Auf Helene Fischer gibt sie sich hingegen wieder ganz als liebesbedürftiges Mädchen; als unsouveränes Mängelwesen, das erst durch die dauerhafte Vervollständigung mit einem souveränen Mann zu sich selbst kommen kann. Das kann man als Ausdruck des neuen Sexualkonservatismus in der Gesellschaft begreifen. Aber auch darin liegt natürlich ein Risiko: Die nicht unwichtige Zielgruppe der nicht mehr ganz jungen Frauen, die nach einer gescheiterten Beziehung in der Lebensmitte trotzigen Trost in Helene-Fischer-Songs statt in den Armen des nächsten Typen suchen, wird auf diese Weise nicht mehr bedient.

Wie dem auch sei: Nur mit Dir heißt auch das Eröffnungsstück auf der ersten Platte des Doppelalbums. Was nichts daran ändert, dass die musikalische Gestaltung des Songs mit seinen leicht leiernden balearischen Beats und den darunter hüpfenden Orchester-Samples so dancefloor-modernistisch ist wie die markantesten Farbenspiel-Stücke. So ist es in der gesamten ersten Hälfte des Werks. Das Stück Herzbeben beginnt gar nach britischer Clubmusikart mit wobbelnden Dubstep-Bässen und steigert sich dann in einen schnurstracks voranmarschierenden Techno-Beat, um jeweils im Übergang zwischen den Strophen und Refrains immer wieder in retardierende Dub-Reggae-Passagen zurückzufallen.

Von Ibiza nach London und wieder zurück: Ihren eingespielten Eklektizismus variiert Fischer hier als Hopping zwischen verschiedenen Urlaubsdestinationen. Das Stück Schon lang nicht mehr getanzt blickt mit seinen Akkordeoneinsätzen nach Frankreich; Viva La Vida ist wiederum ein Tango mit flott hineinhupenden Bläsern, während Sonne auf der Haut die heiteren Ferientage in etwas rätselhafter Weise mit einem Dudelsackleitmotiv beschwört; aber auch in Schottland kann man sicher mal Glück mit dem Wetter haben.

Für eine progressive Gesellschaft

Wenn die Künstlerin sich also schon nicht mehr als souveräne Frau zeigt, so überhöht sie – wenigstens im ersten Teil von Helene Fischer – das eklektische, postmoderne Design ihres Popstarkonzepts in der Inszenierung als musikalische Nomadin. Das neunte Stück des Albums, Mit dem Wind, könnte man hierfür als Manifest ansehen: "Egal wohin / egal wie weit / an jedem Ort zu Hause sein", heißt es darin:  "Komm, ziehen wir mit dem Wind! / ganz egal, wo wir am Ende stehen / der Weg war unser Ziel". 

Das heißt: Die deutsche Popnationalkünstlerin Helene Fischer präsentiert sich als eine, die nicht in Deutschland "zu Hause" ist, sondern "an jedem Ort". Sie gehöre zu denen, die "auf der Flucht" sind, singt sie gar in dem Stück Wir brechen das Schweigen: Das ist mit seinen Stadionpop-kompatiblen "Ohe-oh-je-hödel-di-hö"-Mitsingpassagen als große Verschwisterungshymne entworfen. Es zielt dabei aber, anders als zuletzt der große "Ohe-oh-je-hödel-di-hö"-Mitsingkünstler Andreas Bourani, nicht auf ein nationalkollektives Wir, sondern vielmehr auf das Selbstverständnis einer Gesellschaft, die "in die neue Zeit" vorangehen will. So zitiert Fischer hier nicht nur die alte Hymne der Arbeiterbewegung, "Wann wir schreiten Seit' an Seit'",  sondern bekundet auch ihr Missfallen an migrationspolitischer Regression: "Wir sind zu weit gegangen / um hier jetzt stillzustehen".

Und das ist bei aller schlagertypischen Sublimierung der Botschaft vielleicht doch der politischste Satz, den man in diesem Feld seit Langem zu hören bekam.