Schon lässig, wie uns Lana Del Rey seit Anfang des Jahres auf ihr neues Album vorbereitete. Statt einfach bloß ein Datum festzulegen oder nach Superstarmanier heimlich alles vorzubereiten, um dann alle zu überraschen, liegen nun, da es endlich erscheint, nicht nur diverse Terminankündigungen und -verwerfungen hinter ihm. Man kennt dank eines geheimnisvollen Veröffentlichungsmusters auch schon fast die Hälfte der Songs und die Namen der prominenten Zuarbeiter wie The Weeknd, A$AP Rocky und Stevie Nicks. Letztere durfte im Modeblatt V auch eins der beiden Vorab-Interviews mit Lana führen (das zweite bekam das Fangirl Courtney Love im Hipster-Hochglanzmagazin Dazed & Confused). Und weil Del Rey früh schon das Titelstück veröffentlicht hat, klingt mittlerweile auch der Albumname Lust for Life ganz vertraut. Dabei ist er eigentlich ein Knaller.

Schließlich versprach das Millionen Mal verkaufte Major-Debütalbum Born to Die noch eine ganz gegenteilige Geisteshaltung; Lizzy Grant wurde damit 2012 zum Nouvelle-Noir-Starlet, zur Lolita zwischen Glamour und Trailerpark. In den darauffolgenden Jahren hat sie kaum Gelegenheiten ausgelassen, Schwermut und Fatalismus nicht nur in Songs zu verbreiten. Sie hat sie gelegentlich auch aus der Kunst ins Leben verlängert, bis hin zu den suizidalen Reden vor dem Album Ultraviolence 2014. Auf früheren Albumcovern sah man sie entsprechend umwölkt und ernst. Diesmal strahlt sie wie ein unschuldiges Hippiemädchen, Margeriten im Haar, vor einem Truck.

Der Titelsong beginnt mit wuchtigen Drumbeats, die eine Breitwandproduktion einleiten – als käme er direkt aus Phil Spectos sechziger Jahren. Del Rey singt in ihrem schweifend unbeteiligten Ton davon, wie sie mit ihrem Liebhaber auf dem H des Hollywoodschriftzugs von Los Angeles sitzt und irre viel Spaß hat: "Take off, take off all your clothes", säuselt sie den Refrain mit The Weeknd. Die Strophen hat Del Rey, die in New York Philosophie studiert hat, aus zahlreichen Anspielungen und Zitaten gebaut. Neben dem berühmten Iggy-Pop-Drogensong selben Titels erkennt man auch William Henleys Amputationsgedicht Invictus und die Sechziger-Girlgroup The Angels. Im Ganzen erinnert das Setting an die glücklose Schauspielerin Peg Entwistle, auch bekannt als "Hollywood Sign Girl", weil sie sich 1932 vom H in den Tod stürzte.

Natürlich turteln Del Rey und The Weeknd im Video tatsächlich auf dem Monument herum, und wenn Del Rey am Ende tief in ein nächtliches Blumenmeer hinabgleitet, dann gibt es keinen Grund zu glauben, ihr Noir habe sich erhellt.

Tatsächlich blüht ihr Markensound wie nur je. Sie wechselt stärker als auf dem etwas blässlichen und überanästhesierten Honeymoon von 2015 die Stimmungen und Temperaturen. Man kennt die Zutaten, aber sie sind moderner gemischt, als es zunächst erscheint. Streicher und Keyboardgischten überschwemmen die Stimme mit süßlichen Wehmutswogen, die Beats pochen schweren und dröhnenden Herzens, die Stimmschichten liegen unter dicken Hallschwaden, wo sie von den einsamsten Stränden erzählen, von der immerhin toll blubbernden Groupie Love und einer abgründig wummernden Liebe wie Heroin. Die Männer sind tendenziell fort oder "cooler than ever", fahren einen "White Mustang" oder sind verstrahlte Rapper wie A$AP Rocky: Lanas Liebe fault wie Obst in der Sonne.

