Wenn eine Fabrikhalle voller Feuerwerkskörper explodiert, kann man sich davorstellen und sagen: "Hier gibt es nichts zu sehen, bitte gehen Sie weiter." Der Leutnant Frank Drebin hat es so gemacht, vor fast 30 Jahren in der Polizistenklamotte Die nackte Kanone. Frank Ocean macht das Gegenteil: Der begabteste und wohl auch rätselhafteste R-'n'-B-Star der Gegenwart verlangte am vergangenen Freitag nach maximaler Aufmerksamkeit. Im Livestream aus einer beinahe leeren Fabrikhalle präsentierte er Endless, sein erstes von zwei neuen Alben und einen zugehörigen, 46 Minuten langen Stummfilm. Zu sehen gab es darin: eigentlich überhaupt nichts.

Ocean überließ das Singen zunächst einer Sandmannstimme mit deutschem Akzent. Der Künstler und Fotograf Wolfgang Tillmans intoniert zum Auftakt von Endless ein paar schlaue Takte über die Abhängigkeit des Menschen von seinem Smartphone. Ocean beschäftigt sich derweil mit Handarbeit: Er ist zu sehen an der Kreissäge, beim Lackieren und Verschrauben von Sperrholzplatten, die er zu einer Wendeltreppe ins Nichts auftürmt. Dazu erklingt kein kohärentes Album, sondern eine Sammlung von musikalischen Vorahnungen auf zukünftige Frank-Ocean-Songs. Ausgebremste Trap-Rap-Beats, abgebrochene Folkpickings, erledigt meist in weniger als zwei Minuten.

Für manche Beobachter war das ein Affront. Ocean, hieß es, mache sich über Geduld und Hingabe seiner Fans lustig. Nachdem er sie jahrelang hin- und keine Deadline für sein nächstes Album eingehalten hatte, führe er mit dem offensichtlich unvollendeten Endless nun auch noch ihren Wissensdurst vor. Echte Einblicke in sein Schaffen simuliere der Film lediglich. Am Ende nütze er vor allen Dingen Oceans Selbstinszenierung als unverstandenem, aber genialem Eigenbrötler.

Alles im Fluss

Dabei ist das Bild von Ocean als sensibler Künstlerseele doch in erster Linie eine Medienerfindung. Mit den oft von klassischer Rap-Rohheit ausgehenden Inhalten seiner Songs hat es wenig zu tun. Auch aus Endless spricht eine gewisse Härte: Indem der Film Fleiß und Aufmerksamkeit nicht automatisch belohnt, sondern auch ihre Vergeblichkeit illustriert, entpuppt er sich als realistischer Kommentar zum Verlauf von kreativen Prozessen. Manchmal schürft man Gold. Meistens sägt man Sperrholz.

Vor diesem Hintergrund erfüllt auch die unbeständige, nur gelegentlich groß aufflackernde Endless-Musik ihren Zweck. Das plüschige Isley-Brothers-Cover At Your Best (You Are Love) mit Streichern von Radioheads Jonny Greenwood und James Blake am Keyboard steht neben Comme Des Garçons, das nach 52 Sekunden genauso abrupt endet wie der Sex, den Ocean darin beschreibt. Der Künstler bekennt sich zum work in progress. Seine Songs und Songskizzen bleiben immer in Bewegung, jederzeit verformbar. Nichts scheint endgültig, alles ist im Fluss.

Für das vermeintliche Hauptwerk Blonde (beziehungsweise Blond) gilt das noch mehr. Das zweite neue Album von Frank Ocean, veröffentlicht zwei Tage nach Endless, trägt einen weiblichen und einen männlichen Titel. Ocean selbst erscheint auf dem Coverfoto (ein weiterer Job für Wolfgang Tillmans) androgyn. Eine limitierte Auflage von Blonde war mit verändertem Tracklisting in ausgewählten Pop-up-Stores erhältlich, zusammen mit einem 300-seitigen Prestigeobjekt-Magazin. Es enthält unter anderem Gedichte von Ocean (an einen Boyfriend) und von Kanye West (an die Pommes bei McDonald's).