Anfang der Siebziger beschlossen drei erfolgreiche britische Musiker eine Supergroup zu gründen. Sie sollte Nose, Teeth & Hair heißen. Als Reminiszenz an die prominentesten körperlichen Merkmale eines jeden der drei. Leider konnten sich Elton John, Freddie Mercury und Rod Stewart nicht auf die Reihenfolge der Attribute im Bandnamen einigen. Aus dem Plan wurde nichts.

Aus den drei blassen Typen wurden very big selling Megastars, Multimillionengenerierer, Großkopferte der weltweiten Entertainmentmaschinen (ob Solo oder in einer Band) mit den besten Hits der Siebziger, Achtziger und Neunziger. Weltweit warm gesonnen und bei mehr als einer Zielgruppe umspannend beliebt.

Sogar in den USA hatten sie Erfolg. Dem Land, in dem Engländer ihre Herkunft am besten vergessen und ihre Kunst aufdicken, damit sie dort was einfahren: Rod Stewart spielt immer weniger Fußball und verliert mit jedem Jahrzehnt mehr von seiner britischen Ladness. Inzwischen singt er sehr gern das große amerikanische Songbook. Der Kollege Elton John hat seine in Resten immer noch vorhandene Selbstironie hingegen an Las Vegas angepasst, wo man seinen Größenwahn ernster nimmt als selbst einer wie er ihn meint.

Und den toten Freddie ersetzen wir jetzt einfach mal durch die Stones, denen man auch nicht mehr ansieht, dass sie aus England … nein, wir ersetzen ihn durch Robbie Williams!

Wir sind so frei, um ihn soll es ja hier gehen. Hat er doch eine neue Platte – nach elf Nummer-eins-Alben in Großbritannien in Folge, was zuvor lediglich Elvis Presley gelungen war. Robbie Williams jedenfalls hätte zu Nose, Teeth & Hair perfekt gepasst. Vielleicht als Grin? Auch so ein Kopeike aus diesem für seinen schwarzen Humor und selbstverständlichen Umgang mit feiner Härte berühmten Land. Robbie Williams kommt alles das peu à peu abhanden. Wie Rod und Mick und Elton und viele andere nimmt er Abstand von der wertvollen Eigenschaft, zugleich understated groß und overacting klein zu sein. Um sich zu amerikanisieren, maximal zu glätten, letztlich zu verklumpen zu einem öden Nichts. Zu einem like a boss.

Dieses Denken hat Williams' neues Album weitgehend furchtbar gemacht. The Heavy Entertainment Show ist eine überproduzierte Überambitioniertheit deluxe. Sie haut einem mit ihrem unbedingten Willen zum Mehrmehrmehr sofort alle Sinnhaftigkeit aus der Empfangsanlage.

Schelm, Proll und Stelzbock – das war einmal

Klangliches Gebolze folgt auf üble Formatgefühle (Love my life) folgt auf beliebigen Blockbustersound folgt auf chorale Unsympathie folgt auf groteske Geschmacksverirrungen folgt auf Zucker in zu vielen schlechten Farben. Zu viel, viel zu viel will man reinrühren. Das ergibt einen derartig sämigen Großquark, dass man es kaum aushält. Es sei denn, man leidet an akutem Supersuperentertainmentmangel, was in der Ersten Welt nur noch auf Leute zutrifft, die weder einen Fernseher noch ein Handy haben, also niemanden.

Kalifornien, wo Robbie Williams ja mit Kleinfamilie seit Jahr und Tag lebt, hat ihn anscheinend vollends absorbiert, das Augenzwinkern vom Botox gelähmt. Dabei war es ja genau das, was uns alle an ihm faszinierte. Ein Ego-Shooter mit Working Class-Charme, selbstironisch und smart. Einer, der sogar im größten Hauptstrom noch ein U-Boot steuern kann. Dazu gesegnet mit größten Entertainmentfähigkeiten auf den gewaltigsten Bühnen. Schelm und Proll, Charmebolzen und Stelzbock. Man ließ ihm viel durchgehen, weil fast immer eine charmante Dissidenz zum eigenen Tun leuchtete.

Robbie Williams denkt wohl, genau das interessiere niemanden. Ist ja auch so in den USA, wo er (eigentlich überraschenderweise) keine Wurst vom Teller zieht. Deshalb jetzt der Move hinüber zu den Russen, ihrem haltlosen kokshaften Gefeiere des skrupellosen Neureichentums? Party like a russian, wie es in der ersten Single heißt? Ist es eh alles egal? Ihm vielleicht, uns hoffentlich nicht.

Vielleicht kommt Robbie Williams ja auch irgendwann wieder zurück. Und sei es erst, wenn er den Night of the Proms absolviert hat. Klanglich ist er da jetzt ungefähr.

Seine Ehefrau Ayda Field ist mittlerweile übrigens erhellend unterhaltsamer. Sie berichtete neulich, dass ihr Gemahl beim gemeinsamen Fernsehen immer, ja immer, eine bemerkt, mit der er was hatte. Selbst im Schwangerschaftsvorbereitungskursus fand er eine. Das ist heavy entertaining

"The Heavy Entertainment Show" von Robbie Williams erscheint bei Columbia/Sony Music.