Es gibt etwas Höheres

Die Rolltreppe an der Prager U-Bahn-Station Flora ist alt und so schnell, dass man sich unwillkürlich schräg legt. Oben stemmen sich ockerfarbene Mietshausburgen vom Anfang des 20. Jahrhunderts dem grauen Himmel entgegen. An Bach denkt man hier eher nicht. Es sei denn, man ist mit Zuzana Růžičková verabredet, einer der bedeutendsten Interpretinnen seiner Cembalomusik, "la grande dame du clavecin", wie sie in Frankreich seit Jahrzehnten genannt wird. Diese Künstlerin hat das Schlimmste erlebt – und wie durch ein Wunder überstanden .

In dem Wohnhaus in der Prager Slezská, einer stillen Straße, gibt es einen Fahrstuhl; im sechsten Stock wartet die Neunzigjährige. Zierlich, hellwach, freundlich, wie beiläufig auf einen schwarzen Stock gestützt, das Gesicht nicht alt. In einem Zimmer steht ein Tischchen mit Keksen und Aschenbecher bereit. Und hier kommt bald das Mädchen zum Vorschein, das Auschwitz überlebte, das den Hamburgern die Trümmer wegräumen musste und mit zerschundenen Händen noch mal ganz von vorn anfing, um vor den Ohren der Welt wieder bei Bach anzukommen. In seine Musik hatte sie sich früh verliebt, im böhmischen Pilsen/Plzeň, wo sie am 14. Januar 1927 zur Welt kam, als Tochter eines jüdischen Kaufmanns. Eine glückliche Kindheit.

"Mein Vater hat das Geschäft meines Großvaters weitergeführt, ein kleines Warenhaus mit Spielwaren, wo man auch bijouterie und galanterie kaufen konnte. Meine Mutter half im Geschäft und spielte ein bisschen Klavier, wie es so üblich war." Zuzana, das einzige Kind, bekam auch Klavierunterricht, sie hatte eine deutsche Gouvernante, und Englisch lernte sie beim Vater, der bei Verwandten in den USA im Warenhaus gelernt hatte. Eine Großmutter war musikbegeistert und nahm Zuzana in die Oper mit. "Mich hat alles gereizt, auch die Popmusik damals, aber bei Bach fühlte ich, was man nur mit Déjà-vu beschreiben kann."

Dann kamen die Nazis und alles wurde anders

Bei einem Ferienaufenthalt im Riesengebirge fiel die elfjährige Klavierspielerin einem Hotelgast auf. "Wunderbar, wie die Kleine Bach spielt!", sagte er den Eltern. Es war Thomaskantor Günther Ramin. "Sie wollten kein Wunderkind und haben mir zuerst nichts davon gesagt." Aufgeschlossen waren sie aber doch. Weil Zuzana die Aufnahmen der Cembalistin Wanda Landowska liebte und auch die Klavierlehrerin zum Cembalo riet, sollte das Mädchen nach Ende der Schulpflicht an Landowskas Schule bei Paris studieren, ab 1942. "Ich war schon angemeldet. Naja, und dann kamen die Nazis und alles wurde anders."

Wenn Frau Růžičková "Naja" sagt oder "nicht wahr?", wird es gefährlich in ihrem Leben. Sie würde davon vielleicht gar nichts erzählen, hätte sie nicht den 1923 geborenen Komponisten Viktor Kalabis kennengelernt und geheiratet. "Er hat immer nachgefragt: Bitte, erzähl mir alles! Bis zu seinem Tod hat er gesagt, es war nächst der Musik seine größte Aufgabe, mich von diesem Trauma zu befreien." Zuerst durfte sie in Pilsen nicht mehr ins Gymnasium, aber bis 1941 noch zu ihrer Klavierlehrerin, "das war sehr riskant mit dem Judenstern".

Im Januar 1942 musste die Familie nach Theresienstadt, wo Zuzanas Vater starb. "Es gab dort ein Klavier, ich habe noch geübt und gespielt, und ich war auch im Chor der Kinderoper Brundibar von Hans Krása. Wir haben immer gehofft, dass es besser werden wird, aber dann haben wir schon gemerkt, dass die Osttransporte irgendwo … Fürchterliches erleben würden, und, naja, dann kam's eben auch." Als sie und ihre Mutter nach Auschwitz mussten, Dezember 1943, "halfen meine Freunde einpacken, ich hatte eine Menge Noten, und sie sagten, das wirst du wahrscheinlich nicht brauchen."

