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Banks: The Altar (Harvest)

Die Musikerin Jillian Banks hält sich fast komplett von den sozialen Medien fern und lässt ihre Sehnsucht nach Aufmerksamkeit und ungefiltert-banalen Gedankenströmen da, wo sie hingehören: in ihrer Musik, irgendwo zwischen R'n'B und Electronica. So muss niemand rätseln, ob der hörbare seelische Bruch von ihrer Kindheit in Orange County oder doch aus dem Psychologiestudium kommt, oder wer denn die Person ist, die ihr Herz jeden Tag und jeden Song aufs Neue zerreißt. Das ist nämlich egal.

Und zwar auch, obwohl viele ihrer Texte so klingen, als seien sie direkt aus mitternächtlichen Facebook-Chats kopiert: "and you're passive-aggresive/you're passive-aggressive-ive-ive" singt sie im Eröffnungsstück Gemini Feed, begleitet von einer eiernden Synth-Spur und der eigenen Stimme als Background-Chor. Banks' größte Schwäche ist, dass sie die besten Momente (die sowohl auf The Altar als auch auf ihrem Debüt der Musiker SOHN produziert hat) immer an den Beginn des Albums packt und der Rest dann verblasst. Ihre größte Stärke hingegen ist die Textur ihrer Songs: Sie täuschen immer wieder akustisch Tiefe vor und schaffen trotzdem beklommene Nähe.

Die Hooks sind repetitiv, ihre Texte fast aggressiv kunstlos. Als Sängerin ist Banks angenehm schludrig, wie Rihanna, die im größten Popsong 2016 noch nicht mal die Lust hatte, das Wort "Desperado" ganz auszusingen. Trotz der wintrigen Synths und der Avantgarde-Pose, einschließlich unscharfer religiöser Metaphorik: Banks ist nicht daran interessiert, irgendwelche Grenzen neu zu ziehen. Sie macht einfach Pop – und ist vielleicht ein großer Popstar.



© Blue Note

Norah Jones: Day Breaks (Blue Note)

Die Geschichte der Karriere von Norah Jones lässt sich auch als Gastronomie-Soziologie erzählen: Das Debütalbum Come Away With Me wollte die Jazzclubs heraufbeschwören, in denen Sarah Vaughan und Dinah Washington auftraten, aber am Ende hatte sie trotz seriösem Gestus und Label (Blue Note) unfreiwillig ein neues Genre erfunden: Starbucks-Jazz. Zwischendurch spielte Jones dann noch eine Diner-Kellnerin in My Blueberry Nights von Wong Kar-Wai. Das Album Day Breaks soll eine Rückkehr zum Debüt sein.

Das bedeutet vor allem mehr Piano als auf den letzten Folk-Rock-Experimenten; ein Piano, das angenehm an die Soul-Jazz-Welle der Sechziger, an Les McCann und Ramsey Lewis erinnert. Weder als Jazzpianistin noch als Sängerin kann Norah Jones wirklich in einer Reihe mit ihren Vorbildern stehen, und auch als Kompilatorin mit eigenem ästhetischem Ziel bleibt sie zu blass. Aber dafür nähert sie sich der Jazzgeschichte mit Respekt, covert mit Bedacht Fleurette Africaine von Duke Ellington und bietet vor allem dem großen Wayne Shorter eine Bühne. In der Mitte des Albums überrascht sie dann mit einer Version von Neil Youngs Don't Be Denied, das eher nach Raststättenrausschmeißer als nach Mister Kelly's klingt.



© Sire

Regina Spektor: Remember Us to Life (Sire)

Der Gefahr der Starbucks-Soundtrack-Ecke war sich Regina Spektor immer bewusst und umging sie gekonnt. Ohne die Überspanntheit anderer Vertreter des Weird Folk und ohne die Gefälligkeit anderer Piano-Chanteusen geht Spektor ihren eigenen Weg, der, ausnahmsweise, auch mit ihrer Biografie zusammenhängt. Sie kam als russisch-jüdischer Flüchtling aus der ehemaligen Sowjetunion nach New York und fand im Keller ihrer Synagoge ein altes Piano und so zur Musik. Das Erzählen von Geschichten mit großen Bögen und kleinen Details, das kommt vor allem aus der russischen Bardentradition, von einem Nationalheiligen wie Wladimir Wyssozki (dessen Qualitäten, wie Kennerinnen mürrisch erklären, Regina Spektor nie erreichen kann).

Die Liebe zum Wort, die bisweilen zu groß wird, prägt auch Remember Us to Life. Verblichene Fotografien alter Liebschaften, finstere Allegorien über das Ende der Welt, und die alte Hütte am See: Spektor verlässt sich auf vertraute Bilder und auf vertraute Melodien, auf Streicher und ihre klassisch ausgebildete Stimme, die nur in den Höhen sympathisch kiekst. Selbst beim Rap-Pop-Versuch Small Bill$ bleibt die Gefühlslage dieselbe: Überbordende Melancholie und steinharter Verlust reichen einander die Hand, schmiegen sich in ihre Wintermäntel und sehen den Enten zu, wie sie gen Moskau fliegen. 



© Sony

Craig David: Following My Intuition (Sony)

Craig David ist wieder da. Joa, Schulterzucken. Das ist der R'n'B-Sänger, der um die Jahrtausendwende einen Hit hatte, in dem er einfach nur die Wochentage aufzählte. Aber, die Überraschung: Craig David hatte kredible – richtig hippe – Featuregäste und Produzenten dabei, wie den Grime-Rapper Big Narstie und den jungen Produzenten Kaytranada.

Das "Don't call it a comeback/Es ist mein Comeback"-Album Following My Intuition beginnt dafür mit schlimmstem Rummel-R'n'B und melodramatischen Pianospuren. Genau diese Art von Musik – wahlweise einen Schritt hinterm Zeitgeist oder einen Fuß in der Bumsdisse – hatte Davids Karriere ruiniert, zusammen mit einer fiesen (und vage rassistischen und antisemitischen) Parodie auf ihn von einem britischen Comedian.

Denn eigentlich war der Monday-Tuesday-Pancake-Song ein astreiner Jam: albern, grell und trotzdem ein Hit. Für den Rest des Albums steigt David vom Kettenkarussell und versucht sich an Songs, die die Balance zwischen lächerlich und ansteckend halten. Auf Dauer funktioniert das nicht, aber wenn im Billie-Jean-Remake Couldn't Be Mine Songzeilen über Anrufe mit Telefonpiepen unterlegt und Boink-Geräusche Sex repräsentieren, dann ist das glorreicher Kitsch – selbstironischer dazu, denn David fragt seine eventuelle Kindesmutter, ob sie ihn nicht mit Drake verwechselt. Mag sein, dass der bessere Beats hat – aber Craig David hat größere Lacher, inzwischen sogar mit Absicht. Meistens.