, als würde Jan Delay zum französischen Chanson konvertieren. Wir haben so lange nachgedacht bis wir wütend waren klingt ungefähr so wütend wie der Harmoniegesang der Byrds, dazu orgelt brav eine Kinderorgel. Könnte auch die Schulglocke sein. Pause!

© Karaoke Kalk

Quentin Sirjacq: "Far Islands And Near Places" (Karaoke Kalk)

Zum ideellen Durchlüften empfiehlt sich die Weite atmende Kammermusik von Quentin Sirjacq. Im Zentrum das experimentell bearbeitete Piano, ein Tastentupfer, eine Note mit ihrem Nachhall und Räume öffnen sich zu nahen Plätzen und fernen Inseln. Der Pariser studierte Komposition und verfeinerte seine Klangtechnik über Jahre, jetzt ließ er den Klaviersaiten Flügel wachsen durch zusätzliches Instrumentarium. Die breiter gefächerten Resonanzen runden sich in Bodies zur lockeren Popwerdung mit Clubmomenten. Klangfarben vom Fender Rhodes, von Marimba, Vibraphone und Glockenspiel umflattern minimalistische Melodien, klöppelt sich da der Geist von Carl Orff durch die fabelhafte Welt der Amelie? Wohl eher das Improvisierhändchen von Avantgardist Fred Frith, zu dem Sirjacq eine reale Geistesverwandtschaft pflegt.