Chuck Berry im Jahr 2013 auf der Bühne in Montevideo © Pablo Porciuncula/AFP/Getty Images

Auf Vermittlung von Muddy Waters landet er Mitte der Fünfziger in Chicago bei Chess, dem damals entscheidenden R&B- und Blues-Label. Berry wird gleich mit der ersten Single Maybellene zum Star der Plattenfirma. Dies lag in den streng segregierten Zeiten nicht zuletzt daran, dass Berry sowohl mit den Countryspuren als auch der sauberen Diktion seine afro-amerikanische Herkunft ein bisschen verschleierte. Er trug die Haare geglättet, und seine helle Haut wiederum wurde für die Promofotos noch ein wenig heller retuschiert – zweifellos eine rein geschäftliche Erwägung.

Denn nicht nur erahnt man natürlich im Songtext von Johnny B. Goode noch den "colored boy", den Berry dann durch den "country boy" ersetzte. Mit dem am Ende doch expliziten "brown-eyed handsome man" öffnet Berry auch früh das Kapitel der Black Pride. Wobei es dabei nicht nur um die Hautfarbe geht. In Roll over Beethoven schiebt er mal eben Piotr Tschaikowsky und den Großmeister der klassischen Sinfonie beiseite, und in dem ebenfalls 1956 geschriebenen Song heißt es: "Milo Venus was a beautiful lass/ she had the world in the palm of her hand/ but she lost both her arms in a wrestling match/ to meet a brown eyed handsome man" – die afroamerikanische Kultur wird dabei nicht weniger offensiv gegen die herrschende gesetzt als später die Subkultur des Rock 'n' Roll gegen den Mainstream.

Aber Berry sang in seinen Stücken nicht nur von der Rebellion der Teenager – er gehört zu den raffiniertesten Textern der Zunft: So steckt etwa noch in Sweet Little Sixteen eine frühe Reflektion der Groupiekultur; Memphis, Tennessee erzählt, zunächst als Liebesgeschichte verpackt, so etwas wie das Sorgerechtsdrama eines geschiedenen Vaters; und der schwierige Trip ins Promised Land beschreibt eine deutlich afroamerikanische Landkarte. Dieser Song ist übrigens 1964 schon ein späterer Klassiker nach dem Karriereknick wegen des Gefängnisaufenthalts.

Im Grunde verwaltete Chuck Berry seit den Siebzigern vor allem den Ruhm, der ihm durchaus in Form von Lebenswerk-Grammys und anderen Ehren zuteil wurde. Als Performer stand er in Elvis' Schatten; mit seinem Werk jedoch hat er die Rockgeschichte gleichsam begründet. Am 18. März ist Chuck Berry nun im Alter von 90 Jahren in seinem Haus in Missouri gestorben. Möglicherweise, viel aktuelle Ästhetik spricht dafür, wird die Rockgeschichte mit ihm auch begraben.

Seine Musik bleibt aber dem Universum bis in alle Zukunft erhalten: Johnnie B. Goode gehört selbstverständlich zum Gepäck der Voyager, die fremden Welten die unsere nahebringen soll.