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M.I.A.: A.I.M. (Interscope/Universal)

In einem der besten Texte, der je beim Onlinemagazin Pitchfork erschienen ist, befasste sich Nitsuh Abebe mit M.I.A. und brachte mit einer einfachen Formel die Problematik von politischer Kunst auf den Punkt: Was ist wichtiger, dass sie resonant oder richtig ist? Damals, im Sommer 2010, hatte Maya Arulpragasams Image als Freiheitskämpferin in Hip-Hop-Gestalt einige Kratzer bekommen, als sie in einem Artikel der New York Times verkündete, eine Außenseiterin sein zu wollen und danach Trüffel-Pommes verzehrte.

Einerseits typisch Hip-Hop – ich komm von der Straße/ich bin Millionär – andererseits verhängnisvoll, wenn man sich, wie Abebe schrieb, explizit als "Stimme der Dritten Welt" verkauft. Das viel größere Problem aber, laut Abebe: "M.I.A. hat unglaublich wenige Hemmungen, sich mit der Idee von politischer Gewalt zu schmücken."

In der Musikpresse wurden diese Aspekte gern übersehen – auch später noch, als die bittere Scheidung von einem Spross aus dem Bronfman-Clan lief und M.I.A. sich im so gerühmten Video für Bad Girls kurz als orthodoxer Jude mit goldenen Schläfenlocken verkleidete. Schließlich war sie eine vermeintlich authentische Erzählerin aus der Dritten Welt, die auch noch die Sprache des Pop beherrschte. Ob resonant oder richtig, das tauchte als Frage gar nicht.

Inzwischen ist M.I.A.s Bühne kleiner geworden, was auch mit Selbstdemontage zu tun hat. Dabei wäre dieser Moment, in dem die Welt von den Gespenstern des Kolonialismus heimgesucht wird, eigentlich ihrer: Die Welt, die sie beschreibt, ist die Welt, in der wir leben, das versteht inzwischen auch der Letzte.

Aber genau jetzt wird sie – beinahe – versöhnlich und persönlich. A.I.M. soll angeblich ihr letztes Album sein. Die Vorab-Single Borders – deren Video ähnlich solipsistisch ist wie Ai Weiweis Strandfoto und deren Text "borders/what's up with that/politics/what's up with that" schon Selbstparodie war – ließ radical kitsch befürchten.

Aber der Rest des Albums ist eher radikal skizzenhaft. Die frühe M.I.A., die nicht mehr als Sequenzer und Drummachine brauchte, kommt natürlich nicht wieder, aber in reduzierten Tracks wie Visa oder dem Höhepunkt Fly Pirate lassen sich die rauen Hip-Hop-Wurzeln noch spüren. Ihr Hausproduzent Diplo, der beim letzten Album wegen eines Streits ausgesetzt hatte, darf wenigstens auf einem Bonustrack mitmachen, genauso wie der Ex-Boybandboy Zayn Malik in der Hook vom Tiefpunkt Freedun. Straßengekratze und nerviger Kunstpop, giftige kleine Textzeilen ("refugees learn about patience") und blöde Parolen: Wenn das wirklich M.I.A.s letztes Album sein sollte, dann hat sie wenigstens noch einmal jede Seite von sich gezeigt.



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Wilco: Schmilco (Anti)

Das zehnte Album der Band aus Chicago könnte nicht verbrauchter anfangen: "Always hated those normal American kids", verkündet Jeff Tweedy. Er ist 46. Seine Band Wilco verlässt die Art-Punk-Sphären des letzten Albums und spielt lieber Folk-Trauergesänge mit zynischem Augenzwinkern. Das sind die zwei Herzen, die in seiner Brust schlagen – beide nur ausgeliehen, das eine von Tom Verlaine, das andere von Warren Zevon.

