© Xtra Mile / Indigo

Against Me! – Shape Shift With Me (Xtra Mile / Indigo)

Beinahe wären Against Me! die Bon Jovi des amerikanischen Punkrock geworden. Mitte des vergangenen Jahrzehnts hatte die Szene Bruce Springsteen zu ihrer neuen Lichtfigur erklärt und war mit dieser Entdeckung in die Breite gegangen – weshalb ein großes Label bereit war, große Hoffnungen in die Anpassungsfähigkeit von Against Me! zu setzen. Das Experiment ging schief: Die Band aus der Genre-Hochburg Gainesville, Florida schwenkte um auf radiofreundlichen Bombast-Punk, schaffte es damit jedoch nicht ins Radio. Neun von zehn Bands hätten danach entweder Schluss gemacht oder einen vorgeblich erwachsenen Folk-Exkurs unternommen. Against Me! setzten auf Re-Radikalisierung und kehrten im Jahr 2014 mit dem selbsterklärenden Protest-Punk-Album Transgender Dysphoria Blues zurück.

Ihre siebte Platte Shape Shift With Me führt diesen Weg fort: Es gibt noch immer viel Hauruck und Vierschrötigkeit, aber auch Wut und Besorgnis, mehr handlich als hymnisch inszeniert von der Songwriterin und Sängerin Laura Jane Grace. Shape Shift With Me handelt von Geheimnissen, die man dem Ganzkörperscanner am Flughafen offenbart. Es listet gute Gründe auf für mehr Hass im Alltag und sinniert in einem besonders gewagten Song über Zusammenhänge zwischen Sinnlichkeit, Sex und Selbstmordattentaten. Die Transfrau Grace stellt den menschlichen Körper ins Zentrum ihrer Betrachtungen. Sie ist keine Songwriterin der Feinheiten, bringt jedoch das Unbehagen der Anderen über ihr Erscheinungsbild ebenso eindringlich zum Ausdruck wie die Tritte und "head wounds", die sich ihre Lieder in jeder zweiten Strophe einfangen.



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How To Dress Well – Care (Domino / GoodToGo)

Die Musik von Tom Krell steckt voller Feuerwerke, Raketenstarts, galoppierender Pferdeherden und sonstiger Freudenspender, die in jugendfreien Filmkomödien dort auftauchen, wo eigentlich eine Sexszene hingehört. Der 32-jährige Philosophiedoktorand aus Chicago ist ein optimistischer Denker und Schwärmer, ein Weltverbesserer im besten Sinn – und inzwischen hört man ihm das auch an. Schritt für Schritt hat sich Krells Soloprojekt How To Dress Well vom rauschend aufgenommenen Bettkanten-Genuschel zur Popmusik für würstchenfreie Fußballstadien entwickelt.

Das vierte Album von How To Dress Well heißt Care und steht, so Krell, im Zeichen einer "nicht hippiemäßig gemeinten Sexbegeisterung". Für den Künstler hat das nichts mit Triebabbau oder männlichem Besamungsdrang zu tun: Ihm geht es darum, durch Sex echte Intimität herzustellen. Klingt gut! Und äußert sich in einer Platte, die man durchaus als dauersteif bezeichnen könnte. Care erreicht neue Höchstwerte der Ekstase, es ist ein grelles, überbelichtetes, aber doch geschmackvolles Popalbum, das den Spätsommer sicher nach Hause schaukelt. Als hätte der R-'n'-B-Hedonist The Weeknd endlich gelernt zu lieben.



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Preoccupations – Preoccupations (Jagjaguwar / Cargo)

Weil es verboten ist, den Menschen auf der Straße wahllos die Autotür ins Gesicht zu hauen, hat man in Großbritannien und Nordamerika vor etwa 40 Jahren die Musikrichtung Post-Punk erfunden. Post-Punk belohnt große Disziplin mit kleineren Wutausbrüchen. Es ist oft humorlose, aber dafür widerstandsfähige Musik, von Bass und Schlagzeug monoton vorangetrieben, während die Gitarre graustichig drumherum malt. Gute Post-Punk-Bands kommen meist dort her, wo es kalt ist. Die derzeit beste Post-Punk-Band heißt Preoccupations und kommt aus Calgary in Kanada. Dort ist es sehr kalt.

Das selbstverständlich unbetitelte zweite Album von Preoccupations (bis zum vergangenen Jahr firmierte die Band unter dem Namen Viet Cong) hat die Regeln des Genres so sehr verinnerlicht, dass es gelegentlich sogar mit ihnen brechen kann. Zwischen Songklumpen mit Programmtiteln wie Anxiety, Degraded und Forbidden warten dieses Mal auch spielfreudige Stücke, die mit flüssigen Bewegungen vom Schwitzkasten in die Umarmung wechseln und von einer Kellerloch-Version der New Yorker Edel-Post-Punks Interpol stammen könnten. Spaß ist was anderes, aber hören sollte man Preoccupations schon. Nicht zuletzt Autotür und Mitmenschen zuliebe.



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Mykki Blanco – Mykki (Dogfood / !K7 / Indigo)

Neulich war Mykki Blanco in Brandenburg. Natürlich nicht zum Spaß, sondern für einen Videodreh. In High Schoon Never Ends erzählt der New Yorker Rapper ein Romeo und Julia-Update aus seiner Welt: Ein schwarzer Transmann und ein weißer Skinhead kommen sich in dem Clip näher, allerlei Drogen hüllen das Geschehen in Unschärfe, und am Ende wird mit Messern aufeinander eingestochen. Schon der Songtitel deutet es an: ein weiterer normaler Tag im Leben des queeren Star-Rappers Mykki Blanco.

Bereits seit einiger Zeit steht Blanco für wohltuende Zwei- und Mehrdeutigkeiten im Hip-Hop, für sexuelle Fluidität und stilistische Wandelbarkeit, aggressive Intimität, Selbstauslöschung und Kritik an corporate bullshit. Nach einer Reihe von Mixtapes und kollaborativen Projekten erscheint sein Debütalbum Mykki nun als verschwommene Trap- und Cloud-Rap-Meditation. Es ist eine Platte, auf der die Beats eher zur Seite driften als vorantreiben, Blanco in überschaubarer Geschwindigkeit rappt und Illusionen von Liebe und fun nur mit der richtigen Hausapotheke möglich erscheinen. Wer Blancos Entertainerqualitäten kennt, hätte womöglich ein anderes Album erwartet. Mykki ist jedoch genau die Platte, die wir verdient haben.