Was war das denn? Die Menschen im Onkel Pö in Hamburg schauten einander verwundert an. Singen war es jedenfalls nicht. Zumindest nicht die Art von Singen, die sie kannten. Der drahtige Kerl dort oben auf der Bühne gurgelte, schnalzte mit der Zunge, stöhnte, schrie, flüsterte, flatterte, seufzte und knatterte, dazu verbog er seinen ganzen Körper wie eine schwingende Stimmgabel. Ein Instrument klang so, vielleicht ein Saxofon, eine Trompete oder eine Bassgitarre, möglicherweise auch ein Tier. Aber keine menschliche Stimme. Irgendwann trat aus dem Füllhorn an Lauten und Geräuschen ein Song hervor, sanft, warm und süß wie Honig über den Sound des Keyboards fließend. Die Stimme konnte Seelen streicheln und zwischen gleich sechs Oktaven hin- und herfliegen, ohne dabei aus dem Tritt zu kommen.

Diesen 11. März 1976 vergaß Al Jarreau nie mehr. In jenem Frühlingstag vor fast 41 Jahren hatten sie ihn entdeckt, zum ersten Mal auch außerhalb Amerikas wahrgenommen, welche phänomenale Stimme da aus scheinbar banalen Songs schillernde Kunstwerke formen konnte. Einen Tag später, zu seinem 36. Geburtstag, bekam Alwyn Lopez Jarreau aus Milwaukee/Wisconsin Besuch vom NDR-Jazzredakteur Michael Naura. Der nahm sein nächstes Konzert auf, übertrug es im Radio und brachte die von Punk, Bee Gees und Supertramp geplagte bundesrepublikanische Unterhaltungsmusiklandschaft zum Beben. Das sei also Jazz, hieß es allgemein. Aha! Interessant. Spannend. Allerdings hatte dieser Typ, dieser Jarreau, nichts von dem gediegenen, alerten Auftreten der in die Jahre gekommenen Crooner, all der steifen Figuren im verknitterten Zweireiher mit Einstecktuch und dem bemühten Opernsänger-Timbre. Er sang einfach drauflos, scattete, formte kraftvolle, kühne Skulpturen aus Tönen und überflutete jedes Publikum mit seinen Darbietungen.

Die Deutschen liebten Al Jarreau und er liebte die Deutschen. Jedes seiner Konzerte in den darauf folgenden vier Jahrzehnten war im Nu ausverkauft. Eine zeitlang überlegte der bekennende Klassikfan sogar, sich im Land von Beethoven, Bach und Wagner niederzulassen, doch seine Frau Susan war dagegen. Im vergangenen Jahr kam es mit der Verleihung des Frankfurter Musikpreises und einem umjubelten Konzert mit der Bigband des Hessischen Rundfunks dann doch noch zu einem, nun ja, deutschen Happy End.

Das Haus Jarreau war erfüllt von Musik

Die Stimme, die in den Feuilletons stets in Superlativen gepriesen und nicht selten als Wunder apostrophiert wurde, erklang zum ersten Mal im zarten Alter von vier Jahren auf einer Kirchenbank. Neben dem kleinen Alwyn saß seine Mutter Pearl Walker Jarreau und bediente die Orgel. "Ich wusste gar nicht, was ich da tat. Ich tat es einfach. Die anderen nannten es Singen", sagte er 2012 im Interview. "Und wenn ich heute überlege, wo ich das wohl herhatte, muss ich sagen: Vielleicht aus einem früheren Leben." Möglicherweise lag es aber auch daran, dass überall im Hause Jarreau Musik ertönte und die Kinder dabei vorübergehend auch vergessen ließ, dass es wenig zu essen gab. Die Familie war arm, der Vater sorgte in der Seventh Day Adventist Church für das Seelenheil der Gemeinde, musste aber während des Zweiten Weltkriegs in einer Munitionsfabrik sein Geld verdienen.

Al war das fünfte von sechs Kindern, 1940 geboren, ein Nesthäkchen. Seine Brüder spielten ihm Gershwins Oper Porgy and Bess vor und zeigten, wie man darauf improvisieren konnte, während ein klavierspielender ungarischer Exilant mit Spitznamen Tarzan dabei half, die Strukturen bekannter Jazzsongs zu entschlüsseln. Al war ein intelligenter Bursche, von 1958 bis 1962 studierte er Psychologie, er gründete eine lokale Band, ging zur Army und verdingte sich danach in San Francisco als Rehabilitationshelfer, um Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen bei der Eingliederung ins Arbeitsleben zu helfen. Abends fiel der Sänger bereits in einem Club auf, wo er mit dem noch unbekannten Pianisten George Duke gastierte. Schon bald nahm die Karriere Fahrt auf. Al Jarreau schrieb erste eigene Songs, trat entweder solo oder in Begleitung auf, wurde zu einer lokalen Größe in Hollywood, traf Künstler, die sich ebenfalls auf dem Weg nach oben befanden, wie Bette Midler oder John Belushi, und veröffentlichte 1975 sein erstes Album We Got By.