© Four / Sony

Balbina: Fragen über Fragen (Four / Sony)

Balbina Jagielska liebt die deutsche Sprache. Die deutsche Sprache liebt Balbina Jagielska jedoch nicht zurück. "Ich klebe mir Tesa auf die Brille / Und seh' das Leben wie Monet", heißt es auf dem dritten Album der Berliner Sängerin und Brechstangendichterin. Schon vorher lautete ein Refrain: "Fragen über Fragen überfragen mich." Balbina spielt dazu vorsichtig modernisierten Kammerpop, der nicht den Hauch einer Chance hat gegen ihre übermotivierten Wortspieltextgebilde.

Es liegt wohl am strengen Look der Künstlerin, dass ihre Platten als hörenswerte Pop-Disziplinarmaßnahmen gelten. Tatsächlich ist ihr Album Fragen über Fragen alles andere als beherrscht: Immer wieder zwingt sie das korrekte Versmaß mit langen Sätzen, zu vielen Silben und komischer Syntax in die Knie. Jede Zeile klingt so angestrengt ausgebrütet, als wollte Balbina ihr eigener Twitter-Parodie-Account sein. Eigenwillig ist das schon. Die blassen Songs wissen jedoch auch nicht, warum man sich auf ihre gestelzte Sprache einlassen sollte.



© Blue Note / Universal

Ryan Adams: Prisoner (Blue Note / Universal)

Das Problem mit Ryan Adams war immer, dass seine Posen besser sind als seine Songs. Sorry, aber ist so. Zwischen den Jahren 2000 und 2009 gab es niemanden, der so gut beleidigte Interviews geben konnte wie er, die Haare schöner verwuschelt trug oder cooler aussah, wenn er am gekippten Hotelzimmerfenster rauchte. Die 165 Alben, die Adams im selben Zeitraum veröffentlichte (grobe Schätzung), enthielten größtenteils selbstverliebte Folk-Balladen, rammdösigen Dad-Rock und Country-Songs, denen das beschissene Leben fehlte, das man für gute Country-Songs braucht. Ohne den Kult um Adams' sprunghaftes Naturell hätte sich niemand dafür interessiert.

In den letzten Jahren wurde es ruhiger um ihn, und daran wird auch Prisoner nichts ändern. Das neue Album von Adams unterscheidet sich von seinem Vorgänger 1989 nur dadurch, dass es keine Taylor-Swift-Coverplatte ist. Ansonsten enthält es die gleichen ewig suchenden und halbschlimme Sünden verhandelnden Lieder, in Szene gesetzt mit emsig beackerter Akustik- sowie sanft verzerrter E-Gitarre und jener Art von Bekennergesang, der nur mit geschlossenen Augen vorstellbar ist. Die Fans werden es mögen, aber würde man ein Stadion um diese Platte herumbauen, könnte sie auch von Bon Jovi sein.



© Grönland / Rough Trade

Philipp Poisel: Mein Amerika (Grönland / Rough Trade)

Dann wiederum: Philipp Poisel. Würde man um dessen neues Album Mein Amerika ein Stadion herumbauen, gäbe es vermutlich eine Bürgerinitiative dagegen, weil wir doch schon den DFB-zertifizierten Songwriter Mark Forster haben und es nun auch mal gut ist mit der Verschwendung von Steuergeldern. Der artige Folk- und Flächenpop des 33-Jährigen erfüllt jedoch auch ohne Großbauprojekt seinen Zweck: Er führt einem vor Augen, was man eigentlich hat an einer Ulk- und Skandalnudel wie Ryan Adams.

Poisel gehört nicht zu den flippigen Feelgood-aber-bitte-bleib-real-dabei-Liedermachern, die alles bevölkern und soundtracken, was das deutsche Fernsehen selbst produziert. Aber das auch nur nicht, weil er schon vor dem Trend da war. Seit 2008 veröffentlicht der Stuttgarter (hätte man sich nicht besser ausdenken können) die Lieblingsplatten von Forster, Bendzko, Clueso – gefüllt mit einfallslos komponierten, extrem hart gefühlten Songs über Liebeskummer, Fernweh und andere Allerweltsbefindlichkeiten. Repräsentative Zeilen aus Mein Amerika: "Ich will ein Roman sein / Auf den Seiten deines Lebens / Geschrieben mit Tinte / Schwarzer Tinte / Aus deinem Herz." Äh, kotz?



© Father / Daughter / H'Art

Vagabon: Infinite Worlds (Father / Daughter / H'Art)

Laetitia Tamko ist nicht Beyoncé. Seit sie das eingesehen hat, läuft es wie am Schnürchen für die in Kamerun geborene Songwriterin. Früher träumte sie von Auftritten in der Halbzeitpause des Super Bowl – und gar nichts passierte. Heute gibt Tamko Konzerte ohne Bühne in den Kleinstclubs ihrer New Yorker Wahlheimat und stiftet Zugehörigkeitsgefühle, wo es vorher keine gab. Sie nennt sich Vagabon und spielt Indierock. Ihr erstes Album Infinite Worlds rumpelt mit Bratzgitarre und Drumcomputer durch 29 Minuten, die sich noch kürzer anfühlen, als sie sind. Tamko hat es eilig. Sie befindet sich auf einer wichtigen Mission.

Selbst im New Yorker Underground verschlägt es nicht viele Afroamerikanerinnen zu den Shows von Vagabon. Das soll sich ändern. Tamko singt deshalb darüber, die eigenen Einigeltendenzen zu überwinden. Selbstbewusst streckt sie ihre Stimme zwischen offensichtlichen Emo-Vorbildern wie Rilo Kiley und Mitski und beweist immer dann, wenn ihr ein Song zur Seite wegkippt, dass man als Rockmusikerin nicht alles können muss, was man macht. Eine Erkenntnis wie ein Super-Bowl-Sieg.