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Migos: Culture (300 Entertainment)

Auch in der selten bescheidenen Hip-Hop-Szene ist ein handfester Vergleich mit den Beatles keine Alltäglichkeit. Deswegen war es Musikseiten eine eigene Schlagzeile wert, als der Comedian und Rapper Donald Glover in seiner Preisrede bei den Golden Globes sich persönlich beim Trio Migos aus Atlanta für ihren Song Bad and Boujee bedankte und es dann nach der Show "die Beatles unserer Generation" nannte. Das war echtes Fantum und Lokalpatriotismus. Außerhalb von Atlanta werden Migos durchaus kontrovers verhandelt.


Das untereinander veronkelte und vervetterte Trio gilt Puristen als Teil jener Rap-Generation, die den Hip-Hop versauen. Nicht inhaltlich, sondern stilistisch. Mit ihrer eher reduzierten Ästhetik werden Migos eher für die Verelendung als für die Veredelung des Genres verantwortlich gemacht. Storytelling und Textbuch-Poesie gibt es hier nicht, eher expressionistische Zeilenfetzen über Partys und Straße, unterbrochen von Zwischenrufen wie "scurr" und "mama", den sogenannten Adlibs, dazu reduzierte Beats, fertig ist der Trap-Einheitsbrei.
 So jedenfalls der Vorwurf.

Deshalb schreit der sonst so joviale DJ Khaled als Gast gleich zu Beginn des Albums Culture all jene an, die behaupten, Migos seien kein Teil der Hip-Hop-Kultur. Tatsächlich sitzen die Punchlines, die Adlibs sind mal Doo-wop-Shoops und mal Klagegesang, und in den Beats stecken Pianomelodien, die das Herz zerreißen können. Alles andere als Regression also: eher eine Befreiung.




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Syd: Fin (Columbia)

Von Genre-Älteren für Verfall und Untergang schuldig gemacht zu werden – damit kennt sich die Sängerin Syd auch aus. Noch als Teenagerin war sie Mitglied im Odd-Future-Kollektiv. In ihrem kleinen Heimstudio nahm die Gruppe adoleszent-düstere Frustgesänge auf, oft homophob und misogyn aufgeladen. Als queere Frau und DJ der Gruppe bot sie das perfekte Alibi. Irgendwann reichte es ihr mit der Bro-Energie. Stattdessen konzentrierte sie sich auf ihre Band The Internet. Der Name ist das Ergebnis eines internen Witzes – wo kommst du her? Aus dem Internet. Auch diese Gruppe pausiert gerade, um sich auf Soloprojekte zu konzentrieren.

Auf ihrem Album Fin klingt Syd weniger neo-soulig. Angenehm dezente Referenzen an R 'n' B aus den Neunzigern vertreiben die elektronische Wintrigkeit, während Syd alle Arten von seelischer und körperlicher Freude durchdekliniert. Sie selbst sagt, dass das Album kein großer Wurf sein soll: ein paar neue Songs, ein paar Verkäufe, und Stoff für Bühnenauftritte. Damit steht sie dem 2016-Trend zum großen Statement entgegen. Aber genau diese kleine Alben sind ja oft die, die bleiben.




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Rag 'n' Bone Man: Human (Columbia)

Ein häufiges Problem vor allem gelegentlicher Musikkäufer: Man verliebt sich in einen Song, der zum Beispiel in einem Werbespot läuft. Man besorgt sich voller Erwartung das zugehörige Album – und ist enttäuscht, weil die anderen Songs einfach nicht dasselbe Gefühl erzeugen können. Human, das Album des britischen Röhrers Rag 'n' Bone Man, bricht diese Regel. Eigentlich alle Songs, plus/minus einer souligen Tanznummer, klingen wie der Vodafone-Hit: in Gospel und Blues getunkter R 'n' B mit moderner Eisschicht. In der Mitte der beeindruckend rothaarige Brite Rory Graham, der den Suchenden zwischen Gottesdienst und Facebook-Sinnspruch mit Inbrunst gibt.


Tatsächlich meint es Graham ernst und hat sich sogar "Funk" und "Soul" auf die Knöchel tätowieren lassen. Er übersingt natürlich bis zum Gehtnichtmehr, wie so viele weiße, oft britische Musiker vor ihm, wenn sie sich in Genres wie Soul und Blues bewegen. So ist er näher an der Kopie als am Original und hat einfach aus dem Retro-Stampfer Rolling in the Deep von Adele ein ganzes Album gemacht – das qualitativ das Level des Welthits hält, dank der Produktion von Two Inch Punch, der schon Jessie Ware und Sam Smith zu Weltruhm brachte. Denn trotz aller schwitzigen Ungeschöntheit: Der Lumpensammler trägt Markenklamotten.




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Jesca Hoop: Memories Are Now (Subpop)

Manche müssen sich das Freaksein hart antrainieren, anderen ist es einfach qua Biografie mitgegeben. Jesca Hoop hat sich aus einer strengen Mormonenkindheit befreit, lebte dann mit schwer erziehbaren Jugendlichen im Wald und hat vor ihrem 15. Geburtstag den Einstieg ins Musikgeschäft geschafft, als sie Babysitterin für Tom Waits und Kathleen Brennan war. Waits schätzte ihr Talent und vermittelte sie an einen Musikverleger. Seitdem veröffentlicht sie schöne und spröde Alben – keine Meisterwerke, aber von ungewöhnlichen Ideen getriebene Songs.

Auch Memories Are Now ist kein richtig großes Album, dafür eins mit Ecken und Kanten. Inzwischen lebt Hoop in Manchester, und irgendwo zwischen geisterhaftem Maschinenlärm und California-Verschrobenheit ist ihre Musik verwurzelt. Sie kann es, wie auf Cut Connection röhren und dröhnen und plicken lassen, um dann in einem nostalgischen Stück wie Songs of Old mit wunderschönen Streichern die Vergangenheit zu beschwören. Für jeden Moment, in dem sie etwas ziellos klingt, gibt es zwei, in dem sie ganz unangestrengt das Old Weird America einfängt.