Die Ikonographie bezieht Del Rey wie gewohnt aus einer Nostalgie für die Fünfziger und Sechziger, und es gelingt ihr wieder überzeugend, das unterschwellige Begehren und die Sehnsucht dieser frühen Pop-Ära, die bereits erotisierte Unruhe jener Zeit heraufzubeschwören. Doch Lana Del Rey stellt diese Ära nicht nach, und ihre Figur mit dem provokant narkotisierenden Ton bietet mehr Facetten als das, was sich zwischen den Referenzfilmen Goldenes Gift (1947) und Die Frauen von Stepford (1975) abspielt. Man spürt komplexere Beziehungen zwischen der Vorstadt-Perfektion, die sie aus ihrer bürgerlichen Kindheit im Olympia-Ort Lake Placid kennt, und der Lolita aus der Hood, die sie in ihrer Brooklyner Zeit zwischen Alkoholproblem und Indie-Pop erprobte.

Begehren und politische Motive

Die Geschichten, die sie ausbreitet, wirken wie Träume aus ungeordneten Erinnerungen, die Menschen, die Autos, die Echos der Produktion liegen hinter Schlieren und Flirren. Del Rey träumt im Vintage-Look, sie bewegt sich unter Archetypen. Ihre Songs gewinnen durchaus einen verklärenden Sog aus zeitspezifischer Pop-Eleganz sowie ihren Ideen von Lust und Verführung. Aber man ahnt auch immer die Süße von Fäulnis und Verwesung in den Reminiszenzen. Del Rey baut keine Retrowelt, sie besingt auch nicht die Vergangenheit, sondern spielt mit den Mythen von Glamour und Coolness. Interessanterweise hat sie in diese Rhetorik des Begehrens diesmal ein politisches Motiv hineingemischt.

Die erste Vorabsingle Love und das Album beginnen mit einer Anrufung der Kids "mit eurer Vintage-Musik aus dem Netz/ Teil der Vergangenheit und doch die Zukunft/ Wenn sich Signale überkreuzen, kann einen das schon verwirren." Jung und verliebt zu sein sei zwar super, meint sie, und zitiert das eher düstere Don't Worry, Baby von den Beach Boys. Aber "nur weil man jung und cool ist/ und einem die Welt gehört", so Del Rey, "muss man sie nicht missbrauchen". In Coachella – Woodstock in My Mind erlebt sie beim Coachella-Festival mit all den blumengeschmückten Neohippiemädchen eine Art Flashback, weil die Nachrichten der Nordkorea-Krise sie beunruhigen.

Und gleich darauf erinnert sie in Tomorrow Never Came an die friedensbewegten John und Yoko – gemeinsam mit deren Sohn Sean Lennon. Zusammen mit der 69-jährigen Stevie Nicks erklärt sie ihren jungen Fans ironisch, dass "Beautiful People Beautiful Problems" haben – und zwar eine Menge: "Grün ist der Planet aus Sicht einer Turteltaube/ bis er sich rot vor Blut färbt." Und in When the World Was At War We Were Dancing fragt sie schließlich mit dem höchsten Ton ihrer sehr wandelbaren Stimme: "Ist Amerika am Ende?"

Lana Del Rey hat dabei so etwas wie einen synästhetischen Sound gefunden: In ihren Tracks verwandelt sie den seltsamen Farbstich gealterten Zelluloids in einen eigenartig modernen Klang. Und bevor sie mit einem hymnischen Get Free psychedelischer als je zuvor aus dem Album rauscht, singt sie allein zum Klavier die Ballade Change. Zu Beginn des Jahres hatte sie noch esoterische Mondrituale vorgeschlagen, um Donald Trump zu verhexen, hier ist sie nun ganz konkret und hoffnungsvoll bereit für die Veränderung. Das könnte die Erklärung für ihre neue Lust auf Leben sein.