Hier kommen beide zusammen – das Ergebnis klingt, mathematisch logisch, wie das dritte Album von Velvet Underground, während Jeff Tweedy weiter an seiner Lennon-Imitation arbeitet. Beides funktioniert zusammen gut, so entsteht eine vage bedrohliche Akustik-Intensität, die manchmal an Wahnsinn grenzt, aber ohne Katharsis bleibt.

Dahinter verbergen sich, das ist bei Wilco nicht immer gegeben, oft richtige Songs. Das alles ist so ungefährlich wie 30 Jahre später auf die anderen Jugendlichen zu spucken, mit denen man aufgewachsen ist. Aber Fans von Wilco kennen, was sie mögen und mögen, was sie kennen. Solange Trump nicht gewinnt und sein frisch bestellter Minister für Rock, Ted Nugent, ein Indie-Verbot ausspricht ("Mit 46 schreibt man keine Gedichte, sondern tötet Hirsche, um die innere Leere zu vergessen!"), kann das auch zehn Alben so weitergehen.



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Izzy Bizu: A Moment of Madness (Sony)

Wo wir bei musikalischen Gesetzen sind: Wer jung und aus London ist, muss natürlich Soul-inspirierten Pop machen. Izzy Bizu ist keine Ausnahme. Aber sie orientiert sich nicht nur an den zehn üblichen Verdächtigen, sondern auch an Heldinnen aus der zweiten Reihe, wie Bettye Swann und Bettye LaVette. Von ihnen hat sie eine oft vernachlässigte Tonart gelernt: das vorsichtige, verletzte Schluchzen. Häufig geht es dabei um die Sehnsucht nach einem bad man, die in den tiefsten Momenten fast masochistisch wird.

Bizu spielt auf ihrem Debüt A Moment of Madness diese Sehnsucht konsequent durch – auf What Makes You Happy sogar an der Grenze zur häuslichen Gewalt. Dazu zirpt die Blues-Gitarre und Doo-Wop-Sängerinnen shoop-shoopen dazu. Problematic, klar, aber dafür auch spezifisch, oder wenigstens spezifisch ausgedacht. Nur das digitale Plattenknistern trübt das Gesamtbild. EDM mit den Mitteln von Pop-Soul (White Tiger), Sunshine-Disco (Skinny), Retro-Rumore mit Black-Keys-Anklang (Glorious) – Bizu probiert alles mal aus und kann sich am Ende nicht entscheiden. Trotzdem: Als Performerin, also als Vermittlerin von Gefühlen, setzt sich Bizu stets durch.



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St. Paul & The Broken Bones: Sea of Noise (Sony)

Retro, die Zweite: Die Soul-Band St. Paul & The Broken Bones orientiert sich nicht an Zweitverwertern, sondern will direkt an die Quelle. Das Debütalbum der Gruppe aus Alabama wurde in den Fame Studios aufgenommen. Sea of Noise ist der Nachfolger, auch wieder an historischen Orten entstanden, musikalisch voller Referenzen an die Vergangenheit. Die Quasi-Mono-Dichte des ersten Albums hat sich aufgelöst, die Produktion ist breiter, dramatischer, um sich dann doch wieder zusammenzuziehen und sich dem Kammer-Sound von Hi Records (Al Green, Ann Peebles) zu nähern. Statt auf Bläser konzentriert sich die Gruppe diesmal lieber auf Streicher, die von der Stax-Legende Lester Snell arrangiert sind.

Textlich versucht der Kopf Paul Janeway, ein paar Kommentare über die Gegenwart (Gender; soziale Medien) in die Songs zu schmuggeln und erfüllt ansonsten genau die Erwartungen an einen weißen Sänger, der angeblich wie ein schwarzer Sänger klingt. Auch wenn die Breakdowns zu gewollt klingen und Janeway noch nicht die Kunst der Stille gelernt hat: Das Ergebnis ist eine Platte, die in den besten Momenten tatsächlich so klingt wie eine Stax-Single, ca. 1969. Warum das aber ein Ziel sein sollte, solange es die alten Songs noch gibt, kann sie auch nicht beantworten.