Schlagerpop für Angela – Seite 1

Das größte Ereignis des popmusikalischen Jahres ist in Deutschland mit Spannung erwartet worden: ein neues Album von Helene Fischer. Am heutigen Freitag erscheint es und heißt Helene Fischer. Die Menschen waren deshalb so gespannt darauf, weil sie sich einerseits fragten, ob die allseits beliebte Sängerin, Moderatorin und Boden-Luft-Akrobatin den Thron der deutschen Popnationalkünstlerin weiterhin verteidigen kann, den sie mit ihrem letzten Album Farbenspiel errungen hatte. Sowie andererseits und insbesondere, welchen musikalischen Weg Helene Fischer mit diesem für ihre Karriere zweifellos entscheidenden Werk einschlagen würde. 

Zur Popnationalkünstlerin war Helene Fischer 2013 ja nicht zuletzt deswegen geworden, weil sie das in musikalischer wie lyrischer Hinsicht traditionell streng umhegte Gelände des deutschen Schlagers für Einflüsse aus aller Welt und aus allen möglichen popmusikalischen Szenen geöffnet hatte. Insbesondere bei ihren Konzerten hüpfte sie in heiter-eklektischer Weise von den Bierzeltrhythmen ihrer ersten Erfolge zu Funk-Rock-, Disco- und Metal-Zitaten, sie coverte gleichermaßen Daft Punk, Céline Dion und Prince und bot ihren bislang größten Hit, Atemlos durch die Nacht, gern auch in Bassmusikremixen und ibizenkischen Schranztechnoversionen dar: Mithin war die Helene Fischer der letzten Karrierephase nichts anderes als die erfolgreichste Protagonistin einer musikalischen Willkommenskultur.

Nun hat die Willkommenskultur inzwischen bekanntlich an gesamtgesellschaftlichem Rückhalt verloren. Auch das Management von Helene Fischer schien sich zunehmend darum zu sorgen, ob die – mit queeren Kostümen und Lacklederdominanzposen sogar schon zur "deutschen Lady Gaga" erhobene – Künstlerin nicht den Rückhalt bei ihrem eher traditionell veranlagten Schlager-Stammpublikum einbüßen könnte, triebe sie die Metamorphose zur glamourösen Popdiva noch weiter voran. Nicht zuletzt deswegen hat es mit dem neuen Album so lange gedauert; und nicht zuletzt deswegen gab es – ausgesprochen ungewöhnlich bei einer Veröffentlichung dieser Art  – vorab keine Single zu hören und kein Video zu sehen, sondern lediglich drei Lieder, die Fischer in der Show ihres mutmaßlichen Lebensgefährten Florian Silbereisen präsentierte.

Angeblich 900 verschiedene Songversionen

Offenbar haben die für das Design der Popfigur Fischer zuständigen Männer bis zuletzt um die rechte Weiterentwicklung der Marke gerungen: auf der einen Seite der Hamburger Künstlermanager Uwe Kanthak, der ihre Verwandlung zur Diva erst wesentlich prägte und nun aber zunehmend auf die Bremse trat; auf der anderen Seite die Vertreter des Musikkonzerns Universal, die für eine noch stärkere Profilierung als international anschlussfähiger Popstar plädierten. Seit Monaten schon tagten unaufhörlich die Gremien, suchten nach dem rechten Kurs und modifizierten das musikalische Erscheinungsbild mal in der einen, mal in der anderen Weise; bis zu 900 Versionen soll es von den einzelnen Titeln auf Helene Fischer gegeben haben, bevor daraus nun ein fertiges Produkt werden konnte.

Wie wurde nun also die Kontroverse um mehr oder weniger Internationalisierung, mehr oder weniger Heimattreue geschlichtet? In geradezu Merkel'scher Weise: durch systemstabilisierenden Ausgleich und Kompromisse. Helene Fischer ist ein Doppelalbum mit insgesamt 24 Liedern geworden. Die zwölf Lieder auf der ersten Schallplatte präsentieren Fischer als ebenso Pop- wie Dancefloor-versierte Universalkünstlerin; die zwölf Lieder auf der zweiten Schallplatte variieren in geradezu aufreizend konservativer Weise den Humpta-ump-grundierten Elektroschlager, mit dem sie ihre Karriere begann und der zuletzt vor allem von Fischer-Epigonen wie Vanessa Mai gepflegt wurde.

