© Nonesuch/​Warner

Dan Auerbach – Waiting On A Song (Nonesuch / Warner)

Über das Bluesrock-Duo The Black Keys aus Akron, Ohio muss man zwei Dinge wissen. Der Schlagzeuger Patrick Carney brach einst einen Streit mit den 95 Millionen Twitter-Fans von Justin Bieber vom Zaun, und der Sänger und Gitarrist Dan Auerbach ging bei immer größerem Erfolg dazu über, immer ödere Lieder zu schreiben. Das muss ihm irgendwann selbst aufgefallen sein: Über sein zweites Album Waiting On A Song kann man alle schlechten Dinge der Welt sagen. Aber nicht, dass es öde ist.

Wie ein Pferd auf feinstem Speed prescht Auerbach los: Waiting On A Song und Malibu Man beklauen nacheinander die Beatles und Phil Spector, sie sind überschwänglicher Powerpop, der einen mit guter Laune und gut gemeinter Alle-Regler-auf-zehn-Produktion nicht nur umhaut, sondern auch vom Hocker und aus den Socken. Danach kommt Auerbach etwas runter und spielt die Platte mit dem Übereifer eines Fußgängerzonenmusikers zu Ende. Dass man es hier mit einer Aneinanderreihung ausgelutschter Rock-'n'-Roll-Klischees zu tun hat, kann jedoch auch sein offensichtlicher Spaß an der Freude nicht vertuschen.

 

 

© Friends Of Friends/​Indigo

Perera Elsewhere – All Of This (Friends Of Friends / Indigo)

Als der Rapper 50 Cent im Februar 2005 seine Hitsingle Candy Shop veröffentlichte, war der Titel als Metapher gedacht. Rappte er darüber, eine Frau (oder seinetwegen auch zwei oder drei) in den Süßwarenladen mitzunehmen, meinte er damit eigentlich sein Schlafzimmer (oder seinetwegen auch die Rückbank eines beliebigen Autos). "Mitnehmen" war außerdem als "rannehmen" zu verstehen. Perera Elsewhere ist dieser Umstand nicht verborgen geblieben.

Auf ihrem zweiten Album All Of This gelingt der Songwriterin, Produzentin, Sängerin und Multiinstrumentalistin aus Berlin etwas wirklich Unerhörtes. Unvermittelt stimmt sie an einer Stelle den Refrain von Candy Shop an – und schafft es, das wahrscheinlich unerotischste Bumslied aller Zeiten sexy zu machen. Zwar überstrahlt dieser Moment den Rest der Platte. Das Spiel mit Andeutungen, Verwünschungen und umgedrehten Vorzeichen beherrscht Perera Elsewhere aber auch in ihren eigenen Songs, die sie mit schleichenden Beats, unterkühltem Gesang und allerlei Gruseleffekt-Synthies ausgestaltet. Die Künstlerin nennt es Doom-Folk. Zum Glück ist auch das eine Metapher.

 


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Chastity Belt – I Used To Spend So Much Time Alone (Hardly Art / Cargo)

Bisher konnte man über Chastity Belt nicht behaupten, dass sich die Band aus Walla Walla, Washington allzu sehr reinhänge. Man kannte und schätzte sie in Indierock-Kreisen für ihre Schrammelgitarren und verrauschten 30-Minuten-Platten, für gelegentliche versaute Witze und ironische Gruppenfotos, auf denen sich die Musikerinnen wie der Traum jedes Highschool-Jahrbuch-Fotografen inszenierten. Nun jedoch erscheint das dritte Album von Chastity Belt, und gleich im ersten Song geht es darum, wie man seinen Kram vielleicht doch etwas besser auf die Reihe kriegen könnte. Warum bloß?

Hinzu kommen auf I Used To Spend So Much Time Alone weitgehend unverzerrte Gitarren, lehrbuchmäßige Akkordfolgen und eine grundsätzliche Ordnungsliebe, für die man sich eigentlich den Rest seines Lebens zu jung fühlen wollte. Ein Stück namens Stuck erinnert an The Smiths, im darauffolgenden Complain entwickelt der Bass regelrechte Spielfreude. Noch einmal: warum bloß? Erfreulicherweise: weil Chastity Belt es können. Ihre bisher ernsthaftesten Songs sind auch ihre bisher besten. In Zukunft wird man ihnen selbst eine Rockoper zutrauen müssen.

 

 

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Wandl – It's All Good Tho (Affine)

Deutschrap bedeutete früher, dass man so gut sein wollte wie "die Amis" oder wenigstens "die Franzosen" – und es nicht hinbekam. Das ist zum Glück schon etwas länger her. Heute gibt es etwa den Produzenten Wandl aus St. Pölten, der in seinem Schlafzimmer nicht nur Beats programmiert, die auch Madlib, Flying Lotus und andere Hip-Hop-Forscher aus Los Angeles gern auf ihrer Festplatte hätten. Dem 22-Jährigen gelingt es sogar, seinen kurzen, oft nur angerissenen Tracks eine eigene Note einzuimpfen.

Ist diese Note nun typisch österreichisch? So gemein wollen wir nicht sein. Es ist eher das Verpennte und/oder Bekiffte, das Wandls Debütalbum It's All Good Tho zu etwas Besonderem macht. Bestenfalls im Schritttempo geht diese Platte voran. Oft versanden ihre Beats schon wieder, bevor Wandl seine dünne, aber doch seelenvolle Singstimme erheben kann. Anders gesagt: Es gibt hier keine Muskelspiele, keine Schwanzvergleiche oder sonstigen Probleme mit zu breiten Beinen. Es gibt nur einen Typen und sein Equipment, der St. Pölten als neues Wolkenkuckucksheim der Rapmusik auf die Landkarte bringt.