ZEIT ONLINE: Warum brauchen Menschen Musik?

Dieter Meier: Weil sie neben der Sprache der Anfang des Menschseins ist. Der erste Mensch hat ja schon in der Natur Klänge gehört und man findet bei Homo-Sapiens-Erscheinungen bis heute primitivste Formen von Flöten aus Knochen oder Rhythmusinstrumenten. Der Mensch ist Musik.

ZEIT ONLINE: Macht es einen Unterschied, ob die Töne elektronisch oder auf natürlichen Instrumenten gespielt werden?

Meier: Glaube ich nicht. Der technische Fortschritt hat stets der Musik gedient und sie erweitert. Denken Sie an die Harfe, die flach gelegt und dann mit Hämmerchen als Cembalo bespielt wurde. Aus dem wiederum entstand später das Klavier. Und immer ging es darum, noch differenziertere Klänge zu erzeugen und die Musik weiter zu beseelen.

Boris Blank: Als meine Mutter krank war und im Spital in der geriatrischen Abteilung lag, habe ich ein bisschen Geld gespendet, um Instrumente für die dementen Leute zu kaufen. Als die dann spielten, waren sie überglücklich und man konnte plötzlich über die Zeiten reden, in denen sie jung waren. Musik verbindet Stimmungen, Erinnerungen und Gefühle mit der Gegenwart.

ZEIT ONLINE: Mit Yello machen Sie seit 38 Jahren elektronische Musik. Was ist heute – in Zeiten von David Guetta, Avicii oder Dr. Dre – schöpferisch anders? Die Automatisierung?

Meier: Eigentlich gibt es zwischen gregorianischen Gesängen, Streichquartetten von Beethoven und moderner Musik keine Differenz. In der Essenz geht eine Komposition aber unterschiedlich tief. Was auch daran liegt, dass viele Musiker heute von ihren Instrumenten gespielt werden, nicht umgekehrt. Die scheinbare Vielfalt des Klangangebots führt zur Einfalt der Musik. Die kommerziellen DJs wie David Guetta shaken da auf der Bühne, unterhalten die Massen und bekommen eine halbe Million Euro pro Auftritt, aber artistisch ist das eine Pöbelei, eine Hysterie von austauschbaren Machern und flacher Musik ohne große Identität.

Blank: Was aber auch mit der Belanglosigkeit vieler Massenmedien zu tun hat, auch der Radiosender. Bei Konsummusik bleibt selten etwas hängen, aber zum Glück wird noch getanzt. Wenigstens das.

ZEIT ONLINE: Trotzdem hat David Guetta beim Streamingdienst Spotify fast 23 Millionen Fans und Sie mit Yello kaum mehr als 160.000. Was bedeutet das?

Meier: Mal abgesehen davon, dass wir Spotify bis vor Kurzem gar nicht bedient haben: Was Guetta macht, ist Kitsch und Kitsch war immer schon erfolgreicher als Kunst. Der Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem wurde mal gefragt, warum in seinem Genre so viel Schrott produziert wird. Seine Antwort: 'Ganz einfach! In allen Gebieten der Kunstversuche ist 98 Prozent Schrott, bei uns traut man sich, es auch zu sagen.' Der Mann hat völlig recht: Schauen Sie sich doch mal die meisten Lyriker von heute an, die sich gespreizt wichtig nehmen und romantisch säuseln. Alles Humbug, alles Kitsch. In der Malerei, der Postmoderne ist es nicht anders; auch wenn Kuratoren, Sammler und Museumsdirektoren das in der Irrationalität ihrer kurzen Nahrungskette anders sehen. Da sind viele Mitläufer, Angepasste und Opportunisten unterwegs, die nicht sich selbst erfinden, sondern ein Marketingkonzept.

Blank: Wobei ich auch Yello nicht als Kunst bezeichnen würde. Trotzdem haben wir zumindest den Anspruch, nicht das einfachste und gefälligste Strickmuster zu liefern. Dafür finde ich 160.000 Fans bei Spotify eine ganze Menge.

