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Christiane Rösinger: Lieder ohne Leiden (Staatsakt)

Nicht zum ersten Mal rauschen der Rezensentin die neuen Lieder von Christiane Rösinger mitten ins Real Life. Nachts um vier auf dem Hospitalflur wird Joy Of Ageing zum Rettungsanker in Sachen Selbsterkenntnis und Humor. "Ist das eine Stimmungsschwankung oder die alte Grunderkrankung?" Ach, mehr als das! Wo sonst reimt sich melancholisch so konklusiv auf musikalisch. Auch die zweite Soloplatte der Berliner Popkulturjournalistin und Gründerin der Bands Britta und Lassie Singers gehört gefeiert!

Zwischen Gentrifizierung, Lob der stumpfen Arbeit und Gendertheorie wird es sogar beinahe fröhlich. Im Vergleich zum Vorgängeralbum Songs Of L. And Hate wippen jetzt mehr Instrumente im Takt von Sixties-Bubblegum-Pop und Burt Bacharach. Der Produzent Andreas Spechtl spendiert swingende Saxofone und klaut den Eagles die honigwarmen E-Gitarren. Ein altsozialistisches Akkordeon leitet die Generationenabrechnung ein: "So wie damals wird es nie mehr sein, die alte Zeit, sie war so schwer wie Blei. Andere nehmen eure Plätze ein, sie werden nicht so weiß und männlich sein." Christiane Rösinger zelebriert dazu ihre Melodiemandalas für romantikmüde Herzen, erst geht ihre helle Altstimme einen trotzigen Schritt nach oben und dann in Mollschleifen abwärts.

Natürlich sind es Lieder mit Leiden. Doch wie in der Ballade über Kleists Torbogen werden sie lange standfest bleiben und tragfähig in diversen Lebenslagen.




© Domino

Dirty Projectors: Dirty Projectors (Domino)

Die Wandlung des David Longstreth dauerte fünf Jahre. Nach Sinnkrisen, der Trennung von seiner Freundin Amber Coffman und weiteren Bandmitgliedern sowie dem Umzug vom Brooklyner Art-Rock-Zirkus ins selbstgebaute Studio nach L.A. scheint der Kopf der Dirty Projectors in seinem neuen alten Soloprojekt angekommen zu sein.

Von Licht, Wiedergeburt und Descartes' Philosophie ist die Rede in den Lyrics des selbstbetitelten Albums, aber auch von gebrochenen Flügeln und spiraligem Rumeiern in der Flugbahn. Die führt weit weg vom suizidalen Rock'n'Roll und hin zu R'n'B, Soul, Hip-Hop und reichlich Samples. Echoeffekte und Loop-Filter halten den Soundtrack aus hakenden und ruckelnden Überblendungen zusammen. Longstreths violinenumwobene Falsettkiekser in Little Bubble sind pures Oxytocin, beglückend wie ein Babyschluckauf. Up In Hudson steuert gegen, mit knurrigen Bläsern, Gitarrenverzerrungen und einem letzten Blick zurück: Goodbye Brooklyn, alte Liebe und lange Bandgeschichte – willkommen den Ideengebern Rick Rubin, Solange Knowles, Dawn Richard und Tyondai Braxton.



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m.age.project: Tattoo Tara (peacelounge)

Klingt erst mal nicht so cool: Studierter Jazzpianist frankensteinert sich etwas aus Deep House und weltmusikalischen Reisesouvenirs zusammen. Mit Blick auf das Umfeld ergibt es Sinn. Das Album von Matthias Harnitz' m.age.project erscheint auf dem Label von Christian Arndt, der einst die Entdeckung von Bollywood für den deutschen Tonträgermarkt antrieb. Stilmix ist also Programm, und schon plätschert der künstliche Urwaldregen los, begleitet von Elefantenglocken, Sitar, Bambusflöten, aber auch Synthesizern und Botschaften aus dem Vocoder. Der Geist von Karlheinz Stockhausen tanzt die Goa-Trance-Elfe auf dem Techno-Floor an, irre tropische Tröten rufen zum Sunpan Happening, und das Grammofon dudelt Beethovens Ode an die Freude über die Acid Beats. Funky, solange das Listening-Lüftchen nicht wie auf dem vorigen Album zu esoterisch mufft. Vom Weltverbrüderungsethos ist auch Tattoo Tara durchzogen, doch der im Duktus an Kate Tempest erinnernde Spoken-Word-Gesang von Arina Tara Kriegenburg schafft einen coolen Verfremdungseffekt.



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Emel: Ensen (Partisan Records)

Der Mensch ist hilflos und schwach, das verrät die Single Ensen Dhaif. Die tunesische Sängerin und Songschreiberin Emel Mathlouthi wurde zur "Stimme der Jasminrevolution" und mit ihren Texten gegen die Ungerechtigkeiten ihres Landes eine Berühmtheit im Arabischen Frühling. Die Folge waren Aufführungsverbote ihrer Musik im Radio und Fernsehen, doch Emel ließ sich nicht von ihrem Weg abbringen.

Ihr zweites Album sprengt alle Grenzen zwischen Politik, großen Gefühlen, arabischer Folklore und aktueller Bass Music. Elf Songs zum Niederknien, von der wuchtigen Eröffnungshymne über das balladeske Sallem mit den scheppernden Big Beats bis zur Popreife von Princess Melancholy. Der dunkle Sog in die Trance von Lost ist so unwiderstehlich wie die Elegie in Kaddesh und die Wildheit von Thamlaton, einem stimmgewaltigen Spektakel über den Suff, umspielt von bedrohlichen Flöten, Dabke-Tänzen und Industrial. Die Kraft und Intensität der östlichen Melodik und rhythmischen Emphase, die in den Liedern auflodernde Freiheitssehnsucht tun dem Bewunderer im goldenen Käfig des Westens manchmal fast weh. Emel hingegen, die inzwischen in New York lebt und zuvor in Tunesien trotz aller Schikane privilegiert aufwuchs, gelingt der Brückenschlag zwischen Unterdrückungserfahrung und Kunstgenuss.