© BMG

Findley: Forgotten Pleasures (BMG)

Weibliche Selbstermächtigung im Pop hat ein Manko: Frauen kopieren die Mechanik männlicher Dominanz oft anstatt sie umzuwälzen, gar zu zerstören. Auch Riot Grrrls fiel es nie leicht, das richtige Maß zwischen Assimilation und Umsturz zu finden, weshalb sie mal dicht am Mainstream waren, mal schlicht unerträglich. Natalie Findlay hat ein Maß gefunden, keins davon zu sein und alternativem Rock dennoch kräftig den Marsch zu blasen.

Auf ihrem furiosen Debütalbum reiht die Britin alles, wonach ihr der Sinn steht, so dicht aneinander, dass es Referenzen regnet, ohne den radikalen Eigensinn zu verwässern. Der Song Electric Bones klingt nach M.I.A., Waste My Time wie Katy Perry, während Le Tigre durch Junk Food hetzen. Im Einzelnen eine Werkschau des musikalischen Feminismus, gerät das Gesamtwerk so zu einer Art Elektrogaragenpunktrashpop. Mit fröhlicher Aggressivität löst sich das Album aus dem Schwitzkasten maskuliner Studiobeherrschung. Nun ist Forgotten Pleasures noch keineswegs die Rückgewinnung des Paradieses; ein sattgrünes Rasenstück inmitten der Brache des zeitgenössischen Crossover ist es aber allemal.



© Warner

Van Holzen: Anomalie (Warner)

Wann immer die Härte aus Deutschland "neu" genannt wird, erscheint sie heillos eingeklemmt zwischen Männlichkeitskult und politischer Radikalität, Rammstein und Messer, Ausdruck und Attitüde. Einfach nur grob in magengrubentief verzerrte Gitarrensaiten zu dreschen wie es die Band Van Holzen gerade tut, ist da zumindest im Rampenlicht eher die Ausnahme. Dorthin könnten es die Schulfreunde aus Ulm durchaus schaffen. Und das liegt (schon ganz schön, aber) nicht allein am mächtigen Musikkonzern Warner im Rücken. 

Wichtiger ist die unprätentiöse Beiläufigkeit, mit der das junge Trio sein Debütalbum Anomalie präsentiert: brettharte Rockriffs aus der Blütezeit des Indierock, gepaart mit Jonas Schramms düster flatterndem Bass und Daniel Kotitschkes variablem Schlagzeug. Sie grundieren die Teenager-Prosa des Gitarristen und der Texters Flo Kiesling, die weder übertrieben poetisch noch allzu politisch wirken will. Da machen einfach drei Jungs aus dem Süden deutschsprachigen Hardcore, der zu subtil ist für Mackerposen und zu uneitel für Posterboypop.



© Blackwood Music

Sameday Records: Never Ending (Blackwood Music)

Das mit der eigenen Sprache hätte sich ein geografisch benachbartes Trio besser mal durch den Kopf gehen lassen. Doch Sameday Records haben sich entschieden, ihren sinnesfreudigen Folkpop aus dem Badischen auf Englisch zu singen: "Our hearts we're open / feet on the ground" oder "these walls in front of you / we need to bring them down" – gefühlsduselige Stanzen, schade eigentlich.

Auf ihrem Erstlingswerk Never Ending kreieren Daniele Cuviello, Severin Ebner und Patrick Huber nämlich etwas sehr Seltenes: Die Instrumente fröhlich durchgewechselt, wirkt das perfekt abgestimmte Blending ihres Harmoniegesangs auf angenehm aktuelle Art altmodisch. Crosby, Stills, Nash & Young schimmern da hindurch, Simon & Garfunkel, aber beides ohne jeden Hippie-Appeal, einfach glaubhaft einträchtig und trotz einiger Schnulzen eindrücklich schön. Dass sie mit der Schmalzstulle Andreas Bourani auf Tour waren und mit dem Geleebrötchen Ed Sheeran verglichen werden, kann man einer so jungen Band, die ihre Leidenschaft zur Profession machen möchte, ja nicht vorwerfen.



© Trocadero

Candelilla: Camping (Trocadero)

Die Achtziger waren nicht ohne Grund aseptisch kühl und trashig bunt. Saurer Regen und Privatfernsehen, Fatalismus und Hedonismus. Wenn Donald Trump nun verkündet, Amerika solle wieder Kriege gewinnen, wirkt der verdrießliche Nihilismus von Candelilla umso weniger nostalgisch, sondern sehr zeitgemäß. Schon auf den ersten zwei Studioalben hat das zum Frauenquartett geschrumpfte Kollektiv sein Thema Liebesleben in Substantive von so rabiater Seelenlosigkeit zerhackt, dass man sich fragte, ob es die Zeichen besserer Zeiten nicht gehört oder ignoriert hat.

Auf der neuen Platte Camping zeigt sich nun: Candelilla waren uns einfach ein paar Erkenntnisse voraus. Nie seit der Gründung in München vor 16 Jahren wirkten die dystopisch brüllenden Synths und Saiten unterm übellaunigen Sprechgesang aktueller als jetzt. Mögen muss man diese Noisepunk gewordene Skepsis aus der Produktion von Hannes Plattmeier und Tobias Levin nicht; ein virtuoser Kommentar auf den Lauf der Dinge aus weiblicher Perspektive bleibt sie trotzdem.



© Ipecac Recordings

Crystal Fairy: Crystal Fairy (Ipecac Recordings)

Supergroup ist ja auch schon wieder so ein männlich konnotierter Begriff des Rockgewerbes, in dem Größe der einzelnen Teile doch oft von Belang ist. Gut, dass bei dieser Supergroup eine Frau die Hosen anhat: Teri Gender Bender, Kopf und Stimme der radikalfeministischen Garagenpunkband Le Butcherettes. Zwischen Buzz Osborne und Dale Crover von den Melvins, Omar Rodriguez-Lopez (At The Drive-In) und einer Reihe Kollegen anderer Zusammenhänge bildet die klassenbewusste Mexikanerin das Herz ihres Side-Projektes Crystal Fairy.

Ganz im Stile der Mitglieder ist deren gleichnamiges Debütalbum ein elfteiliges Stück Metalpunkpop, das angeblich an einem Tag eingespielt und entsprechend roh zu genießen ist. Trotz Gender Benders operettenhaft psychedelischer Stimme braucht das Album allerdings ein paar Tracks, bis es aus dem Duktus kumulierter Individualkompetenz eine kollektive Eigenart entwickelt. Ist es bis dahin solide brachial, befeuern vor allem Crovers entfesselte Drums das Ganze ab der Hälfte. Feines Doom-Sludge-Gedresche für Fans von allem mit "Super" davor.