© Saddle Creek

Big Thief – Capacity (Saddle Creek)

Es ist oft auf seltsame Art ergreifend, wenn die Hand beim Wechsel der Akkorde ein kratziges Wehklagen der Saiten erzeugt, so als würden sie vor Schmerz kurz aufheulen. Adrianne Lenkers Gitarre heult zu Beginn ihrer neuen Platte gleich mehrfach auf. Jedes Mal ist es zum Niederknien ergreifend. Und wie die Sängerin des New Yorker Quartetts Big Thief dazu mit brüchiger Stimme von den Wunden der Seele erzählt, da zeigt sich auch sonst: Wahre Schönheit entsteht aus dem Imperfekten.

Kein Jahr nach ihrem Debütalbum ist Capacity auch deshalb ein überraschendes kleines Meisterwerk, weil es den Alternative-Pop von Masterpiece nicht nur deutlich leiser dreht, sondern die frühere Harmoniebedürftigkeit immer wieder in dissonante Regionen verlässt. Shark Smile zum Beispiel startet mit einer Kakophonie ineinander scheppernder Instrumente, bevor sich daraus ein elegantes Stück Countryfolk entspinnt. Oder die bewegende Single Mythological Beauty. Sie mag zwar Lagerfeuerromantik verbreiten; hinter all dem Wohlklang sucht Adrianne Lenker allerdings fast verbissen nach den inneren und äußeren Verletzungen ihrer Kindheit. Sie gehen ungemein zu Herzen. Wie das ganze Album.



© Double Six/Domino

All We Are – Sunny Hill (Double Six/Domino)

Der Charme des Gestrigen im Zwingstock der Gentrifizierung: Mit dem Cover seiner neuen Platte will das Liverpooler Trio All We Are fraglos ein Statement setzen gegen vieles, was Tradition und Nostalgie derzeit den Garaus macht. Zu sehen ist ein verschnörkeltes Gründerzeithäuschen, das sich stolz, aber chancenlos zwischen zwei Stahlskelettkolossen wegduckt. Wer bei dieser Verpackung an politisch bewussten Folkrock denkt, liegt musikalisch allerdings knapp daneben.

Wie auf ihrem Debütalbum vor zwei Jahren spielen All We Are abermals tanzbaren Discopop voll elektronischer Spielereien, auch wenn sie ihn leicht wehmütig Psychedelic Boogie nennen. Unterm Teppich breiter Riffs und treibender Synthies erzählen die Unikumpel Richard'O Flynn (Drums), Guro Gikling (Bass) und Luiz Santos (Gitarre) dazu die Geschichte eines malerischen Dorfes im Kampf mit der Moderne: Ein Autobahnprojekt könnte die Gemeinschaft nach und nach spalten. Inhaltlich macht das Sunny Hills zu einem echten Konzeptalbum mit sozialkritischer Stoßrichtung. Stilistisch bleibt es dem hedonistischen New Wave der Achtziger verhaftet, ohne allerdings je nostalgisch zu klingen, geschweige denn gestrig.



© Because

Denai Moore – Bring you shame (Because)

Denai Moore, auch wenn das im R'n'B kaum der Rede wert ist, kann famos singen. Stets moduliert sie präzise, jeder Ton sitzt da, wo er hingehört, es klingt herzergreifend schön, wenn die Britin ihr neues Album mit viel Soul zum Ereignis macht. Das aber ist Bring you shame vor allem deshalb, weil Denai Moore weder stimmlich noch dramaturgisch nach jener Perfektion strebt, die ihr Genre oft unangenehm glättet. 

Zwei Jahre nach dem gefeierten Debüt geht es der Sängerin am Klavier daher um etwas anderes: Versöhnung. Mit ihren inneren Dämonen, Versöhnung aber auch mit der begleitenden Musik. War Elsewhere seinerzeit oft geteilt in den Gospel ihrer jamaikanischen Herkunft und den Alternative-Rock ihrer Jugend im Londoner Stadtteil Stratford, mischt Denai Moore nun alles durcheinander. Im Titelstück etwa unterwandert eine windschiefe Gitarre die Mondscheinträumerei, bis sich kurz darauf fröhliche Bläser wie ein Sonnenaufgang über die Melancholie legen. Ständig heitert sie ihren Trip-Hop mit lustigem Raumschifffilm-Gefriemel auf oder unterwandert das düstere Bedürfnis "to be someone's nothing / A hollow plastic bag" in Trickle mit Trompeten aus luftiger Höhe. Das ganze Album – eine Ode an die Unvollkommenheit.



© Universal

London Grammar – Truth Is A Beautiful Thing (Universal)

Nahe am Trip-Hop, fern dem R'n'B und dabei alles andere als unvollkommen sind London Grammar. Seit ihrem vielbeachteten Debütalbum If You Wait hat sich das Indiepop-Trio aus dem englischen Nottingham zu einer der beliebtesten Festivalbands gemausert, Einsatzort Hauptbühne, dort wo die ganz große Show mit ganz großer Geste gefordert ist.

Wenn London Grammar vier Jahre später nun mit ihrem Nachfolgealbum genau dorthin zurückkehren, wirft das daher erneut die Frage auf, warum so ausdrucksstarker, so getragener Electro-Wave ohne jedes Dance-Element derart massenwirksam ist. Die Antwort gibt Hannah Reid. Sie ist nicht nur eine der schönsten Sängerinnen des Indiepop, sondern konterkariert ihre optische Makellosigkeit mit einem Gesang von ergreifender Tiefe. Dass die Melodramatik nie in Pathos abgleitet, dafür sorgen dann schon Dan Rothman und Dominic Major. Wie einst bei U2 huscht ihre Begleitung unter Hannah Reids dunklem Timbre hinweg und hellt es damit angenehm auf. Ein bisschen klingt Truth Is A Beautiful Thing wie Birdie nach Erreichen der Volljährigkeit – ungemein vollmundig und bei aller Düsternis sehr hoffnungsfroh.



© Big Scary Monsters

Kamikaze Girls – Seafoam (Big Scary Monsters)

Man sagt, Musik ohne Bass fehle das Skelett, sie sei konturlos und amorph, ein einziger Brei. Das stimmt. Und ist manchmal nicht weiter schlimm. Dann zum Beispiel, wenn die Kamikaze Girls aus der alten Weberstadt Leeds ihren DIY-Punk allein mit Gitarre und Schlagzeug durch die Garage hetzen. Von den Hochgeschwindigkeitsdrums ihres Freundes Conor Dawson angetrieben, füllt Lucinda Livingstone die zehn Tracks ihres Debütalbums mit so verzerrtem Geschepper, dass der fehlende Bass kaum noch auffällt. Damit dieses Gitarrengemetzel allerdings nicht hoffnungslos in den höheren Tonlagen zerbirst, holt es Lucindas Gesang übers sinnentleerte Leben ihrer Generation regelmäßig auf den Boden der Harmonielehre zurück. Atmosphärisch meistens dicht an Anne Clark ohne Phlegma, verleiht er den Kamikaze Girls somit exakt jene Ruhe, die den Instrumenten wesensfremd zu sein scheint. So ist Seafoam am Ende dem Emo- doch ein wenig näher als dem Noiserock. Von Gefühlsduselei kann dennoch keine Rede sein. Seafoam ist reinster Abgeh-Rrrriot, wenngleich mit Hintersinn.