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Big Boi: Boomiverse (Epic)


In einem Sketch stellen die amerikanischen Komiker Key & Peele ein zufälliges Reunion-Treffen des Hiphop-Überduos OutKast in einem Coffee-Shop nach. André 3000 im Peter-Pan-Kostüm schlürft Tee aus Vasen und Big Boi will nur seinen Kaffee trinken. Der Freak und der Bodenständige: Das ist die scheinbare Rollenverteilung in diesem Duo. Dass Big Boi weit mehr als der straight man für den Exzentriker André ist, zeigen seine Solo-Alben seit der Auflösung von OutKast: grundsolide Rap-Platten, die den Spagat zwischen alten Werten und Experimentierfreudigkeit schaffen. Boomiverse ist sein drittes Einzelprojekt, getragen von seiner starken Stimme und gerne auch synth-lastigen Beats, unterstützt von immer geschmackssicher ausgewählten Gästen wie Gucci Mane und der postum vertretenen Texas-Größe Pimp C. 

Natürlich überwiegen Künstler aus Atlanta, der Stadt, die OutKast in den Neunzigern als Mitglied des Kollektivs Dungeon Family auf der Hiphop-Landkarte verewigt hat und die heute als musikalisch-kreatives Ballungszentrum gilt. Der elder statesman Big Boi hört genau zu, was der Nachwuchs treibt, und nimmt diese Einflüsse auf. Dabei bleibt er trotzdem er selbst. Feature-Gast Killer Mike, ein alter Weggefährte, gilt als Stimme einer wütenden Anti-Trump-Fraktion. Big Boi hingegen hat Überzeugungen, aber er überlässt die Meinung den Experten. Stattdessen macht er lieber gutgelaunte Club-Hymnen, die immer den einen Tick weitergedacht und -gedreht sind, sodass sie niemand mit Konfektionsware verwechselt.




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Katy Perry: Witness (Capitol Records)


Wie ein umfallender Baum in einem leeren Wald klingt, weiß jeder. Aber wie klingt eine Fehde zwischen zwei Mega-Ultra-Popstars, die niemanden interessiert? Katy Perry und Taylor Swift, zwei der fünf größten weiblichen Popstars des Planeten, haben einen Streit. Es geht um geklaute Backgroundtänzer, um verletzten Stolz und um die Tatsache, dass Taylor Swift seit 2014 kein Album mehr hatte und Katy Perry nach der Durchbruchsingle I Kissed A Girl nie so richtig ein Image gefunden hat.

Nach der Wahl von Trump kam die Erleuchtung, die sie auf Witness ausbreitet: Perry macht jetzt purposeful pop, Musik mit Bedeutung und Ziel und Botschaft und Kritik. Die Platte hat, natürlich, Dancehall-Anklänge und Max Martin ist, natürlich, als Produzent beteiligt. Das Ergebnis ist also nicht ganz der subversive Pop, der Perry (vielleicht) vorschwebt, dafür fehlt ihr auch der letzte Funken magnetischer weirdness. Aber wer glaubt, dass irgendein Diskurs-Rocktraktat über Kapitalismus so viel tiefschürfender ist als Chained To The Rhythm über verzweifeltes blindes Tanzen während des Weltuntergangs, soll eben den hören.




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Glen Campbell: Adiós (Universal)

Lebt Glen Campbell überhaupt noch? Das ist ausnahmsweise kein zynischer Witz über vermeintlich verbrauchte Größen von Gestern, sondern eine gerechtfertigte Frage. Antwort: Glen Campbell lebt noch, in einem Heim in Nashville, mit stark fortgeschrittenem Alzheimer. Die Country-Legende – grundehrlich, irgendwie beruhigend, mit einem Hauch grober Gefahr – hat nach der Diagnose im Jahr 2011 so schnell abgebaut, dass er jetzt nicht mehr ansprechbar ist. Vorher ist der Rhinestone Cowboy noch einmal durch die USA getourt und hat anschließend ein letztes Album aufgenommen, um "die letzten Reste Magie einzufangen".

Die Songs auf Adiós sind Favoriten von Campbell, die er im Laufe seiner mehr als 50jährigen Karriere aber nie aufgenommen hat: Folk-Klassiker wie Don't Think Twice und Haushalt-und-Herzschmerz-Hymnen wie Funny How Time Slips Away von Willie Nelson, der selbst als Gast Gitarre spielt. Das klingt nach einem Wiederaufguss der American Recordings von Johnny Cash. Aber Glen Campbell tritt nicht als Prediger auf, und die Produktion keucht auch nicht Sünde und Wüste. Er ist einfach ein Troubadour, der für die Musik lebt. Das macht sein Verstummen umso schmerzhafter.



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Chuck Berry: Chuck (Decca)


Als Chuck Berry im März im unwahrscheinlichen Alter von 90 starb, wussten viele nicht so recht, was sie sagen sollten. So wie man vielleicht nicht weiß, was man über den Erfinder der Luft oder des Wassers sagen soll. Berry selbst hat sich wenig um solche Patentfragen geschert und einfach nie aufgehört, Konzerte zu spielen. Aber ein letztes Album sollte es doch geben: einfach Chuck betitelt, was wahlweise persönlich oder einfach fantasielos ist. Er stand dafür allein im Studio, und lieferte keine der All-Star-Paraden wie die späten Alben von B. B. King oder John Lee Hooker.

Keiner der zehn Songs reicht natürlich an The Great Twenty-Eight an, mit denen Berry quasi das Rock-Genre erfand. Aber sie zeigen oft ignorierte Seiten des Musikers. Sein verdrehter, letztlich gefährlicher Sinn für Humor hat Berry ebenso wenig verlassen wie seine Fähigkeiten als präziser Texter. "The good times come but they do not stay" beklagt er in Darlin', das als schmierige Fortsetzung von Sweet Little Sixteen beginnt und zum Reuegesang wird. Natürlich wirkt es etwas lieblos, wie er Havana Moon und Jamaica Farewell einfach zu Jamaica Moon kombiniert oder Lady B. Goode als Update anbietet. Aber Chuck Berry kann das egal sein. Nicht, weil er tot ist, sondern weil er Chuck Berry war.