ZEIT ONLINE: Die von Ihnen, Herr Blank, entwickelte Kompositionsapp Yellofier wurde bei iTunes 2014 zum letzten Mal aktualisiert. Kommt mal wieder was Neues?

Blank: Ja, es ist im Gespräch, dass da neue Ideen dazukommen. Möglicherweise gibt es auch eine Fassung namens Yellofier Toy, die auf unser neues Album aufsetzt.

ZEIT ONLINE: Auf den Straßen gibt es kaum noch junge Menschen ohne Kopfhörer oder Knöpfe im Ohr. Hören die wirklich Musik oder ist das nur ein Grundrauschen, ein Schutz vor dem Außen?

Blank: Das frage ich mich auch. Ich bin ja oft mit dem Rad unterwegs. Selbst wenn ich klingele und laut rufe, hören mich die Jogger vor mir nicht. Was machen die? Wenn ich im Wald bin, nehme ich doch die Natur wahr, höre meine Schritte. Aber in welcher Welt leben diese Leute? Keine Ahnung.

Meier: Ich habe den Eindruck, das ist eine sich verselbstständigende Sucht, nicht dort zu sein, wo man eigentlich ist. Dieses Nicht-mehr-vorhanden-Sein im realen Leben ist die große Seuche des Internet. Man will mit allem connected sein, nur nicht mit dem Stuhl, auf dem man gerade sitzt. Das ist eine permanente Gegenwartsflucht. Im Dialog mit anderen Menschen zu sein, ist eine Herausforderung. Dem entfliehen die Leute. Diese blöde Maschine Smartphone saugt alles ab.

"Dieser lächerliche Purismus ist völliger Blödsinn"

ZEIT ONLINE: Für den Dirigenten Sergiu Celibidache waren Aufnahmen auf CD oder Schallplatte einfach nur "die Pest der wahren Musikkultur". Sein Glaube an den magischen Augenblick von Konzert und Aufführung war schier unerschütterlich. Ende Oktober stehen Sie in Berlin selbst zum ersten Mal in Ihrer Karriere live auf der Bühne. Hatte Celi, der Magier, also doch Recht?

Meier: Ich bin überhaupt nicht einverstanden mit Celibidache. Er war ein großartiger Dirigent und ein ungeschlagener Weltmeister der Verzögerung, aber dieser lächerliche Purismus ist völliger Blödsinn. Eine ungeschnittene Liveaufnahme kann durchaus ein Abbild eines Hier und Jetzt sein. Ohne großartigen Saal.

Blank: Wir werden uns jedenfalls nicht wie David Guetta nur hinter irgendwelchen Medien verschanzen, sondern mit 14 Leuten auf der Bühne stehen, Bläser, Backing Vocals, alles im Sinne des Charakters von Yello. Unsere Fans haben uns immer wieder gefragt, wann sie uns mal live sehen können. Das wollen wir endlich tun.

"Viele Musiker werden von ihren Instrumenten gespielt." Yello sind anders. © Helen Sobiralski/Universal Music

ZEIT ONLINE: Und warum in Berlin?

Meier: Es ist meine Lieblingsstadt, die sozialste, die ich kenne. Wenig Klassendünkel, immer noch mit Sumpfblütenkultur. Das Kraftwerk in Berlin bespielen wir ja auch wie eine Kathedrale mit Nebenaltären und Hauptaltar. Und man will uns schon jetzt auf Welttournee schicken. Wenn uns die Konzerte im Oktober also Spaß machen: Warum nicht? Früher habe ich ja immer Witze darüber gemacht, dass ich mit 80 dann eine Show in Las Vegas habe. So wie Liberace oder Siegfried & Roy, nur ist unser Tiger die Musik.

ZEIT ONLINE: Sie, Herr Meier, sind ja ganz nebenbei auch noch Investor im Verlagswesen und bei Bergbahnen, Betreiber von Restaurants, Rinderzüchter, Weinbauer und seit 2015 auch Ginproduzent. Brauchen Sie die Musik überhaupt noch?

