Zurück aus der Zukunft: Im schwingenden Wiegeschritt bewegen sich Chilli und T-Boz an einem hüpfenden Cadillac vorbei, es geht auf eine Party, auf der junge Menschen zu alter Musik tanzen; die jungen Menschen könnten in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts geboren sein, und die Musik, zu der sie tanzen, stammt auch aus dieser Epoche. Leichte, lässige Beats mit einer keck darüber hinwegtänzelnden, kleinen Synth-Melodie. Dazu beschwören Chilli und T-Boz – die beiden Sängerinnen, die in den neunziger Jahren in dem Trio TLC berühmt wurden – die Freuden einer Wiederbegegnung nach langer Zeit; die Lust, sich mit vergessenen Freunden zu treffen und mit Feinden von einst zu versöhnen; und dabei die Musik aus jener Vergangenheit wieder aufzulegen, die man einst hörte, als die eigene Gegenwart noch in der Zukunft lag, Prince und Marvin Gaye, James Brown und Michael Jackson.

Way Back heißt diese Single, die erste, die TLC seit 15 Jahren herausgebracht haben; am vergangenen Freitag ist nun auch das dazugehörige Album erschienen. In den neunziger Jahren gehörte das Trio aus Atlanta zu den weltweit erfolgreichsten Popgruppen. Mehr als 14 Millionen Stück verkauften sie allein von ihrem zweiten Album CrazySexyCool, das ihnen 1994 den Durchbruch brachte. Für viele Künstlerinnen und Künstler des folgenden Jahrzehnts war es prägend mit seiner damals ganz neuen Verbindung aus Soulgesang und Rap-Einlagen, aus schwer federnden Bässen und leicht darüber gestreuten jazzartigen Samples und geklackerten Beats, aus Hip-Hop und R 'n' B.

Mindestens ebenso prägend war die Art und Weise, in der TLC die überkommenen Rollenmodelle dieser beiden Genres überwanden. Tionne "T-Boz" Watkins, Rozonda "Chilli" Thomas und die 2002 verstorbene Lisa "Left Eye" Lopes präsentierten sich als souveräne Frauen, die keinem Gangsta- oder Bitch-Klischee folgten. Ihre Songs handelten von stolzen Mädchen und vom gerechten Zorn auf untreue Männer; sie erzählten von der HIV-Epidemie, die sich Anfang der Neunziger gerade auch in den schwarzen Communitys ausbreitete; und von der Sorge von Müttern um ihre Söhne, die in Straßenkriminalität und Drogenhandel abglitten – wie in Waterfalls, der zweiten Nummer-1-Single des Trios aus dem Jahr 1995.

CrazySexyCool war ein großartiges Album, und das folgende war sogar noch besser: Fanmail, 1999 erschienen, vibrierte in der schwingenden Nervosität der Prä-Millennium-Hysterie und kappte, wie kaum ein anderes Hip-Hop- und R-'n'-B-Werk zuvor, die Verwurzelung in der musikalischen Tradition. Die Musik war nun futuristisch und kühl; bei aller gleichbleibend virtuosen Geschmeidigkeit des Gesangs war dieser grundiert von sonderbar stotternden, schnarrenden, stolpernden Beats. Man hörte Geräusche, wie man sie damals beim Einwählen in die Telekommunikation hörte, und rhythmisiertes Disruptionsknackern – überhaupt waren die Kommunikation und deren Störungen das beherrschende Thema auf der Platte: die Kommunikation zwischen den Stars und ihren Fans im Besonderen sowie zwischen den Menschen im Allgemeinen unter den Bedingungen des medialen Wandels. Fanmail, so hat es die New Yorker Kritikerin Lindsay Zoladz einmal geschrieben, "war das erste große Popalbum, das vom Internet handelte".

Wobei wesentliche Probleme des menschlichen Miteinanders vor der Erfindung des Internet dieselben waren wie danach: Im größten Hit der TLC-Geschichte, No Scrubs, riet das Trio den Frauen der Welt 1999 dazu, sich nicht mit scrubs, also Kretins und Taugenichtsen, zu verabreden. Das hört sich wie ein banaler Ratschlag an, doch würde er von größeren Mengen von Frauen befolgt, würde das der Menschheit zweifellos weiterhelfen; schon weil es den Kretins und Taugenichtsen auf diese Weise unmöglich gemacht wird, sich fortzupflanzen. In dem Video zu No Scrubs posieren TLC im metallenen Bauch eines Raumschiffs als geometrisch geschminkte Manga-Amazonen-Cyborgs. Ihre eckigen Tanzchoreografien wirken, als würden sie durch regelmäßige Stromstöße zur Bewegung gezwungen; doch spricht zugleich äußerste Körperkontrolle aus ihnen. Die kämpferisch-kühle Erotik fordert den Blick des – männlichen – Betrachters heraus und weist ihn zugleich wieder zurück. Mit ihrer futuristischen Ästhetik schlossen TLC und ihr Videoregisseur Hype Williams an den Afrofuturismus von Sun Ra und Alice Coltrane an. Ähnlich wie die junge Missy Elliott und die 2001 früh verstorbene Aaliyah suchten sie nicht mehr in der Vergangenheit nach Bildern weiblicher und afroamerikanischer Souveränität, sondern in der Zukunft, auf fernen Planeten und in Körpern, in denen die Trennung von Technik und Biologie überwunden war.

Fanmail war freilich nicht nur der Höhepunkt im Schaffen von TLC, sondern auch der Beginn eines rasanten Abstiegs. Ihre ökonomischen Verhältnisse waren immer ungeregelt gewesen, seit Beginn ihrer Karriere hatten sie durch Knebelverträge und windige Manager wenig abbekommen von den Millionen, die man mit ihrer Musik verdiente. Dazu verstrickte sich Lisa Lopes immer tiefer in ihre Alkoholabhängigkeit und in psychotischen Wahn: Schon 1994 hatte sie zum Beispiel im Zorn das Haus ihres Freundes niedergebrannt und war seither mehrmals im Gefängnis gewesen. Nach Fanmail versuchte sie nun, an ihren Mitstreiterinnen vorbei, eine Solokarriere zu starten, und ruinierte damit nachhaltig die Stimmung; 2002 kam sie in Honduras bei einem Autounfall ums Leben. Das nach ihrem Tod fertiggestellte Album 3D wirkte lieblos zusammengestückelt und erzielte denn auch nur geringe Erfolge, so verschwanden die zum Duo geschrumpften TLC Mitte der Nullerjahre sang- und klanglos in der Versenkung.