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Oliver Koletzki: The Arc Of Tension (Stil vor Talent)

Die Allgegenwart von Techno in Werbespots ist Schuld an haufenweise unfreiwilligen Bildassoziationen. Für fantasievollere audiovisuelle Verknüpfungen sorgt jetzt Oliver Koletzki mit seinem sechsten Album, einer Wachtraumtour durch exotische Downbeatszenarien, Kontinente und Bewusstseinsstadien. Von entspannt summenden Synthesizern begleitet, gibt das Stück Spiritual But Not Religious das Motto vor. Mit Pianopluckern, Urwaldlauten, weichen Ambientrhythmen und eindringlichen Vocals trifft A Tribe Called Kotori den innersten Nerv eines globalen Musikempfindens.

Es ist Koletzkis persönlicher Erzählstil, gerade so wenig aus einem bulgarischen Folksong zu sampeln, dass es tiefe Sehnsucht weckt, ohne das Geheimnis seines Ursprungs zu verraten. Wird dieser oder ein anderer Track aus The Arc Of Tension seinem Welthit Der Mückenschwarm von 2005 nachfolgen? Der Gründer des international erfolgreichen Labels Stil vor Talent schaltet mit Power to The People, Iyéwaye und They Can't Hold Me Back auch mal einen Gang höher. Doch die sanften Synergie-Utopien überwiegen, finden Entsprechung im surrealen Coverdesign und den bunten Trickvideos. The Day We Leave Earth heißt das letzte Stück, dann bis zum Wiedersehen in Pandora!



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T.Raumschmiere: Heimat (Kompakt)

Nach Pandora zieht es ihn nicht, gleichwohl präsentiert sich auch das neue Album von T.Raumschmiere als narrativen Autorentechno. Eine Weile ist es her, dass der gebürtige Heidelberger Marco Haas sich nach einer Kurzgeschichte von William S. Burroughs benannte und mit seinen Kettensägenmassakern aus rauem Acid-Electro den punkigen Gegenentwurf zur Ravekultur erfand.

Nun steuert er zurück in einen alten Hafen, Heimat erscheint nicht auf seinem eigenen Label Shitkatapult, sondern bei Kompakt. Dorthin, in die Nähe von Wolfgang Voigts Passionen, passen die orchestralen Bläser im Track Wacker, die zappeligen Gitarrenloops und weichzeichnenden Streicher in Juli oder Zwerg. Im Malerischen, Verträumten leuchtet das mattgoldene Licht alter Meister, die Konturen verschwimmen wie im Impressionismus. Doch selbst das Hörspielchen Zum Mond zeigt, es ist noch genug Gnarz in der Space Oddity von Marco Haas. Störgeräusche, Verzerrungen, Vocoder-Drohungen rütteln am Verdacht der vorzeitigen Altersmilde, von Stoli bliebe ohne das motzige Brummen des Basssynthesizers sonst nur Electropopschmalz. Das wiederum kann man dem Stomper Jaguar und dem wahnwitzig mollrhythmisch kreiselnden Pianoklopper Le Fux ohnehin nicht vorwerfen.



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JLIN: Black Origami (Planet Mu Records)

Elektrisierend, beeindruckend, die dunkle Energie dieser stark rhythmisierten Musik haut einen schier um. Auf ihrem zweiten Album Black Origami faltet und schichtet die Amerikanerin Jerrilynn Patton alias JLIN ihre Klangideen auf so eigenwillige Weise, als würden die Percussion-Splitter und eckigen Soundteilchen nach einer unberechenbaren mathematischen Formel magnetisch voneinander abprallen.

Im Schnellfeuerhagel jagen sich Kickdrum-Kürzel mit abgehackten westafrikanischen Trommelschlägen, schneidende Handclaps mit stotterndem Elektronikgeklapper, acidgetränkten Glitches und gesampelten Stammesgesängen. Chicago Footwork trifft den schwarzen Kontinent, das erinnert an die Tribal-Beat-Dramen von Clap! Clap! und DJ Khalab vom Label Black Acre. Für den Track 1% leiht Holly Herndon den Zauber ihrer Stimme, JLIN selbst nennt die indische Tanzkunst als Einfluss. Doch vor allem verströmt sie mit Black Origami ein überwältigendes Gefühl von Blackness weit jenseits der ausgenudelten R'n'B-Schablonen. Mitreißend, einzigartig, wunderbar!



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Marteria: Roswell (Four Music)

Die Goldene Himbeere für den dämlichsten PR-Einfall geht an: Muttertag mit Marteria! Kein Scherz, Marten Laciny verteilte am 14. Mai Rosen an ältere Passantinnen. (Ein Schelm, wer an einen namensähnlichen Bartträger und Kanzlerkandidaten auf Stimmenfang denkt.) In Interviews hat der Rostocker durchaus Klügeres zu bieten, er zählt zu den jungen Milden der Rapszene. Allerdings sind die inzwischen Mitte Dreißig und teilen sich die Charts mit Schlagern und Volksmusik. Der Grat zwischen Popdiskurs und Leitkultur ist hier schmal, die Rapverse auf Roswell wirken saturiert statt sensationell. Sie spiegeln den weltoffenen, linksliberalen Beobachter, der, von beruflichen Reisen heimkommend, die sozialen und seelischen Nöte in seinem Kiez von außen beschreibt. Diese Mittelschichtsperspektive versucht Marteria mit seinem Lieblingsthema Aliens aufzupeppen, doch ein bisschen Eighties-Tralala, ein paar ölige Space-Synthieriffs, und die zu blassen Beats reißen es nicht raus. Auch nicht die poetische Reimdichte in Cadillac oder der politisch korrekte Weltmusikmummenschanz in Elfenbein.