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DJ Khaled: Major Key (Sony Music)

Vom Dichter und Freiheitskämpfer zum Dealer und Kapitalisten und schließlich zum Meme: DJ Khaled aus Miami bietet sich als Maskottchen für die vermeintlich totale Entleerung des Hip-Hops förmlich an. Der Produzent und Moderator wurde im Sendegebiet Miami mit Slogans wie "We the Best!" bekannt, auf die von ihm produzierte Alben mit zahlreichen Gaststars folgten.

Bezeichnend für Khaled ist sein absoluter Optimismus. Er ist voller Lebensweisheiten – über die Bedeutung von Kakaobutter: "Why live rough? Live smooth!" – und hat es sich zum Ziel gemacht, die ganze Welt einzuölen. Dazu benötigt man, wie in einem Zelda-Spiel, die keys. Sein neues Album heißt deswegen Major Key. Was genau DJ Khaled macht, ist nicht ganz klar. Als Produzent ist er nur bei fünf der 14 Songs angegeben, daneben beschränken sich seine Beiträge auf nach Rap-DJ-Manier in die Tracks hineingerufene Slogans. Ansonsten verbreitet er sicherlich vor allem im Studio gute Stimmung und verteilt Kissen, damit es jeder seiner hochkarätigen Gäste bequem hat. Drake, Nicki Minaj, Lil Wayne, Big Sean, Kendrick Lamar, Nas, Future – Khaled hat, bis auf Kanye, eigentlich jeden großen Rap-Namen 2016 auf der Liste.

Khaled ist ein guter Gastgeber, deswegen zeigen alle ihr Können. Nas ist auf Nas Album Done (mit schönem Fugees-Sample) präzise und bissig wie lange nicht mehr, Kendrick geht auf Holy Key (mit sehr schöner von der Soul-Legende Betty Wright gesungener Hook) vollends im religiösen Furor auf und selbst Jay Z gibt sich ein paar Takte lang Mühe.

"Ich schau mir den Burger an und da ist noch so viel Burger übrig!", freute sich Khaled einmal in seiner Radiosendung über sein geliebtes Fast Food. So ist auch sein Album: schnell sättigend und trotzdem noch nicht vorbei, aber zehn Minuten später hat man wieder Hunger.



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Atmosphere: Fishing Blues (Warner)

Nach einer Stunde mit Slug würde wohl auch DJ Khaled nur den Kopf schütteln und aufgeben. Der Rapper aus Minneapolis ist dauerverkatert, verkündet scheinbar einmal im Quartal, dass er jetzt endlich auf Drogen verzichten will, und quält sich ansonsten mit der Liebe. Zehn Alben geht das jetzt schon so, auf denen Slug zusammen mit dem Produzenten Ant seine Alltagskämpfe aufzeichnet. In diesen 20 Jahren hat er eine ganze Generation vor allem weißer Rapper (die damals noch nicht wussten, dass er "young, gifted and mixed" ist) inspiriert, im Guten (sein Label Rhymesayers) wie im Schlechten – auch Macklemore wäre ohne Slug nicht denkbar. 

Inzwischen ist er über 40, hat Kinder und wohl eine Frau, die bleibt und bei der er bleiben möchte. In seine Alltagsskizzen auf Fishing Blues über moderaten Erfolg und Langeweile fügt er empathische Skizzen über andere Suchende ein und macht sich in seinem obligatorischen Song über Polizeigewalt sogar die Perspektive eines Polizisten zu eigen, ohne ihn in Schutz zu nehmen. Immerhin heißt der Song Pure Evil. Hinter der Stimme von Slug – der, Kater hin oder her, nie über seine Reimketten stolpert – verbirgt sich immer auch Wut auf die Welt. Die Beats von Ant glätten seine (Selbst-)Geißelungen und sind scheinbar aus einer Kiste gefallen, auf der "2009" steht. Weiterentwicklung gibt es bei Pokémon Go, Slug ist einfach ein alter Freund, der immer wieder stolpert, dem man immer wieder gern aufhilft und der einen trotz aller mitternächtlicher "Ich hab schon wieder Scheiße gebaut"-Anrufe nie ausnutzt. Auf diesen Verlierer kann man zählen.



