ZEIT ONLINE: Herr Velten, Sie sind Musikpromoter und Sprecher des Preises für Popkultur, der jetzt zum ersten Mal verliehen wird. Warum eigentlich? Es gibt doch den Echo.

Stephan Velten: Der Echo ist ein Musikpreis der Industrie, deren Interesse und Hauptkriterium natürlich der Umsatz ist. In Zeiten, in denen Deluxe-Editionen und werbliche Produkte eine immer größere Rolle spielen, kann man auch einen Echo gewinnen, wenn man faktisch weniger Käufer erreicht, aber einfach mehr Umsatz mit den Produkten gemacht hat. Das hat ja mit einer kulturellen Bewertung nichts zu tun.

ZEIT ONLINE: Dafür wird der Echo seit Jahren kritisiert. Sie wollen jetzt einen Anti-Echo etablieren?

Velten: In Deutschland gibt es diverse Musikpreise, aber keinen, der sich von einer Interessensgemeinschaft löst und von einem Juryurteil abhängt, also das Werk des Künstlers in den Vordergrund stellt und nicht den kommerziellen Erfolg oder eine Abstimmung unter Fans.

ZEIT ONLINE: Wie läuft das bei Ihnen?

Velten: Wir haben einen Verein gegründet, ganz klassisch und bieder. Alle Vereinsmitglieder stellen die Jury, aber der Vereinsvorstand lässt nur jene als Mitglieder zu, die sich in professioneller Form um musikalische Popkultur in Deutschland bemühen. Wir haben jetzt ungefähr 350 Vereinsmitglieder, die aus der Musikindustrie kommen, eine Menge Künstler, Fotografen, Grafiker, Journalisten. Wir haben auch darauf geachtet, dass keine Firma mehr als 7 Prozent der Gesamtjury darstellt. Alle Mitglieder konnten ihre Vorschläge einreichen, aus allen Genres und Szenen. Die vorgeschlagenen Künstler müssen nur ihren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt in Deutschland haben. Danach hat die Mitgliederjury online abgestimmt.

ZEIT ONLINE: Der Vereinsvorstand ist also ein Kontrollgremium. Ist das vergleichbar mit der Ethikkommission, die der Echo eingeführt hat, als ihm die Debatte um die Nominierung der rechtsnationalen Band Frei.Wild zu heiß wurde?

Velten: Solch ein Fall würde im Vorstand diskutiert, ja. Wir haben in die Vereinssatzung aufgenommen, dass wir uns die Möglichkeit offenhalten, Leute aufgrund von rassistischen, homophoben und menschenverachtenden Tendenzen nicht in den Verein eintreten zu lassen. Bezüglich Homophobie im Deutschrap gibt es großen Diskussionsbedarf im Vorstand.

ZEIT ONLINE: Sie verleihen den Preis in Kategorien wie "Lieblingslied", "Lieblingsalbum", "Lieblingsband". Wie sind die Auszeichnungen dotiert?

Velten: Mit Trophäen.

ZEIT ONLINE: Man gewinnt kein Auto und einen Modelvertrag bei Heidi Klums Vater?

Velten: Das geht schon allein aufgrund unserer Gemeinnützigkeit nicht. Unser Ziel ist natürlich, die Popularität von Künstlern zu fördern, die vielleicht bei anderen Preisen nicht derartig im Rampenlicht stehen. Der meistnominierte Künstler ist Drangsal, der zum Beispiel beim Echo nicht stattfinden würde.

 ZEIT ONLINE: Also richten Sie den Scheinwerfer auf die kleineren Bühnen?

Velten: Nein, wir betreiben keine Indiekrämerei, wir wollen die Poplandschaft komplett abbilden. Es gibt große Majorkaliber wie KIZ, die in derselben Kategorie nominiert sind wie Turbostaat und AnnenMayKantereit. Hätte Helene Fischer die Vorauswahl überstanden, wäre sie natürlich auch dabei. Offensichtlich gehört Helene Fischer nicht zu den Lieblingssolokünstlerinnen der Jury.

ZEIT ONLINE: Eingangs sagten Sie, der Preis sei kein Ausdruck einer Interessengemeinschaft. Im Vorstand sitzen aber Leute, die seit Jahren als Agenten der Popszene ihren Lebensunterhalt verdienen. Dass die Künstler, die sie betreuen, also mehr Aufmerksamkeit bekommen, ist Teil ihres Jobs und damit ganz klar ihr persönliches Interesse. Ist so eine Preisverleihung nicht die wirksamste Form des Marketings? 

Velten: Das mag sein. Natürlich ist es ein Marketingtool für die jeweilige Band. Ich habe lange die Band Elbow begleitet, die in Großbritannien immer als der Indiegeheimtipp, die besseren Coldplay galt, aber nie ein Forum bekommen hat. Erst durch den Gewinn des Mercury Prize hat sie große Aufmerksamkeit erlangt hat. Da hat man sehr deutlich gesehen, was für einen Anschub so ein Preis geben kann. Aber wir können es ja gar nicht steuern, wie abgestimmt wird, wir wissen es selbst bis ganz zum Schluss nicht.

Die Verleihung des Preises für Popkultur findet am 9. September im Berliner Tempodrom statt. Publikumstickets sind an Konzertkassen erhältlich. Arte Concerts und Radio Fritz werden Auszüge der Show mit Liveauftritten von Casper, Boy, Bosse und Isolation Berlin senden.