Und als ob es der Ebenen nicht schon genug wären: Auch die Obertitelanlage hört nicht auf zu plappern. Meese nutzt sie als zusätzliche Spielfläche, kommentiert hier quasi jeden Vers mit eigenen Assoziationen. Gurnemanz (Wolfgang Bakl) kündigt Kundry an mit den Worten "Seht die wilde Reiterin". "LEITMOTIV LIEBE", schreibt Meese darunter. Zu "Ihm kehrten die Schmerzen bald zurück" schreibt er: "LOHN DER KUNST". Und zu "Am Boden kriecht sie" – "HERZBLUT". Schwer zu glauben, dass auch nur irgendetwas davon in Bayreuth durchgegangen wäre.

So ist dies ein völlig neues Werk geworden. Das liegt auch an der Musik von Bernhard Lang. Sie umspielt Richard Wagner, entfernt sich stellenweise, kommt ihm dann in einzelnen Motiven sehr nahe bis hin zum direkten Kopieren. Langs wichtigstes Mittel: Das Insistieren, die permanente Wiederholung. Orchester und Sänger krallen sich gleichsam über viele Takte hinweg an einzelnen Worten und Wendungen fest, auf der Suche nach dem Dahinter, der Essenz. Schlagwerk spielt eine zentrale Rolle, dieser Mondparsifal ist auch eine Jazzoper. Den zweiten Akt eröffnet ein ausgedehntes Saxofonsolo. Simone Young am Pult des Klangforums Wien dirigiert das alles prägnant, präzise, auf den Punkt, und doch klangschön, rauschhaft, prunkvoll. Daniel Gloger als Parsifal gibt alles, durcheilt sängerisch die Lagen von der grummelnden Tiefe in schmerzende Höhen, mit einer bei Countertenören nicht selbstverständlichen Kraft und Dynamik. Als er später, wenn Kundry ihn küsst, die Wahrheit von Amfortas Wunde erkennt, steigert sich sein Gesang zum wilden, berührenden Schrei. Musik, die anfasst.

Wagner vom Mythenschlamm befreien

Auch Dreieck, Quadrat, Kreis und die Unendlichkeits-Acht sind in die Inszenierung verwoben. Für Meese sind sie Symbole, mit denen sich die ganze Welt fassen lässt. Im Wiener Kunsthistorischen Museum hat sich der Künstler parallel mit Velázquez’ Gemälden der Infantin Margarita Theresa von Spanien auseinandergesetzt, deren Kleider eben diese geometrischen Formen nachvollziehen. So kann sich der Wien-Besucher in Meeses Zitatengewitter, den Entschlüsselungswahnsinn hineinbegeben – oder die permanente Überforderung annehmen, sie akzeptieren als ein Mittel, Wagner vom Mythenschlamm zu befreien. Dass der dann doch wieder aufgerufen wird, indem Meese den ganzen dritten Akt Fritz Langs monumentalexpressives Stummfilmepos Die Nibelungen im Hintergrund mitlaufen lässt, gehört zu den Nüssen, die der Besucher zu knacken hat.

Meese, der quecksilbrige Vogel der Ironie. Auch in Berlin: Dort wird sein Mondparsifal im Oktober im Haus der Berliner Festspiele gezeigt. Natürlich unter einem neuen Titel. Im Moment geplant: Mondparsifal Beta 9-23. Von einem, der auszog, den 'Wagnerianern des Grauens' das 'Geilstgruseln' zu erzlehren". Mal schauen, ob es dabei bleibt. Das Universum des Jonathan Meese wuchert ständig weiter. Vielleicht merkt man das ja auch noch in Bayreuth.