Ungeschminkte Haltung

Alicia Keys hat nicht nur 15 Grammys gewonnen und 35 Millionen Alben verkauft, sie kann wohl auch als einzige R-'n'-B-Künstlerin einen Literaturnobelpreisträger zu ihren Fans zählen. Schon 2006 erwähnte Bob Dylan die damals 25-jährige Sängerin in einem Song auf Modern Times und erklärte dann später in einem Interview noch einmal seine Bewunderung: "There's nothing about that girl that I don't like." Seit der Gospelkoloratur, mit der ihre erste Single Fallin' begann, war eigentlich klar, dass hier ein neuer Weltstar hinter dem Klavier saß: großes Talent, große Stimme, große Ausstrahlung, makel- und mühelos.

Seitdem hat Keys fünf Alben veröffentlicht, von denen jeder eins im Regal stehen hat, ohne es zu wissen und Dutzende Singles, die jeder mitsummen kann, ohne ihre Titel zu kennen. Bob Dylan hat damals, wohl ohne es zu merken, das fiese Dilemma beschrieben, in dem Keys steckt: makel- und mühelos heißt auch immer, ein wenig langweilig zu sein. Während ihre gleichaltrige Kollegin Beyoncé zur Königin gekront wurde, hat Keys einfach immer weiter solide Musik aufgenommen.

Jetzt erscheint Here, ihr sechstes Album, das mehr als nur eine weitere Sammlung guter Songs sein soll. Inzwischen ist Keys doch noch zur Ikone geworden. Sie möchte in Zukunft bei öffentlichen Auftritten kein Make-up mehr tragen und zeigte sich bei den Video Music Awards ohne Concealer und mit überraschenden Sommersprossen. Here soll daran anschließen: ungeschönt und gerade deswegen viel schöner, ehrlich, nahbar. Nicht einfach nur ein Album, sondern ein Statement.

Starkes Jahr für schwarze Musiker

Daran hat es im R 'n' B und Hip-Hop 2016 nicht gefehlt. Das Jahr wird wohl wie 1971 und 1996 als ein annus mirabilis in die Geschichte schwarzer Musik eingehen. Junge und etablierte Künstler, vor allem Künstlerinnen, reagierten auf Polizeigewalt und die #BlackLivesMatter-Bewegung mit großer Kreativität und veröffentlichten auch sonst richtig gute Alben: Anti von Rihanna, A Seat At The Table von Solange und natürlich Lemonade von ihrer Schwester Beyoncé, dazu beachtliche Debüts von Jamila Woods, Noname und Kamaiyah.

Auch Here ist so ein Album. Musik, Menschheit, Gott, Hip-Hop, schwarze Geschichte, New York und diese ganze, nur vielleicht verdammte Erde: Alicia Keys will über alles singen, "wie Nina Simone, wie das Plattenknistern", kündigt sie gleich zu Beginn an. Ihre Wanderung beginnt in einer Kirche, mit den Songs The Gospel und Pawn It All. Hier ist der Gospeleinfluss am deutlichsten, nicht nur als Genre. Sie listet die Kämpfe auf, die schwarze Communitys in den USA prägen und besingt dann Gott, und das wohl nicht nur als unscharfe Idee, sondern als ihre gefühlte Realität. Keys geht mit großer Ernsthaftigkeit in dieser Rolle als Vorbeterin auf, trotz des dramatischen Pianoloops auf Pawn It All geht der Produktion jeder Kirchenkitsch ab.

Vor den Aufnahmen gab es eine Liste mit Themen, über die Keys singen wollte, und nach der Standortbestimmung mit den ersten drei Stücken werden all ihre Anliegen auch tatsächlich abgearbeitet: Mutterschaft und Ehekrisen, Umweltverschmutzung, Drogenkonsum. Die Einsichten und Haltungen dazu reichen von radikal einfach – mehr Empathie für Drogensüchtige – zu einfach banal. Das erinnert nicht zufällig an Marvin Gayes What's Going On, das ebenfalls wie eine lange Predigt funktioniert und doch eigentlich nur eine Sammlung von sozialkritischen Themensongs ist.