Meier: Und ob! Für mich ist es einer der Höhepunkte meines Lebens, wenn ich die Klangbilder vom Blank höre und dann Figuren erfinde, die in diesen Bildern erscheinen. Das ist wie Filmmusik ohne Film, ein großer Luxus.

ZEIT ONLINE: Vor ein paar Jahren haben Sie Yello als "eminent provinzielle Band" beschrieben und "Alle Macht der Provinzialität" ausgerufen. Was ja ordentlich kokett klingt. Hat das Provinzielle durch Brexit, EU-Kleinstaaterei, Nationalismus und Ausgrenzung zurzeit nicht eher ein Imageproblem?

Meier: Provinziell bedeutet für mich, verwurzelt zu sein. Die bekanntesten Schweizer Schriftsteller wie Robert Walser oder Friedrich Dürrenmatt waren sehr provinziell. Auch die Musik von Yello ist insofern provinziell, dass sie Blank als Bergdistel erfunden hat, mit einfachsten Mitteln, aus dem Nichts. Irgendeine Metalband aus Deutschland, die wie eine amerikanische klingt, ist anonym und ohne Identität. Alles, was Wert hat, hat aber Wurzeln und Identität. Auch New York, London, Chicago sind Provinzen.

ZEIT ONLINE: Für etliche Flüchtlinge, die aus der Sahara über das Mittelmeer nach Italien kommen, wird Ihre Heimat, die ach so enge Schweiz, zum Tor nach Norden. Gut oder schlecht?

Meier: 25 Prozent unserer Bevölkerung sind Fremde, keine Schweizer. Also sind wir sehr, sehr offen. Mit einer Ausnahme: diese idiotische Hetzerpartei SVP, die – ohne Lösungen anzubieten – Angst schürt. Was mir aber noch mehr Sorgen macht, sind diese gipsköpfigen Diadochen, diese gescheiterten Politiker in Brüssel. Die sind nicht interessiert daran, die Not in Afrika zu lindern, sondern nur daran, ihre Zentralmacht zu vergrößern.

ZEIT ONLINE: Viele Menschen haben in diesem Jahr den Eindruck, dass unsere Welt regelrecht aus den Fugen gerät. Sie auch?

Meier: Es ist noch nicht zu vergleichen mit den Katastrophen des Ersten und Zweiten Weltkriegs, verrückt und tragisch ist es schon, was da passiert. Eine furchtbare Zeit.

ZEIT ONLINE: Sie haben beide Familie…

Meier: Kinder zu haben ist die schönste Art, zu überleben. Wir spiegeln uns in den Kindern. Sie lernen ja nicht davon, erzogen zu werden. Sie sehen, wie die Eltern sind. Genau deswegen sind sie ja auch für uns eine Herausforderung, ständig zu lernen. Ich habe mittlerweile zwei Enkelinnen, vier und ein Jahr alt. Es ist wunderbar zu erleben, wie sie sich definieren und sich ihre Welt schaffen. Auch wenn ich kein Christ bin, stehen in der Bibel ja ein paar schlaue Sätze. Einer heißt: "Werdet wie die Kinder", nicht: "Bleibt Kinder". Darüber zu reflektieren, lohnt sich. Weil wir Gott sind, nicht der Mann mit dem weißen Bart.

ZEIT ONLINE: Ist es das, was Sie auch Ihren Enkeln und Kindern mit auf den Weg gegeben haben?

Meier: Eher den Mut, scheitern und straucheln zu dürfen. Fallen ist ein Teil des Lebens. Und die Erkenntnis, sich trennen zu dürfen, wenn man merkt, dass man mit Menschen nicht zusammenpasst. Da war ich früher zu feige. Selbst mit Leuten, die mich ausgenutzt haben. Menschen kann man nicht ändern.

Blank: Bei mir sind es schlicht Liebe, Geduld, Geborgenheit und Freiheit.

"Toy", das erste Album seit sieben Jahren, erscheint am 30. September. Ende Oktober geben Dieter Meier und Boris Blank außerdem erstmals in ihrer 38-Jährigen Bandgeschichte vier Livekonzerte in Berlin.