Zu den erstaunlichsten Phänomenen in der Popmusik des vergangenen Jahrfünfts zählt die breite Begeisterung für die Band Haim. Das kalifornische Schwesternterzett debütierte 2012 mit einer EP namens Forever. Nach Auskunft der Band war sie einerseits vom Westküsten-Folkrock der siebziger Jahre nach Art der mittleren Fleetwood Mac inspiriert sowie andererseits von den ausgebufften Beat- und Gesangskomplexitäten aus dem neuesten R 'n' B. In Wahrheit klangen die darauf enthaltenen Songs eher nach dem gnädig vergessenen Powerpop der achtziger Jahre mit seinen übersteuerten Schlagzeugsounds und Gniedelgitarren, angereichert durch gefällige Gesangsharmonien, mal im Chor, mal im Kanon, mal nach Doo-Wop-Manier.

Im Video zum Titelsong sah man die Schwestern auf kleinen Mofas in einem Wohnblock herumfahren, während um sie herum gleichaltrige Männer auf großen Motorrädern mit sehr dicken Reifen akrobatische Stunts wagten: Warum die Fachpresse und signifikante Publikumskreise ausgerechnet darin ein interessantes feministisches Statement erkannten, ist bis heute ein Rätsel geblieben. Freilich wurde im selben Jahr auch Lana Del Rey zur feministischen Ikone geadelt, obwohl sie sich in ihren Videos und ihren Konzerten wie eine mit Antidepressiva beduselte Hausfrau aus einem US-amerikanischen Vorort der sechziger Jahre inszenierte.

Im Vergleich zu Lana Del Rey wirkten Haim immerhin bei ihren Konzerten recht munter: Dort präsentierten sie sich weder nach R-'n'-B- noch nach Fleetwood-Mac-Art, sondern als schwitzig drauflos bratzende Bluesrockkapelle mit wimmernden Soli und ebenso sinnlos wie hübsch überdimensionierten Stadionrockgesten. Während die Bassistin Este Haim ihr Gesicht in der theatralischen Manier hauptberuflicher Studiomucker zum sogenannten Bassface zu verziehen pflegte, schüttelten die Gitarristinnen Danielle und Alana Haim ihre langen Haare so herrlich wie sonst nur die großen Mosher des Heavy Metal.

Anschluss ans Debüt

Auf dem 2013 nach allerlei Verzögerungen dann doch noch veröffentlichen Albumdebüt Days Are Gone war auch davon wiederum nichts mehr zu merken. Hier wurden die Lieder von Haim von dem damals gerade aufstrebenden Produzenten-Jungstar Ariel Rechtshaid mit heruntergepitchten Gesangsfragmenten und unter dem Schlagzeug wimmelnden Klickergeräuschen zu einem rundum beliebigen R-'n'-B-Powerpop-Bastard verfremdet; eine Musik, die es allen nur denkbaren Zielgruppen gleichzeitig recht zu machen versuchte und dabei in einer kläglichen Soundschizophrenie verläpperte.

An diesem Freitag erscheint nach vier Jahren Pause nun das zweite Album von Haim. Es trägt den Titel Something To Tell You und schließt in jeder Hinsicht an das Vorgängerwerk an; man könnte auch sagen: Mit erstaunlicher Konsequenz sind sich Haim in ihrer musikalischen Indifferenz und Konturlosigkeit treu geblieben. Was nicht zuletzt auch daran liegen dürfte, dass als Produzent wieder Ariel Rechtshaid engagiert wurde, unterstützt diesmal von Rostam Batmanglij, der seine Karriere bei der intelligent-eklektischen Indierockgruppe Vampire Weekend begann. Beide haben die Sommersehnsuchts- und Herzschmerzballaden von Haim, die possierlichen Harmoniegesänge und Call-and-response-Chöre, auch dieses Mal unter Unmengen von Effekten begraben.

Eisige Kälte des Posthumanismus

Schon in der mitteltemperierten Liebesballade Little Of Your Love, die als erste Single erschien, frönt Rechtshaid seinem Hang zum Hineinmischen heruntergepitchter Stimmen so ausgiebig und explizit grundlos, dass man glaubt, ein dumpf grunzender Gnom habe sich aus den Studiogewölben ins musikalische Obergeschoss verirrt; falls uns der Gnom etwas mitteilen möchte, ist er jedenfalls schlecht zu verstehen. An allen möglichen und vor allem unmöglichen Stellen sind außerdem wobbelnde Synthbässe, Autotune-Spielereien und allerlei Geknirsch und Geknurpsel zu hören.

Die konventionell gestrickte, aber erst mal schön schimmernd sich erhebende Autoradioballade Nothing’s Wrong kollabiert nach zwei Dritteln plötzlich in eine Passage mit magnetisch flirrenden Störgeräuschen und klitzeklein gehäckselten Stimmschnipseln. In Ready for You versuchen Haim sich an Michael-Jackson-Gesang mit ucka-tschuck-gehechelten Stoßatemgeräuschen, die in der zweiten Hälfte durch ausgiebigen Vocodergebrauch eine roboterhafte Anmutung erhalten; das Arrangement klingt erst nach Achtziger-Jahre-R-'n'-B – sagen wir mal: von Jam & Lewis – und dann nach einer Bon-Jovi-Powerballade. Kurz vor Ende wird plötzlich ein starker, alles umstülpender Flanger-Effekt über den Mix gelegt, um ebenso sang- und klanglos wieder zu diffundieren … Spätestens hier hat man das Gefühl, dass die Produzenten längst das Studio verlassen haben und nur noch eine im zufallsgenerierten Chaosmodus operierende Maschine deren Tätigkeit substituiert. Oder ist es eine von genialen, aber gefühl- und verantwortungslosen Ingenieuren hochgezüchtete künstliche Intelligenz, die alle Musiker und alle Menschen in ihrem Einflussbereich inzwischen getötet hat und nun an der Übernahme der musikalischen Weltherrschaft arbeitet?

Vielleicht könnte man sagen: In ihrem ebenso besinnungs- wie wahllosen Mix aus konfektioniertem Schmusepop, rockistischem Dengeln und pseudomodernen Computereffekten bieten Haim das internationale Indierockgegenstück zur letzten Platte von Helene Fischer. Wie diese versuchen auch sie nun wieder, es allen recht zu machen und enden dabei in einer Beliebigkeit, die Fischer kurzweiliger zu gestalten versteht. Ob Haim die besseren Songs besitzen als Fischer, ist unter all dem dicken Klangschlick nicht zu erkennen. Dass die meisten Titel kein Ende besitzen, sondern in bis zu dreiviertelminütigen Fade-out-Blenden verläppern, spricht jedenfalls nicht dafür, dass irgendjemand von den an der Produktion dieser Musik beteiligten Menschen das Gefühl hatte, es ließe sich irgendeine Idee in ihr auf den Punkt bringen.

Doch egal, bei ihren nächsten Konzerten werden Haim wieder als dampfende Retrorockmädchen die Bühne betreten und all den älteren männlichen Retrorockfreunden im Publikum das Gefühl vermitteln, dass die von ihnen so geliebte elektrisch verstärkte Musik aus den siebziger Jahren doch noch eine Zukunft besitzt. Bloß regieren in dieser Zukunft eben nicht mehr die Menschen, sondern die künstlichen Intelligenzen der Produktionssoftware. Bei aller behaupteten Wärme und Sentimentalität ihrer Songs kriecht doch stets die eisige Kälte des Posthumanismus aus den toten Klängen von Haim.