Zu Beginn lagert Dunkelheit über dem Saal. Ein einziger Ton schält sich aus der Schwärze. Er erinnert an den Beginn des Vorspiels von Parsifal. Doch es ist, als käme die Musik nicht vom Fleck, als bliebe sie kleben, schraube sich immer tiefer hinein in den Augenblick, ins Jetzt. Von der Obertitelanlage her flackert es in rötlichen Lettern: "Wagnerz kommt". Da hebt sich der Vorhang: ein wildes Felsengebirge aus Gips und eine rauchende Stele mit der Aufschrift "Demut". Am Horizont prangt spacige Weltall-Malerei. Willkommen im Kunstkosmos von Jonathan Meese.

Im vergangenen Jahr hätte er Richard Wagners Parsifal bei den Bayreuther Festspielen inszenieren sollen. Doch dazu kam es nicht. Dass die Kosten Grund für die Entlassung gewesen sein sollen, glaubt eigentlich niemand. Der Eklat hat Meese schwer getroffen, man spürt es in fast jedem Interview. Jetzt haben die Wiener Festwochen zugegriffen und ihn gebeten, seine Ideen doch noch im Theater an der Wien umzusetzen – zu einer völlig neu komponierten Musik von Bernhard Lang. Das Experimentelle, Anti-Traditionelle fügt sich dieses Jahr besonders gut ins Programm.

Die Festwochen gehen unter ihrem neuen Leiter Tomas Zierhofer-Kin den Weg ins Performative. Statt klassischer Theaterabende, die fast nur durch Ivo van Hoves Obsession (mit Jude Law) vertreten sind, prägen jetzt neue Formate das Programm, wie das tanzzentrierte Performeum oder die Akademie des Verlernens, wo den Besuchern westliche Verhaltensweisen abtrainiert werden sollen. Auch Friedenspreis-Trägerin Carolin Emcke hat hier aus ihrem Buch Gegen des Hass gelesen.

Wien geht neue Wege

Den Blick umdrehen, das Eigene anders sehen – das tun auch Meese und Lang, Höhepunkt der Festwochen. In Mondparsifal Alpha 1-8 (Erzmutterz der Abwehrz) wollen sie Wagner von allem Mythengerümpel entkleiden, um zum "Notwendigen" vorzustoßen, wie Meese es nennt. Zu dem, was 120 Jahren Parsifal-Rezeption überlagert haben. Der barocke Titel ist für Meese’sche Verhältnisse noch kurz. Man muss ihn auch nicht allzu wörtlich nehmen, die Silbe "Erz" als Inbegriff des Wesentlichen gehört zum Soundtrack seines Schaffens. Dass Parsifal im All spielt, ist quasi zwingend: Auf Erden ist sowieso nichts mehr zu retten, wir brauchen einen frischen Blick auf die Welt, also ab in die Rakete.

Für Meese, der fast immer mit Adidas-Jacke auftritt, liegt das Heil einzig in der Kunst. Und die ist natürlich etwas völlig anderes als Kultur, geradezu ihr Gegenteil. Kultur ist für Meese der Blick zurück in die Vergangenheit. Kunst bedeutet nach vorne schauen oder vielmehr: der Blick der Zukunft auf uns. Weshalb er seit Jahren militant die "Diktatur der Kunst" einfordert, in Wien auch mit Pünktchen: K.U.N.S.T, als sei’s eine politische Partei. Gerne auch mal mit Hitler-Gruß, was ihm mehrere Anzeigen, aber auch Freisprüche eingetragen hat. Würde man ihn als "Obersturmbannführer der Kunst" bezeichnen, er hätte sicher kein Problem damit. Dass so einer früher oder später bei Richard Wagner landet (eher früher, 1999 hat Messe seine erste Wagner-Performance abgeliefert), ergibt sich von selbst. Auch Wagner war maßlos in seinem Kunstwollen und hat in seinem sich christlicher Symbolik nur vordergründig bedienenden Parsifal die Kunst als neuen Glauben, als Nachfolgerin der Religion installiert.

Was der Besucher in Wien sieht und hört, ist nicht Parsifal – und ist es doch, überschrieben, weitergeschrieben, übertüncht von Meeses aus vielen Quellen zusammengerührter Kunstwelt. Zu der gehört Star Trek genauso wie John Boormans Sci-Fi-Dystopie Zardoz (mit Sean Connery) von 1974. Amfortas (Tómas Tómasson) wie auch die Gralsritter (Arnold Schoenberg Chor) tragen Spock-Uniformen, Amfortas' Wunde ist ein drehender Kreisel in Lollypop-Form. Kundry (Magdalena Anna Hofmann), für Meese die "Erzmutter", kommt mit Knarre wie Barbarella daher, und Parsifal (Daniel Gloger), der mit einem "Raumsiff" einschwebt, als Tom-of-Finland-Verschnitt im engen Jockstrap. Später wird er eine goldblitzende Erlöseruniform anlegen.