© Local Action

Dawn Richard – Redemption (Local Action)

Nirgendwo ist Liebe stürmischer und vergänglicher als auf der Tanzfläche. Wo sonst also hätte die Albumtrilogie enden sollen, mit der sich Dawn Richard in den vergangenen drei Jahren von ihrer Casting-Band-Vergangenheit befreit hat? Die Sängerin und Songwriterin aus Louisiana schreibt Lieder, in denen sich Gefühle von erwiderter und unerwiderter Liebe zu blutdurstigen Ungeheuern auswachsen, die man sonst nur aus Fantasyromanen wie Game Of Thrones oder der Bibelkennt. Auf Redemption erklingt dazu astreine Clubmusik.

Das bedeutet einerseits: Engtanz-R-'n'-B mit gedopter Stimme und Sinneswahrnehmung, wie The Weeknd ohne den Würstchenkomplex. Es bedeutet aber auch: House, Dubstep, EDM-Alarm und Elektropop, der vom Rand der Tanzfläche auf die Action schielt. Am Ende dieser Dehnübungen will Richard mit der Liebe-ist-Kunst-Metapher von The Louvre ins Museum, landet aber bei einer Powerballade. Es soll DJs geben, die so etwas auflegen, wenn das Licht angeht.



© Tin Angel / Cargo

Marker Starling – I'm Willing (Tin Angel / Cargo)

Marker Starling hat die Grundlagen der Meteorologie verstanden. Deshalb fordert er: Stürmen möge es! Ohne Sturm schließlich kein Sonnenschein, und wenn man da mal drüber nachdenkt, wird es ganz schön deep – und schon hat man einen Song fertig. Vor allem, wenn es diesen Song schon vorher gab und man ihn nur noch nachspielen muss, so wie Starling es auf seinem sechsten Album I’m Willing tut. Die erste Coverplatte seiner Karriere beginnt mit dem vergessenen Classics-IV-Klassiker Stormy und tastet sich von dort in zunehmend obskure Gefilde voran.

Classics IV war eine Band aus Florida, die vor 50 Jahren den Southern Softrock erfand, während Starling ein Typ aus Toronto ist, der eine vorwärts gewandte Form des Blue Eyed Soul kultiviert. Auf I’m Willing singt er die Liebes- und Lebensliebeslieder anderer Leute so entspannt, als hätte er das ganze Album an einem einzigen Sonntagmorgen aufgenommen. Tatsächlich steckt jedoch viel Detailarbeit in seinen Interpretationen. Bis das E-Piano vorgewärmt ist und das Metronom im richtigen Takt tickt, hat Starling mindestens schon Die Sendung mit der Maus verpasst.



© Slip / Rough Trade

Mica Levi & Oliver Coates – Remain Calm (Slip / Rough Trade)

Und jetzt: Wunderkinder! Oliver Coates ist der notenbeste Cellist, der jemals die Londoner Royal Academy Of Music besucht hat. Sein Instrument meisterte er schon in jungen Jahren, nun zerstört er es mit elektronisch zerhackten Aufnahmen der eigenen Spielkunst. Radiohead fliegen total auf ihn, Mica Levi auch. Sie ist die treibende Kraft hinter dem Avant-Pop-Projekt Micachu & The Shapes, ihr standen alle Türen offen für eine Popstarkarriere nach dem Grimes- oder Florence-Welch-Modell. Stattdessen entschied sie sich für moderne Klassik, moody Soundtracks und eine eigene Vorstellung von Houston-Rap.

Levi und Coates improvisieren nun auf ihrem gemeinsamen Album Remain Calm Musik der klugen Kopfschmerzen herbei. Das Cello sägt, der Synthie brummt, die Geige geigt im Kreis. Menschliche Stimmschnipsel treten aus dem Soundnebel hervor und verschwinden gleich wieder. Es gibt Beats, aber man kann nicht zu ihnen tanzen. Eines der Stücke heißt Dolphins Climb Onto Shore For The First Time, ein anderes Fight In The Men’s Toilet. Beides wäre hart. Musik für Flughäfen ist Remain Calm trotzdem. Aber manchmal auch für Flugzeugträger.



© Hyperdub / Cargo

Burial ­­­– Young Death / Nightmarket (Hyperdub / Cargo)

Schon als Ihre Oma zum ersten Mal von Dubstep hörte, fiel wahrscheinlich der Name Burial. Lange bevor eine Horde neon-debiler frat boys die Musik der synkopierten Drums und tiefen Bässe zum lukrativsten Partysoundtrack der Gegenwart umdeutete, gelangen eben diesem Produzenten aus Südlondon zwei Alben, mit denen er die britische Underground-Ausprägung von Dubstep (mehr Hirn, weniger Farbe) nahe an die Perfektion führte. Das ist auch schon wieder zehn Jahre her.

Seitdem spezialisiert sich Burial auf die Veröffentlichung von 12-Inch-EPs, die seinen Stärken mit ihrer gut 20-minütigen Laufzeit entgegenkommen. Auch Young Death / Nightmarket profitiert von einer Beschränkung auf das Wesentliche: Diesmal lässt Burial neben Beats und Stimmungsschwankungen noch einige Minuten mehr weg und erzählt in zwei mittellangen Stücken aus der dunklen Nacht einer verlorenen Londoner Seele. Nicht nur zugedröhnten Event-DJs wird es schwerfallen, im Synthie-Unheil und hintergründigen Knistern dieser Tracks auf letzte Reste von Dubstep zu stoßen. Aber geschenkt. Runter müssen wir alle kommen. Burial wartet schon.