Mit diesem Teil des Albums lassen sich mithin mühelos auch weiterhin die Schagerdiskoabende des Landes beschallen, von der Pony Bar auf Sylt bis zum Schützenfest in der Provinz. Der Rückwärtsgang ins Traditionelle zeigt sich interessanterweise auch in den Texten, und zwar dadurch, dass Fischer nicht mehr wie vor vier Jahren auf Farbenspiel als jene souveräne Frau inszeniert wird, die über den Männern und dem scheinhaften Glück der lebenslangen Zweierbeziehung steht: In Liedern wie Atemlos durch die Nacht sehnte sie sich ja vor allem nach dem Rausch des Moments und ließ dabei zugleich erkennen, dass sie die lebenslange Bindung an ein und denselben Typen eher als traurige Endstation sieht (so der Titel eines weiteren Songs) denn als Verwirklichung romantischer Liebe.

Ganz das liebesbedürftige Mädchen

Auf Helene Fischer gibt sie sich hingegen wieder ganz als liebesbedürftiges Mädchen; als unsouveränes Mängelwesen, das erst durch die dauerhafte Vervollständigung mit einem souveränen Mann zu sich selbst kommen kann. Das kann man als Ausdruck des neuen Sexualkonservatismus in der Gesellschaft begreifen. Aber auch darin liegt natürlich ein Risiko: Die nicht unwichtige Zielgruppe der nicht mehr ganz jungen Frauen, die nach einer gescheiterten Beziehung in der Lebensmitte trotzigen Trost in Helene-Fischer-Songs statt in den Armen des nächsten Typen suchen, wird auf diese Weise nicht mehr bedient.

Wie dem auch sei: Nur mit Dir heißt auch das Eröffnungsstück auf der ersten Platte des Doppelalbums. Was nichts daran ändert, dass die musikalische Gestaltung des Songs mit seinen leicht leiernden balearischen Beats und den darunter hüpfenden Orchester-Samples so dancefloor-modernistisch ist wie die markantesten Farbenspiel-Stücke. So ist es in der gesamten ersten Hälfte des Werks. Das Stück Herzbeben beginnt gar nach britischer Clubmusikart mit wobbelnden Dubstep-Bässen und steigert sich dann in einen schnurstracks voranmarschierenden Techno-Beat, um jeweils im Übergang zwischen den Strophen und Refrains immer wieder in retardierende Dub-Reggae-Passagen zurückzufallen.

Von Ibiza nach London und wieder zurück: Ihren eingespielten Eklektizismus variiert Fischer hier als Hopping zwischen verschiedenen Urlaubsdestinationen. Das Stück Schon lang nicht mehr getanzt blickt mit seinen Akkordeoneinsätzen nach Frankreich; Viva La Vida ist wiederum ein Tango mit flott hineinhupenden Bläsern, während Sonne auf der Haut die heiteren Ferientage in etwas rätselhafter Weise mit einem Dudelsackleitmotiv beschwört; aber auch in Schottland kann man sicher mal Glück mit dem Wetter haben.

Für eine progressive Gesellschaft

Wenn die Künstlerin sich also schon nicht mehr als souveräne Frau zeigt, so überhöht sie – wenigstens im ersten Teil von Helene Fischer – das eklektische, postmoderne Design ihres Popstarkonzepts in der Inszenierung als musikalische Nomadin. Das neunte Stück des Albums, Mit dem Wind, könnte man hierfür als Manifest ansehen: "Egal wohin / egal wie weit / an jedem Ort zu Hause sein", heißt es darin:  "Komm, ziehen wir mit dem Wind! / ganz egal, wo wir am Ende stehen / der Weg war unser Ziel". 

Das heißt: Die deutsche Popnationalkünstlerin Helene Fischer präsentiert sich als eine, die nicht in Deutschland "zu Hause" ist, sondern "an jedem Ort". Sie gehöre zu denen, die "auf der Flucht" sind, singt sie gar in dem Stück Wir brechen das Schweigen: Das ist mit seinen Stadionpop-kompatiblen "Ohe-oh-je-hödel-di-hö"-Mitsingpassagen als große Verschwisterungshymne entworfen. Es zielt dabei aber, anders als zuletzt der große "Ohe-oh-je-hödel-di-hö"-Mitsingkünstler Andreas Bourani, nicht auf ein nationalkollektives Wir, sondern vielmehr auf das Selbstverständnis einer Gesellschaft, die "in die neue Zeit" vorangehen will. So zitiert Fischer hier nicht nur die alte Hymne der Arbeiterbewegung, "Wann wir schreiten Seit' an Seit'",  sondern bekundet auch ihr Missfallen an migrationspolitischer Regression: "Wir sind zu weit gegangen / um hier jetzt stillzustehen".

Und das ist bei aller schlagertypischen Sublimierung der Botschaft vielleicht doch der politischste Satz, den man in diesem Feld seit Langem zu hören bekam.