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ADULT.: Detroit House Guests (MUTE)

Wenn sich die Großen im Musikgeschäft derzeit öffentlich ihrer Political Correctness versichern, wirkt sich das dennoch selten auf ihre Musik aus. Im Munde geführte Bekenntnisse und Parolen führen nicht zwangsläufig zu mehr Experimentierfreude und künstlerischem Wagnis. Das überlässt man lieber Leuten wie Nicola Kuperus und Adam Lee Miller. Das Paar nennt sich ADULT., und seit 1997 machen die beiden bildenden Künstler auch Musik zusammen. Für ihr Projekt Detroit House Guests luden sie im Rahmen eines mehrwöchigen Stipendiats zum gemeinsamen Arbeiten und Leben in ihr Detroiter Studio ein.

Michael Gira von den Swans kam, auch die österreichische Thereminspielerin Dorit Chrysler, die japanische Modedesignerin Lun*na Menoh, Douglas McCarthy vom EBM-Trio Nitzer Ebb und Shannon Funchess von Light Asylum. Die zwölf Stücke des Konzeptalbums versprühen einen Ideenreichtum quer durch Elektropop, Avantgarde, Dada und Dark Wave, der für ein Dutzend Tonträger gereicht hätte. Der Titel We Chase The Sound gibt das Motto vor für die knurrenden und blubbernden Drumcomputer und Synthesizer, den sibyllinischen Postpunkgesang und die Spoken-Word-Poesie. Sind es Furien aus der Barockoper, oder winken dort Lydia Lunch und Danielle Dax? Im Song Uncomfortable Positions findet der Hexenritt gegen die Bequemlichkeit seinen Höhepunkt.



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Daniel Brandt: Eternal Something (Erased Tapes)

Bequem macht es sich auch Daniel Brandt nicht. Erst vorigen Herbst erschien ein neues Album seines Trios Brandt Brauer Frick, das wieder in höchster Meisterschaft das Nachspielen von Techno auf Instrumenten zeigt. Für seinen Alleingang plante der in Berlin und London lebende Spezialist elektroakustischer Musik zunächst eine ganze Platte nur mit Schlagzeugbecken. Doch dann mischte sich eine Reise nach Kalifornien und ein Auto voller Gitarren von außen in den Ideenprozess ein, der Albumtitel Eternal Something deutet es an.

Dieses Etwas zieht den Hörer in einen Tunnel, ähnlich wie im Covermotiv, hinein in die Spirale aus Komposition und Abstraktion, Verdichtung und Auflösung. Im Wechsel holt Brandt das Nackte und Rohe einer Gitarrenfigur in den Fokus und zerfasert und spleißt sie zu hypnotischen, rhythmischen, krautrockenden und technoiden Anderswesen. Der Jazzmutant in The White Of The Eye ist Eleganz und Aufbegehren in einem – Gänsehaut, als nur noch die Zupfbassschläge übrig bleiben. Pianocluster und Posaunendrones treiben die Spannung in den Wahnsinn. Zu gern bekäme man jetzt das Schlagzeugbeckenalbum auch noch zu hören.



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Acid Pauli: BLD (Ouïe)

Das Wichtigste einfach weglassen. Die Kickdrum zum Beispiel, das Urviech aller Techno- und House-Beats, elektronisch erzeugt mit dem Bass-Lead & Drum Generator. Acid Pauli verordnet dem Gerät Schweigen und benennt sein Album nach dem, was fehlt: BLD. Die Wirkung der nunmehr irrlichternden Samples, Breaks und Offbeats ist enorm, selten wohnte solch vertrackte Abgründigkeit in kuscheligem Deep House Dub wie in dem Stück Abbebe. Die acht Tracks knistern wie rückwärts über elektrisch aufgeladenen Samt gebürstet. Die ungekickten Bässe lauern unter den Teppichen, der Jazz wispert hinter den Tapeten. Gitarren und Banjos huschen gespenstisch durch einen Globetrotterwestern, schräge Bläserstimmen erzählen einen hauntologischen Krimi aus dem Orient.

Martin Gretschmann sammelt Töne aus aller Welt, verrät seine Quellen jedoch nur ungern. In den neunziger Jahren wurde er zum Soundtüftler für die Indietronic-Band The Notwist, dann schuf er melancholische Maschinenmusik mit seinem Projekt Console. Als DJ gräbt er unter dem Alias Acid Pauli in musikalischen Subtexten, bis sich Techno in Nebenidentitäten auflöst. Auf BLD bekommt der Dancefloor psychedelische Dellen verpasst und verwandelt sich zur Buckelpiste für gechillte Abenteurer.



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Soulwax: From Deewee (PIAS)

Zwei Springteufel hüpfen aus der Nineties-Box: Soulwax sind zurück! Einst wurden sie als meist unterschätzte Band ihrer Dekade geschmählobt. Zwischenzeitlich gründeten die Brüder David und Stephen Dewaele aus Belgien ihr eigenes Plattenlabel, bespielten ihre Radio Soulwax Videoshow, reisten als 2manydjs umher und bastelten Remixe für diverse Berühmtheiten. Nach einer Tour mit neuer Crew ist jetzt der Modus Operandi als Band wiederhergestellt.

Aus dem Deewee-Studio glitchen zwölf neue Songs Richtung Acid, Wave, Dream Pop und, hoch mit dem Feindbild, Boygroupgesang. Oder ist es ein morbide schillernder Versuch, dem Suicide-Sänger Alan Vega posthum Hoffnung einzusingen? Dagegen offenbart Is It Always Binary nacktes Rhythmisieren auf obszön straffen Fellen und Basssaiten, der reinste Trommlerporno. Den Stakkato-Drums schmeißt sich eine Armada von Oldschool-Synthesizern voll analoger Saftigkeit an die Lenden, umschmeichelt von einer Prise Krautrock, Improv und Minimal. Für eine "unterschätzte" Band könnte das ausreichen, aber, na ja.



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Conor Oberst: Salutations (Nonesuch)

Seit Ruminations aus dem vergangenen Oktober, der Platte fürs survival of the saddest, hing die Frage im Raum, wie es wohl weitergeht mit Conor Oberst. Schneller als gedacht kommt der schöne Grübler mit einer Renovierungsarbeit daher. Zehn der 17 Titel auf Salutations sind reinterpretierte Songs vom leidensschweren Ruminations. Mit voller Bandbesetzung wird die Depression aus dem puristischen One-Man-Folk auf- und umgearbeitet. Wie The Band zu Zeiten von Dylans Elektrifizierung schmettern The Felice Brothers Countrywalzer und Americana, die mitsamt den Lyrics gut in einen Film über alte New York Bookstores passen würden. Die sehnsüchtigen Verse über Timothy Leary und die bittere Wirklichkeit eines Conor Oberst im neuen Song Too Late To Fixate funktionieren nach wie vor hauptsächlich durch den aufwühlenden Gesang, die emotionalen Hooklines, die kleinen Mollschlenker.