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Of Montreal: Innocence Reaches (Warner)

Kevin Barnes, der Kopf von of Montreal kommt gar nicht aus Kanada, sondern aus Ohio, und hat seine Band in Athens, Georgia gegründet, aber warum lebt er eigentlich nicht in Berlin? Wie die ganzen anderen Alternative-Musiker aus den Neunzigern, die meinen, gute Musik sei 1978 gestorben, spätestens. Mit seiner Generation gemein hat Barnes seine Liebe für Sechziger-Psychedelia und Ray Davies und das vorsichtige Schmachten (der Bandname ist inspiriert von einer unglücklichen Beziehung mit einer Montrealerin). Dafür mag er keine Flanellhemden, sondern Glam-Rock-Glamour am Rande des Gender Bendings.

Mit einem Bein in den Sechzigern hat sich of Montreal auf 14 Studio-Alben durch alle möglichen Genres der Siebziger gearbeitet, von Funk und Prog hin zu Glam und Art-Punk auf dem letzten Album Aureate Gloom. Auf der neuen Platte Innocence Reaches verfolgt Barnes diese Richtung weiter. Beide Alben sind die – Vorsicht! – Verarbeitung einer Scheidung, auf die der ohnehin erotomane Barnes mit noch mehr Überlegungen zu Geschlecht und Geschlechtsverkehr reagiert. Manchmal hat das eine unangenehm bittere Note, oft ist es aber einfach nur ein Einblick in sein Privatuniversum aus Baudelaire und Burlesque. Dazu kommen deutliche Synthpop- und Disco-Anklänge. Vielleicht muss er also gar nicht mehr nach Berlin. 



© Cleopatra

Angie Stone: Covered in Soul (Cleopatra)

Zum Schluss noch ein wirklich trauriges Album, eins der traurigsten des Jahres. Angie Stone war zu Neo-Soul-Hochzeiten buchstäblich eine Künstlerin der zweiten Reihe – mit ihrem damaligen Freund D'Angelo schrieb sie Songs für seine ersten beiden Alben und trat als Backgroundsängerin auf. Ihre Alben Black Diamond und Mahogany Soul machten Retro-Fanatiker ebenso glücklich wie ein breiteres R-'n'-B-Publikum.

Heute ist ihre Stimme rauer, sandiger, wie bei vielen Soul-Sängerinnen nach 20 Jahren Karriere. Das könnte mit den richtigen Produzenten und dem richtigen Songmaterial immerhin der Beginn einer großen zweiten Karrierehälfte sein. Angie Stone hat sich auf Covered in Soul für Klassiker entschieden. Nicht nur Kanonischem wie O-o-h Child von den Five Stairsteps, sondern auch eher verachteten Achtziger-Hits wie Red Red Wine von UB40 will sie Soul entlocken. Leider wird über alles derselbe Europop-Lounge-Kleister geschüttet, der immer ein wenig nach RTL-Talkshow klingt.

Selbst der große Einfall, In The Air Tonight mit Marvin Gaye zu koppeln, versinkt im Brei, und Angie Stone im "Und jetzt singt alle mit!". Am Ende fühlt sie sich dann noch genötigt, ein paar eigene Hits zu covern. Ihr Produzent ist Jürgen Engler, einst bei den Krupps, der schon das ähnlich gelagerte Album von Sly Stone I'm Back! betreut hat. Dieser ästhetische Totalzusammenbruch damals hatte mehr als genug Gründe, vor allem den erratischen Protagonisten selbst. Vielleicht hat Angie Stone – die im vergangenen Jahr ihrer erwachsenen Tochter mit einer Metallstange die Vorderzähne ausgeschlagen hat – auf ähnliche Weise den Kontakt zur Realität verloren.