Einmal hat ein Radiomoderator während seiner Sendung zu Angel Olsen gesagt, sie singe wie ein Mädchen auf dem Grund eines dunklen Brunnens. Das war der zweitschlimmste Moment in der Karriere der inzwischen 29-jährigen Songwriterin aus Asheville, North Carolina. Der schlimmste Moment war, als Olsen nach der Sendung klar wurde: Ihr Gastgeber hatte zwar schlechte Manieren, in der Sache aber gar nicht so unrecht.

Seit sie vor zweieinhalb Jahren mit ihrem zweiten Album Burn Your Fire For No Witness größere Aufmerksamkeit unter Indierock-Fans und Folk-Puristen erregte, gilt Olsen in beiden Lagern als Lieferantin des ganz harten Zeugs. Ihre meistens karg und manchmal kratzig inszenierten Songs handelten von Menschen, die das Leben mit sich selbst ausmachen – von Ausgeschlossenen, Abgehängten und anderen stillen Wassern. Wer sich darin erkannte, glaubte in Olsen eine neue Leitfigur gefunden zu haben. Die Künstlerin aber hasste die Schublade, in der sie plötzlich steckte.

Das gerade erschienene Album My Woman will keine Schublade, sondern die ganze Schrankwand sein. Es zeigt, dass die Frau im Brunnen lediglich ihre populärste Rolle ist, nicht aber die einzige. Olsen probiert darauf eine Reihe von Popstarkostümen durch, die bisher nicht zu ihrem Repertoire gehört hatten, und betont diesen Wandel mit dem selbstgedrehten Video zum Song Shut Up Kiss Me. Darin sieht man, wie sie mit silberner Lametta-Perücke in Cadillac, American Diner und Rollschuhdisko verschiedene Divenzustände zwischen gelangweilt, hysterisch, aufgelöst, entschlossen und erhaben persifliert.

Shut Up Kiss Me ist ein Glam-Grunge-Spagat über das Bedürfnis, jemanden zu küssen, damit er endlich aufhört, Schwachsinn zu reden. Tinder-User kennen dieses Gefühl aus jedem zweiten Date. Olsen schöpft es jedoch aus einem Sarkasmus, der fast alle ihre Rollenspiele auf My Woman begleitet. Als "just another intern with a résumé" bezeichnet sie die Protagonistin eines Songs, der sich in Lana Del Reys patentierter Schrittgeschwindigkeit über glitzernde Synthieflächen bewegt. "Was it me you were thinking of? / Or was it your mother?" fragt sie einen Liebhaber, während in Heart Shaped Face lupenreiner Eltern-Folkrock erklingt.

Im Interview mit dem Onlinemagazin The Ringer hat Olsen über einen David-Bowie-Traum berichtet, nach dem sie entschied, ihre Songs und sich selbst in Zukunft exaltierter und extrovertierter inszenieren zu wollen. Es gibt jedoch ein aufschlussreicheres Vorbild für My Woman, die Country-Pop-Unternehmerin Dolly Parton. Auch diese war zu Beginn ihrer Karriere auf eine bestimmte Art von Song und Publikum abonniert: Sie schrieb und sang Nashville-üblichen Standard-Country an der Seite ihres Förderers und Gönners Porter Wagoner. Interessant wurde die Sache erst, als Parton Mitte der siebziger Jahre das Regelwerk dieser Beziehung zerknüllte.

Ihr Songwriting wurde poppiger, ihr Auftreten glamouröser. Parton war plötzlich Witzfigur und Weisheit in Person, Karikatur des ganzen Cowboyhut-Treibens und Vorreiterin auf einem möglichen Ausweg. Country- und Popfans, die ihre Platten damals noch in voneinander getrennten Lagern sammelten, erklärten sie gleichermaßen für verrückt. Parton jedoch bewies volles Bewusstsein über ihren Kurs, mal durch feine Ironie, mal mit der Faust auf dem Tisch. Während sich Nashville noch das Maul über sie zerriss, begründete die Künstlerin eines der ersten weiblich geführten Imperien der Musikgeschichte.

Ein bedeutsames Album

Angel Olsen, 29, aus North Carolina © Amanda Marsalis

Sellout-Vorwürfe sind Angel Olsen bisher weitgehend erspart geblieben, auch wenn My Woman ihr bisher zugänglichstes Album ist. Was ihre Stücke neben einem gelegentlichen Country-Einschlag mit Parton verbindet, ist die Aneignung von Gesten und Stilmitteln, die in der Popmusik noch immer überwiegend männlich besetzt sind. Durch Olsens Song Sister schlängelt sich ein Gitarrensolo, wie es eigentlich nur in der dritten Stunde von Neil-Young-Konzerten erlaubt ist. Give It Up gönnt sich ein Nirvana-Riff, in dem sogar Belustigung über deren zahlreiche Neo-Grunge-Nacheiferer mitschwingt.

My Woman lebt von solchen Sounddetails: der richtigen Basstemperatur, den passenden Dellen in der Gitarre. Olsens Arrangements sind klangverliebt und humorvoll, sie bezeugen den Gestaltungswillen einer Bandleaderin, die noch immer häufig auf die Rolle der Muse reduziert wird. Weil ihre Karriere vor fünf Jahren mit einem Job in der Band von Bonnie "Prince" Billy Fahrt aufnahm, vergeht bis heute kaum ein Interview, in dem Olsen nicht auf das Genie des Folk-Auteurs und seine Bedeutung für ihre Entwicklung angesprochen würde. Spätestens My Woman erklärt diese Fragen zur Frechheit.

Olsen singt darauf Liebeslieder, wie schon auf ihren ersten beiden Alben. Mit den Rollen der Songwriterin sind jedoch auch die Blickwinkel vielfältiger geworden. My Woman handelt davon, wie sich Liebe manifestiert und verflüchtigt, wann man sie loslassen sollte und wieso man gerade dann oft an ihr festhält. Einige Songs darauf könnten wieder auf dem Grund eines dunklen Brunnens beginnen. Aber dann geht es darum, sich eine Leiter zu organisieren.

Die Beziehungskonstellationen und das Songwriting bleiben auf My Woman konventionell, sicher verankert in US-amerikanischer Folktradition. Was die Platte bedeutsam macht und ihr sogar politische Sprengkraft verleiht, sind Olsens Rollenspiele. Nie verfällt sie damit in bequeme Kopien anderer Künstler, immer geht es darum, sich neue Perspektiven anzueignen und ihren Gebrauchswert für die eigene Musik zu überprüfen. So schreibt Angel Olsen Songs, die das Leben in seiner ganzen irrwitzigen, tragischen Tragweite erfassen. My Woman sollte nicht nur begriffsstutzige Radiomoderatoren davon überzeugen.

"My Woman" von Angel Olsen ist erschienen bei Jagjaguwar / Cargo.