Manchmal weiß das Werk mehr als der Autor. Es erzählt mehr, als er eigentlich ausdrücken wollte. Das passiert nicht allzu oft, zumal im Bereich der Popmusik, wo häufig das Gehörte auch das Gemeinte ist und man eine zweite Bedeutungsebene vergeblich sucht. Aber es gibt sie, diese Alben, die sich immer weiter aufschließen lassen wie ein Schrank im Schrank im Schrank. Im Fall von Bon Ivers 22, A Million ist es wohl ein Spiegelschrank unserer Zeit.

Bon Iver, mit bürgerlichem Namen Justin Vernon, ist dieser bärtige Kerl aus Wisconsin, der vor zehn Jahren einen eisigen Winter mit Gitarre und Sampler in einer Jagdhütte verbrachte. Er spazierte hinaus in die Frühjahrssonne mit einem Debütalbum, das Hunderttausenden die Herzen wärmte. Diese Falsettstimme, diese Harmonien, diese Melancholie. Mit der zweiten Platte gewann er 2012 zwei Grammys, die großen Scheinwerfer gingen an, Kanye West holte ihn zu sich auf die Bühne und führte den zerzausten Justin Vernon in die Hochglanzgesellschaft ein. Der Mann hinter Bon Iver wurde zum alternativlosen Fixpunkt für alle, die sich selbst als Alternative begriffen. Der Superproduzent und Lieblingskollaborateur schlechthin.

Aber wie soll das eigentlich funktionieren – Indie für alle, Randständigkeit im Zentrum der Aufmerksamkeit, der Schrat der Herzen? Justin Vernon ging es überhaupt nicht gut damit. Sinnkrise, Depression, Rückzug aus der Öffentlichkeit. Vier Jahre brauchte er, um als Bon Iver einen neuen Ton zu finden. Jetzt hat er ihn, und er ist großartig. Noch immer harmoniesüchtig, aber zugleich rau, druckvoll, übertechnifiziert und gebrochen.

Blickdichtes Symbolgewebe

22, A Million ist ein Zeichenkonvolut, das unentschlüsselbar erscheint. Ein Gestrick aus Zahlenmystik, polyreligiöser Symbolik und obskurem Pophumor umschließt schon das Albumcover. Für die Songtitel kursieren bereits Ausspracheanleitungen im Netz. 666 ʇ, 715 – CR∑∑KS oder ____45_____ – hat Vernon in den neusten Tattookatalogen geblättert, zu viel Dan Brown gelesen, oder ist er auf einem Witch-House-Trip hängen geblieben? Man ahnt, dass er sich auch in seinen Texten bedeckt halten wird. Seine Art der Lyrik ist eher assoziativ. Explizites war noch nie sein Fall, und nach dem Nervenzusammenbruch möchte er nicht mehr mit so vielen fremden Leuten über sein Tun sprechen.

Immerhin war er so zuvorkommend, sein Werk auf einer Pressekonferenz in seiner Heimatstadt Eau Claires sowie in zwei Interviews mit der New York Times und dem Guardian zu erklären: 22 ist eben seine Lieblingszahl, er mag das Konzept des Dualismus, findet es spannend, religiöse Zitate in weltliche Kontexte zu übersetzen, Altertümliches und Postmodernes zu verquicken, hat einfach Spaß an diesem blickdichten Symbolgewebe.

Die Decodierung dieses Kryptojuxes spielt allerdings keine so große Rolle, wenn man zum eigentlichen Sinn des Albums vordringen will. Die Bedeutung von 22, A Million erschließt sich vor allem auf rein musikalischer Ebene. Die meisten der zehn Stücke sind kurzweilige Skizzen, instrumentalisierte Aperçus, Stilcollagen aus Folk, Jazz, Rock, Gospel, Dubstep, Hip-Hop, Avantgarde, verzerrt und kaputt. Im Vordergrund stehen Spielereien mit dem analogsten aller Instrumente – der Stimme – und seiner digitalen Verfremdung. Kaum ein Song kommt ohne Vocoder aus: Per Tastendruck harmonisiert und moduliert der große Sänger Justin Vernon seine naturgegebene Einstimmigkeit. Die Maschine ist sein engster Begleiter und, wenn gewünscht, sein vielfacher Avatar.