© Weir World

Soft Hair – Soft Hair (Weird World)

Selbstironie ist nicht das populärste Attribut unserer postpostheroischen Zeit. Wenn der größte Wirrkopf Präsident des mächtigsten Landes werden kann, hat es heitere Selbstreflexion auch andernorts schwer. Sogar im Pop, dem Leichtigkeit ja quasi im Wesen steckt. Mit umso mehr Respekt sollten wir da zwei Wirrköpfe beachten, die zwar bloß flotten Lo-Fi-Glam synthetisieren, dies aber mit einem Augenzwinkern tun, das zuletzt allenfalls die Metal-Persiflage The Darkness gezwinkert hat. Unterm Namen Soft Hair haben die englischen Elektro-Bastler LA Priest und Connan Mockasin ein Album zubereitet, das wie Prince auf Lachgas klingt, also funky und albern zugleich.

Der Legende nach aufgenommen in Autowerkstätten, Schulruinen und Hotels rund um den Globus, kennzeichnet ihr eigenbetiteltes Debütalbum eine Hingabe für tanzbaren Dadaismus, den man angesichts all des Größenwahns ringsum kaum hoch genug schätzen kann. Wenn sich die Welt mal wieder beruhigt, wird man Soft Hair wohl wieder vergessen. Für den Moment aber ist es ein kleines Fenster zur heilsamen Kraft des rhythmischen Unsinns.



© Sony

Leonard Cohen – You Want It Darker (Sony)

Wer in unserem Kulturkreis ein solides Maß an Wohlstand erreicht hat, antwortet auf die Frage nach dem schönsten Luxus verlässlich mit: Zeit. Das hat mit dem Trendbegriff Achtsamkeit zu tun, der das tägliche Tun in den Kontext größtmöglicher Sinnstiftung stellt. Leonard Cohen nimmt sich auf seiner neuen Platte noch mehr Zeit als auf den 13 Alben zuvor. Vom ersten bis zum neunten Lied verströmt You Want It Darker – melodramatisch angedickt mit etwas Gospel und Ethno – die unendliche Gelassenheit des 81-Jährigen, der des Endes gewahr so in sich ruht, als hätte er noch ein, zwei Leben vor sich. Als Kontrastmittel empfiehlt sich da Paul Kalkbrenners Interpretation des Titelstücks, die Cohens brummelnden Erzählmodus elektronisch so aufmöbelt, dass beide voneinander lernen: der Folk den Spaß, der House den Ernst. Doch keine Sorge: Auch ohne digitales Anfetten bleibt Cohen ein unsterblicher Poet gediegener Ereignislosigkeit.



© S.M.I.L.E.

Fewjar – Until (S.M.I.L.E.)

Durch die Zeit zu reisen, zählt zum festen Stamm unerfüllter Menschheitsträume. Stellen wir uns also einfach mal vor, man hätte Synthpop-Stars von Ultravox bis The Human League aus den frühen Achtzigern in die digitale Gegenwart unbegrenzter Soundmöglichkeiten gebeamt – sie hätten vielleicht geklungen wie nun Fewjar. Als Duo mischen Jakob Joiko und Felix Denzer bereits zum dritten Mal orchestralen Wave mit verspielter Electronica.

Der entstehende Progressive-Glamrock klingt, als implodierten die Epochen der neueren Musikgeschichte in einer funkensprühenden Supernova. Auch auf Until scheint den beiden Berlinern von freddymercuryeskem Operettenpathos bis zum skrillexschen Dubstep-Bombast nichts zu überfrachtet für ihr gewaltiges Mashup. Alles ist dauernd in Bewegung, ständig flattern Geigen, Pauken, Beats und Lyrics in jeden Zwischenraum. Duran Duran wären entzückt gewesen über all die Möglichkeiten von Fewjar anno 2016. Und wir sind es auch.



© Sony

James Arthur – Back From The Edge (Sony)

Chartstauglicher Pop hat seit jeher ein Problem: Ohne Gesang ist er gewissermaßen inexistent. Schnitte man die Stimmen heraus, bliebe oft nur ein austauschbares Gerüst irrelevanter Melodiefragmente übrig, denen fast alles fehlt, was einen Song zum Song macht: Eigensinn, Spannung, Substanz, eine Liedstruktur eben.

Das ist auch bei James Arthur nicht anders. Und doch unterscheidet sich dieses Produkt eines britischen TV-Castings von den Mitbewerbern: Arthurs Gesang ist eigensinnig, spannend und substanziell genug, um den Mangel an musikalischer Komplexität nicht im selbstverliebten Tremolo zu ertränken. Dass der 28-Jährige viel selbst komponiert, dazu gut Gitarre spielt und sogar passabel rappt, macht sein zweites Album zur echten Alternative im lukrativen Mehroktavenakrobatikgenre R 'n' B. Auch Back From The Edge wäre ohne Gesang womöglich öde und leer, aber er reibt es uns nicht so grausam unter die Nase.



© Herzog Records

Nighthawks – 707 (Herzog Records)

Etwas anders verhält es sich hingegen mit dem guten alten Jazz. Darin übernehmen oft sogar Klavier, Drums, Blech oder Bass das Reden. Bei den Nighthawks ist es eine Trompete oder ein Flügelhorn, durch das sich das deutsche NuJazz-Ensemble seit 1997 gern mitteilt. Die Virtuosität des Trompeters Reiner Winterschladen treibt die raumgreifenden Arrangements auch auf dem achten Studioalbum zu einer virtuosen Vielschichtigkeit, die den Anhängern der reinen Lehre schmeichelt, sich aber auch ein Stück weit davon emanzipiert. Im Kern ist und bleibt 707 also Jazz. Drumherum allerdings eröffnet das Sextett mit digitalem Programming, zuweilen peitschender E-Gitarre und flächigen Sixties-Keyboards ein Panoptikum, das selbst im Club funktioniert. Und gesungen wird auch. Ausnahmsweise. Aber ohne tieferen Sinn.



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Madness – Can't Touch Us Now (Universal)

Hoch droben auf dem Olymp aktiver Musiklegenden, schräg links unter den Stones oder Bob Dylan, doch auf einer Stufe mit Gleichaltrigen von AC/DC bis U2, sitzt eine Band namens Madness, die exakt so unantastbar ist, wie es der Titel ihres 13. Studioalbums besagt: Can't Touch Us Now dürfte fast vier Jahrzehnte nach dem Debüt One Step Beyond allerdings nicht als Durchhalteparole gemeint sein. Es ist eine Tatsachenbeschreibung. Daheim in England genießen Madness Volksheldenstatus, der fast jede Neuveröffentlichung verlässlich in die Top Ten schiebt. Und so wird es auch diesmal sein. 

Die hohe Kunst, Off- nach Onbeat klingen zu lassen, also Ska wie Pop und umgekehrt, hat seit den Siebzigern schließlich wenig von ihrer Frische verloren. Wie damals untergräbt Graham McPhersons Sprechgesang den Ska-Hedonismus mit Eleganz; wie damals verstärkt der unermüdliche Einsatz tiefer Saxofone die Theatralik; wie damals lockern Spaßelemente wie Mumbo Jumbo die getragene Stimmung aber immer wieder spielerisch auf. So schnell wird kein neuer Platz frei im Olymp. Madness werden sich nicht mehr ändern, sie haben aber noch einiges vor.