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Public Enemy: Nothing Is Quick In The Desert (Self-Released)

Witzbolde und Besserwisser haben behauptet, dass das neue Album von Public Enemy hundertmal besser sei als das neue Album von Jay-Z. Auf den ersten Blick haben die militanten Parolenrapper aus Long Island nichts mit dem milliardenschweren Hedonisten aus Brooklyn zu tun, erst auf den zweiten Blick zeigen sich die Gemeinsamkeiten. Der schwarze nationalistische Kurs, an den sich 4:44anschmiegt, wurde von Public Enemy schon 1986 propagiert, und über die zaghaften Antisemitismusvorwürfe gegen Jay-Z kann Frontmann Chuck D nur schmunzeln.

Nur dass Public Enemys Nothing Is Quick In The Desert keine Millionenproduktion ist, sondern bloß die Fingerübung einer ehemals großen Band, die seit 25 Jahren fast niemand mehr hört. Die Rap-Parts klingen bisweilen wie auf einem älteren iPhone aufgenommen, und für jedes richtige Brett wie Smash the Crowd gibt es zum Ausgleich mehrere Minuten beliebigen Krachbrei. Aus Chuck D kommen keine Jahrhundertslogans wie Bring the Noise mehr, stattdessen Gemecker über den Zustand des Hip-Hop und der Welt am Rande der Selbstparodie: Die jungen Männer von heute murmeln nur noch; Bruce Jenner heißt jetzt Caitlyn; und wie kann Kanye nur eine wie Kim heiraten? Das fragt der Mann, dessen Bandkollege Flavor Flav schon vor zehn Jahren aus der Partnersuche eine peinliche Castingshow gemacht hat. Public Enemy zu hören, hieß schon immer, Widersprüche aushalten zu müssen. Aber selten haben die Widersprüche so nach alter Hose gerochen. Vielleicht, weil man in der Wüste so schwitzt?




© Single Lock Records

Nicole Atkins: Goodnight Rhonda Lee (Single Lock Records)

Wer ist Rhonda Lee? Eine vergessene Popsängerin aus der Hitfabrik von Phil Spector? Eine traurige Hausfrau, die in ihrem Wohnwagen ins Spülwasser weint, bis sie endlich die Gitarre in die Hand nimmt und zum Country-Star wird? Oder eine Hypothekenbank, die auf sofortige Rückzahlung eines Studiendarlehens pocht? All das passt zu Nicole Atkins, die Sechziger-Pop, Country-Balladen und College-Rock verbindet.
 Die Last der Einflüsse erdrückt ihr viertes Album teilweise.

Aus ihrem Heimatort Asbury Park in New Jersey ist Nicole Atkins nach Nashville gezogen. Schon wieder so ein Symbol, dort die von Bruce Springsteen unsterblich gemachte Kleinstadt, hier das Country-Nervenzentrum. Und Nicole Atkins in der Mitte? Wer weiß. Thema des Albums soll der gewundene Pfad zu sich selbst sein, da könnte es sogar konsequent sein, dass es sich oft schrecklich unentschlossen anhört. Und manchmal so derivativ, dass man gedanklich die Melodien schon vor dem Hören ergänzen kann. Einerseits. Andererseits gibt es immer wieder Momente, in denen Atkins echte überschwängliche Aufbruchsstimmung beschwört.




© Island

Mr Jukes: God First (Island)

Es gibt ja, mit weitem Abstand, nichts Schlimmeres als Indie-Musiker, die behaupten, Hip-Hop und R'n'B entdeckt zu haben. Meist endet das mit furchtbar kichernden Cover-Versionen von Whitney Houston auf Konzerten. Das Projekt Mr Jukes von Jack Steadman, Vorsitzendem des Bombay Bicycle Clubs, lässt zunächst Ähnliches befürchten. Steadman bezieht sich auf Funk, Soul, Rare Grooves und Jazz. In Interviews ist Steadman so darauf bedacht, sein Expertenwissen zu afroamerikanischer Musiktradition zu belegen, dass er darauf verweist, bei frühen Auftritten mit seiner Band sogar ein Shirt mit einer Abbildung von Hank Mobley getragen zu haben.


Und doch: Es gab mal einen anderen weißen schlaksigen Indie-Kater, der mit Beats und Gastrappern experimentierte, und das Ergebnis hieß Gorillaz und gehört zur besten Popmusik des neuen Jahrtausends.


Auf diesem Level, bezüglich Abgrund und Tiefe, ist Mr Jukes nicht. Die zehn Songs mit perfekt getimten Sommerfeeling sind loungige Klangteppiche, die selten Feuer fangen. Herzstück sind die Gastsänger – die größten Momente gehören dem jungen BJ the Chicago Kid, der Weed-Adele Elli Ingram und der unerwarteten Kombo aus De La Soul und der Reggae-Ikone Horace Andy. Solchen Leuten eine Bühne zu bieten, dafür, und nur dafür, ist so ein Album da.



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French Montana: Jungle Rules (Epic)

Jungle Rules von French Montana soll ein Album mit 18 Songs sein, aber tatsächlich besteht es nur aus einem einzigen Stück und Beiwerk. Bewusster Hit heißt Unforgettable und ist so etwas wie der Song des Sommers, eben weil er trotz aller Ausschweifung merkwürdig melancholisch und vorauseilend nostalgisch klingt – ein Grabeslied für den Sommer, den wir gern hätten und den wir doch stets verpassen. French Montana hat damit hingegen denkbar wenig zu tun, keine schlechte Metapher für seine Karriere: Egal, in welchem Kontext er auftaucht, auf seinen Mixtapes oder als Feature: Er ist nie der spannendste oder denkwürdigste oder einfach beste Rapper, da helfen auch seine exotischen Haustiere nichts. Aber dieses berechenbare Mittelmaß ist ja auch sehr beruhigend. 

So ist sein Album, das erste seit vier Jahren, eine routinierte Safari durch aktuelle Trends. Dabei belässt es French Montana nicht bei Imitation, sondern geht stets direkt an die Quelle. Wenn er PBR'n'B machen will, holt er sich The Weeknd. Wenn er Trap machen will, holt er sich Quavo von Migos, der gleich noch eine herzzerreißende Piano-Line und bedrohlich abgemischte Sirenen mitbringt. Und wenn er weird werden will, holt er sich mit Young Thug den weirdesten überhaupt. Und verblasst stets im Vergleich. Dass er das aushält, ist seine Tugend.