Der Bezug wird am deutlichen auf Illusion of Bliss, das über eine Drogensüchtige und gleichzeitig aus ihrer Sicht geschrieben ist. Auf keinem Song ist Alicia Keys so retro wie hier, über einen leicht klimpernden Orgelgroove und schleppendes Schlagzeug singt sie ihre Ballade über Sucht und Leid auf der Jagd nach dem "vorgegaukelten Glück". Wie in Marvin Gayes Flyin' High (In The Friendly Sky) folgt auf Drogenekstase der harte Fall. Auch Keys' Song könnte aus dem Jahr 1971 stammen. Nicht nur wegen des irgendwann einsetzenden Pianos, sondern wegen des merkwürdig überholten Anliegens: Die Opfer des war on drugs leiden ja weniger daran, dass Drogen ihr Leben zerstören (was sie zweifellos tun), als an überzogenen Gefängnisstrafen, gerade für die schwarze Bevölkerung. Vielleicht sollen die eingespielten Polizeisirenen das sagen, was Keys sich nicht zu sagen traut.

An der Grenze zur Prahlerei

Für ihre unironisch noblen Einsichten findet sie nicht immer nachhallende Bilder, trotzdem klingt das Album nicht nach vertontem Meinungsstück. Denn natürlich kann Keys als Sängerin auch banale Zeilen mit Tiefe füllen. Das wirkt bisweilen durchaus manieriert, immer mal wieder grenzt es an Übertreibung, an Prahlerei mit der eigenen Stimme, aber sie fängt sich stets wieder. Nur auf dem Song She Can't Be Herself wird sie zu eindeutig und erklärt ihre Motivation für ihren Verzicht auf Make-up mit denkbar ungelenken Zeilen. Aber immerhin ist "maybe all this Maybelline is covering my self-esteem" ein Lacher, für den sich Keys bereits bei der Kosmetikfirma entschuldigt hat: "Es hat sich halt gereimt."

Von diesem Pragmatismus ist sie als Komponistin und Koproduzentin weit entfernt. Ganz unaufdringlich nähert sich die Musik immer wieder Stevie Wonder und vor allem Donny Hathaway und Roberta Flack an, ohne Retrosperenzchen aufzuführen. Ihr Ehemann Swizz Beatz ist als Produzent an einigen Songs beteiligt und überhaupt wirkt das ganze Album wie eine family affair, mit jedem Hörer als neuem Familienmitglied.

Diese Wärme verbindet Keys mit einer Künstlerin, die noch nicht gestorben, aber doch verschwunden ist: Offensichtlich möchte Alicia Keys die Lücke füllen, die Lauryn Hill hinterlassen hat. Die Single Blended Family ist eine Hymne auf das Muttersein wie Lauryn Hills To Zion und beginnt sogar mit einem ähnlichen Akustikgitarrenriff. Der Umweltverschmutzungssong Kill Your Mama und das Schlussstück Holy War erinnern an Hills Wortkaskaden auf ihrem berüchtigten Unplugged-Album. Vor allem ist Keys von Hills selbstverständlicher Mischung aus Hip-Hop und Soul geleitet.

Sie fordert keine Unterwerfung

Als besonders rapaffine Künstlerin hat sich Keys bisher nicht gezeigt, auch wenn sie mit Empire State of Mind Beyoncés Ehemann Jay Z zu einem seiner letzten wirklichen Hits verholfen hat. Hip-Hop-Drums sind eine Konstante des Albums, auf The Gospel versucht sie sich kurz als Rapperin, mit standesgemäßen Anspielungen auf Komödien mit Eddie Murphy. Das zweiteilige Kernstück She Don't Really Care_1 Luv samplet ein Stück von Nas, das Ergebnis klingt dann wie von Kendrick Lamars letztem Album.

Ein explizites politisches Statement – "our lives matter" – findet sich auf der Platte nicht, dafür leise radikale Gesten. Die Aktivistin Elaine Brown liest ein Gedicht des 1969 erschossenen Bunchy Carter vor, in dem es um schwarze Mütter geht. Beide waren Mitglieder der Black Panther, Brown ist eine der Anführerinnen im Kampf für Gefängnisreform. Keys lässt Black Panther also zu Wort kommen, Beyoncé klaut ihnen nur das Barett. Im Gegensatz zu ihr fordert Alicia Keys keine Unterwerfung, und auch keine absolute Bewunderung, die sie dann als Selbstermächtigung an die Hörerinnen zurückverkauft.

Here teilt sich mit Lemonade die Themen, aber Alicia Keys begreift emotionale Offenheit nicht als kommerzielle Chance, sondern als künstlerische Notwendigkeit. Trotz der gelegentlichen Textausrutscher oder Längen gegen Ende: Es gibt nichts an diesem Album, das nicht gefällt. Und das ist nun wirklich nicht langweilig.

"Here" von Alicia Keys ist erschienen bei Sony Music.