Ankuft in Auschwitz

Die Fünfzehnjährige notierte sich nur auf Notenpapier den Anfang einer Sarabande von Johann Sebastian Bach, "die ich wunderbar fand, so, wie würd' ich das sagen, so schlicht und traurig, die war mir so lieb geworden." Es war die Sarabande der Englischen Suite e-Moll, um 1717 komponiert. "Die drei Tage, die wir dann im Viehwagen eingesperrt waren, nicht wahr, ohne Essen, ohne Trinken, der Durst war furchtbar, da hab ich eben mit meiner Mutter gesessen und immer die Sarabande angeschaut, dieses Stück Papier, und hab mir alles im Kopf gespielt, was ich von Bach kannte." Bei der Ankunft in Auschwitz, "umgeben von fürchterlichem Hundegebell und dem Geschrei der SS", hatte sie die Noten noch in der Hand, als man sie ohne ihre Mutter in einen Lastwagen schubste.

Ein Windstoß riss das Blatt weg. "Und meine liebe Mutter, die wusste, wieviel es mir bedeutet, ist dem Papier nachgelaufen. Die Mädchen dachten, sie laufe mir nach, und zogen sie in den Lastwagen hinein." So blieben sie zusammen. Während in Prag der Sonnenuntergang das Zimmer vergoldet, erklärt sie das Lager: "Hier war der Krankenblock mit Dr. Mengele und gegenüber war der Kinderblock, dort durften wir die Kinder nach dem Appell unterrichten, mit ihnen spielen, singen…"

Fredy Hirsch, ein Jude aus Aachen, machte sie zur Hilfsbetreuerin der Kinder. Das bedeutete mehr Suppe – und die Rettung, als Zusana und ihre Mutter schon das Datum ihres geplanten Endes kannten, Juni 1944. "Als wir vergast werden sollten, kam die Nachricht, dass die Nazis 1.000 gesunde Frauen und 3.000 gesunde Männer brauchten. Bei der Selektion war's dann entweder links oder rechts. Und meine Mutter und ich … rechts." In Hamburg räumten sie Trümmer weg. "Nehmen Sie so einen Ziegel in die Hand ohne Handschuhe und im Frost!" Ihre Hände waren kaputt, als es ins letzte Lager ging, Bergen-Belsen. Als die Engländer kamen, gaben sie der 18-Jährigen Zigaretten. Sie raucht bis heute.

Rasante Karriere der jungen Studentin

Ihre Klavierlehrerin weinte, als sie sich wiedersahen. "Sie sagte, also, mit diesen Händen, das geht dann nicht weiter, Susilein. Aber ich konnte mir ein Leben ohne Musik gar nicht vorstellen!" Also fing sie ganz vorn an,"mit den kleinen Kindern", Etüden, sie übte wie eine Besessene zehn, zwölf Stunden am Tag. "1947 konnte ich schon Kammermusik in Konzerten spielen." Dann trat sie in einem Konzert mit Chopins Variations brillantes auf, Musiklehrer aus Prag hörten das und erwirkten, dass sie trotz abgebrochener Schulbildung an der Hochschule der Hauptstadt studieren durfte. "Und jetzt bin ich schon Ehrendoktor", sagt sie und lacht zum ersten Mal an diesem Nachmittag.

Es ging rasant voran, die Studentin trat sogar mit der Tschechischen Philharmonie auf, "aber auf dem Klavier war ich nicht zufrieden mit Bach, etwas hat mir gefehlt." Als eine Cembaloklasse eröffnet wurde, trat sie ein. Sie trat bald professionell auf, gern mit Bachs Italienischem Konzert, "weil die Pianisten immer sagten, so kann ein Cembalo nie singen im langsamen Satz. Ich wollte aber zeigen, dass es genau so gut singen konnte." 1956 hörte sie, in München gebe es einen Cembalowettbewerb. "Das war nach dem Tod von Stalin und alles war ein bisschen freier." Sie durfte reisen, das Repertoire hatte sie drauf. Sie gewann den ARD-Wettbewerb.

Ihr Landsmann Rafael Kubelík, Chef des Symphonieorchesters des BR, wollte eine Zeichen gegen die kommunistische Tschechoslowakei setzen und weigerte sich, ihr Finale zu dirigieren. "Ich hab' ihn verstanden, aber trotzdem war ich sehr wütend." Sie rüstete sich die Partitur für ein Cembalokonzert von Georg Anton Benda so zu, dass sie die Orchestereinsätze selbst spielen konnte. Eine Jurorin war von der 29-jährigen so beeindruckt, dass sie ihr ein Stipendium in Paris verschaffte. Um einen Weltkrieg verspätet kam Zuzana Růžičková also nach Frankreich, lernte rasch die Sprache, gewann Freunde wie etwa ihre gleichaltrige Cembalokollegin Huguette Dreyfus. Hier spielte sie später für das Label Erato ihre Bach-Gesamtaufnahme ein.

"Bach hat ja selbst viel gelitten"

In Deutschland trat sie mit gemischten Gefühlen auf. Als sie der Zeitung entnahm, beim Ansbacher Bachfest habe Albert Speer ihrem Spiel gelauscht, der Architekt des "Führers", fand sie das grausig, unheimlich. Sie kann sich nicht damit abfinden, "dass Nazis auch Leute mit hohen intellektuellen Fähigkeiten waren oder gut ein Instrument gespielt haben wie der Heydrich. Die waren so krank in ihrer Seele, dass nicht einmal die Musik half. Dass das Volk von Goethe und Schiller und Thomas Mann und Bach so tierisch werden konnte, das haben wir bis heute nicht verdaut. Aber es hat ja ganz Europa die Augen zugemacht vor dem, was den Juden geschehen ist. Sogar nach dem Krieg noch."

Was ihr half, neben ihrem Mann, das versteht man, wenn sie über Bach spricht, im Unterricht mit Mahan Esfahani etwa, selbst längst etabliert als Cembalist. Im neuen Dokumentarfilm Music is Life spielt er den Beginn der Fuge aus BVW 903. Sie will es strenger und spricht von der "Ordnung über uns". Gibt ihr die Halt? "Die Fantasie vor der Fuge", sagt sie mir, "ist eine Klage sondergleichen. Bach hat ja selbst viel gelitten. Dann kommt das Thema in der Fuge wieder, als hieße es: Da bist du jetzt, ein kleiner Wurm ganz auf dem Boden. Aber es gibt etwas Höheres, das dich transzendiert, eine Ordnung, die da ist. Und die auch für dich da ist, die das Menschliche ins Geistliche rettet."

Der 31-jährige Esfahani ist für diese Lehrerin nach Prag gezogen, der letzte vieler bedeutender Schüler von Christopher Hogwood, dem Gründer der Academy of Ancient Music, bis zu Václav Luks, der in Prag das Collegium 1704 leitet. Das mag erstaunen, da sie historische Instrumente spielen und barocker Rhetorik folgen, während Růžičková ihren Bach überwiegend auf stahlbesaiteten Klavierhybriden von Sperrhake und Neupert einspielte. Heute belächelt man diese Instrumente oft als Irrläufer der Nachkriegszeit. Růžičková aber stellt die Architektur über das "Sprechende": "Die Leute sollen hören, wie das aufgebaut ist!"

Der Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus

Es ist ihr existentielles Erleben von Musik, ihre Integrität, die Musiker dreier Generationen fasziniert, und ihre Skepsis gegenüber Dogmen. Ihr Lieblingsinstrument ist keineswegs ein Sperrhake, sondern ein dreimanualiges Cembalo, das Hieronymus Albrecht Hass 1740 in Hamburg baute, ein Farbenwunder. Und ihr Generationsgenosse und Antipode Gustav Leonhardt hat sie beeindruckt, bis er ihr "zu ideologisch" wurde und einem ihrer Schüler schrieb, "nur ein Primitiver würde einen Sechzehnfuß benutzen", also ein Cembalo mit einer zusätzlichen Oktave im Bass. "Ich wollte", sagt sie, "wie Landowska aus dem Cembalo ein Mainstream-Instrument machen!"

Tatsächlich haben sich ihre Aufnahmen hunderttausendfach verkauft. Kein klassikaffiner Haushalt, in dem in den 1970ern nicht eine oder mehrere der LP-Kassetten gelandet wären, die das französische Label Erato mit der tschechoslowakischen Supraphon koproduzierte, von 1965 bis 1974 den ganzen Bach. Obwohl Zuzana Růžičková eine der Vorzeigemusikerinnen des kommunistischen Landes war, verweigerte man ihr als Hochschullehrerin den Professorenrang. "Ich war kein Parteimitglied, wie auch mein Mann, und das hieß, eine Bürgerin des zweiten Ranges zu sein." Vor der brutal gestoppten Revolution 1968 sah sie "die Möglichkeit, einen dritten Weg zu gehen zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Den suchen wir eigentlich immer noch."

Es gäbe noch so viel zu fragen und zu sagen. Über ihr Land, über die Musik ihres Mannes Viktor Kalabis und andere zeitgenössische Komponisten, die für sie schrieben, die sie unterrichtete, denen sie Partituren verschaffte, über die Fotos in der gelben Mappe auf dem Tisch. Als gefeierte Solistin zusammen mit Swjatoslav Richter, als kleines Mädchen auf dem Familienfoto mit lachendem Opa… Was alles dazwischen geschah, ist in der Musik aufgehoben. Die e-Moll-Sarabande aus BWV 810, ihren Talisman von 1943, hat sie 1972 in Paris aufgenommen, an Bachs Geburtstag. Gemessenes Tempo, keine Klage, keine Subjektivität. Doch ganz am Schluss ein Ton, den Bach nicht schrieb: Mit einem gis wendet Zuzana Růžičková das Ende ins E-Dur der Hoffnung.

Zuzana Růžičková : J.S.Bach, Sämtliche Werke für Cembalo, 20 CDs, 1965-1974 / 2016, Erato / Warner

Dieser Artikel ist eine erweiterte Version des Artikels "Es gibt etwas Höheres" aus der ZEIT Nr. 4/2017.