Despacito ist der Nummer-eins-Hit mit den vielen Nullen. Fast 5.000.000.000 Streams bei Spotify und Co., mehr als 3.000.000.000 YouTube-Views, beides Weltrekord. In 45 Ländern führte der Song die Charts an, in den USA tut er das noch immer, seit inzwischen 14 Wochen, die erste überwiegend spanischsprachige Nummer eins seit Macarena. Normalerweise gibt es jedes Jahr ein großes Wettrennen um den erfolgreichsten Song des Sommers, jeder zweite Popstar bringt sich mit einer strategisch komponierten und veröffentlichten Single in Position. Dieses Jahr gibt es nur Despacito und ansonsten kein Entkommen. 

Hinter dem Hit stecken: Luis Fonsi, 39, Schmachtsänger mit tadelloser Fönwelle, und Daddy Yankee, 40, Rapper mit humorloser Harter-Hund-Erscheinung. Beide stammen aus der puerto-ricanischen Hauptstadt San Juan und sind Veteranen unterschiedlicher lateinamerikanischer Musikdisziplinen. Fonsi bearbeitet den eher konservativen Latin-Pop, er hat bereits neun schnullerbackige Alben mit Zupfgitarre und maximaler Herzausschüttung herausgebracht. Yankee gehört zu den größten Stars des Reggaeton, einer Mischung aus Dancehall, Rap und Merengue, die in den vergangenen zehn Jahren vom Soundtrack der schwarzen Minderheiten zum größten Musikexport Puerto Ricos aufgestiegen ist. 

Gemeinsam mit der panamaischen Songlieferantin Erika Ender haben sie ein Lied geschrieben, das auf dem Ohrwurm-Level von I Will Survive, It's Raining Men oder Zieht den Bayern die Lederhosen aus operiert. Despacito bedeutet "gemächlich" oder "schön langsam" und bewegt sich mit entsprechenden 89 Beats pro Minute voran. 4/4-Takt und h-Moll, der Rhythmus des kleinen Mannes und die Tonart des süßen Schmerzes. Zunächst typisches Fonsi-Gezupfe mit Salsa-Schlagseite, danach Schlaginstrumente aus der Welt des kolumbianischen Cumbia, schließlich Daddy Yankee mit gemäßigter Reggaeton-Attacke. Eine absteigende Gesangsmelodie läutet den Refrain ein, und dann ist nichts mehr wie zuvor. 

Ein Popsong kann unendlich viele Richtungen nehmen, aber am Ende kommt man eigentlich immer beim Sex an. Über Latin-Pop heißt es, er setze dabei auf kurze Wege und möglichst geringe Zimperlichkeit. Ein in der Regel männlicher Protagonist wirbt um eine in der Regel weibliche Protagonistin, und nach kurzem "Hab dich nicht so" kommt in der Regel eine Übereinkunft zustande. Reggaeton gilt als Testosteronüberschuss-Version dieses modernen Minnesangs. Nicht nur darin ähnelt die Geschichte der in Puerto Rico immer wieder durch Zensur und politische Initiativen bedrohten Straßenmusik der des US-amerikanischen Gangsta-Raps. Machismo, Misogynie und sexuelle Gewaltfantasien erscheinen unterm Deckmantel ungeschönter Alltagsreports.

Anders Despacito. Auch hier geht es natürlich um Sex, doch Luis Fonsi und Daddy Yankee haben Zeit mitgebracht. Ihre Empfehlung, inszeniert als gesangliche Kurzpass-Stafette: die Sache ernst meinen und langsam angehen – und später aus umso aussichtsreicherer Position den Abschluss suchen. Dem sexuellen Wüterich setzen sie einen anderen Archetyp des popmusikalischen Liebeswerbens entgegen: den creep, der das Geschehen vom Rande der Tanzfläche beobachtet und geduldig die Ausdünnung des Feldes abwartet. Ihm ist Despacito gewidmet. Der Held im größten Pophit seit Jahren hat also ordentlich Druck auf dem Pinsel.

Das zugehörige YouTube-Erfolgsvideo folgt einer ähnlichen Dramaturgie. Was mit Meerblick, Favela-Folklore und buntem Kulturkarnevalstreiben wie ein Werbespot der puerto-ricanischen Tourismusbranche beginnt, verwandelt sich nach dem zweiten Refrain in einen Werbespot der puerto-ricanischen Sextourismusbranche. Fonsi, Yankee und diverse Statistinnen finden in einem Club so langsam, aber sicher zueinander, wie es der Songtext vorgibt. Die Bilder bleiben FSK-12, aber die gewünschte Transferleistung in den nicht mehr jugendfreien Bereich dürfte bereits jeder Sechsjährige hinbekommen.

Schuld ist Justin Bieber

Darin steckt ein möglicher Erklärungsansatz für die Rekorde von Despacito. Es ist ein geradezu absurd eingängiger Song, dessen Botschaft einem großen Teil des Publikums aus der Seele spricht und dem Rest zumindest nicht besonders wehtut. Hinzu kommt gutes Timing: Fonsi und Yankee bringen zwei äußerst populäre Musikstile für ihre äußerst Streaming-affine Kernzielgruppe zusammen. Ein Drittel der 100 auf YouTube meistgesehenen Künstler stammt aus Lateinamerika. Musikkonsum findet dort vor allem über das Smartphone statt. 

Warum aber ist Despacito mehr als ein lateinamerikanisches Phänomen? Noch vor wenigen Jahren hätte Luis Fonsi, dem Vorbild von Shakira, Ricky Martin oder Enrique Iglesias folgend, auf englischsprachigen Universalpop umschwenken müssen, um den Rest der Welt zu knacken. Heute geht das effektiver: Schon vier Monate nach der Erstveröffentlichung erschien ein Despacito-Remix von Justin Bieber. Der, heißt es, habe den Song in einem kolumbianischen Club gehört und nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Mit seiner Neufassung, die einen Großteil des spanischsprachigen Originals übernimmt, soll er einer Version von Ed Sheeran zuvorgekommen sein.

Im Pop der großen Zahlen sind solche Aneignungen nicht neu, aber aktuell besonders beliebt. Der Rapper Drake hat mit seinen jüngsten Platten Grime und Dancehall samt ihrer populärsten britischen und jamaikanischen Vertreter für sich und seine Fans entdeckt. Es war nicht zuletzt die dadurch erzielte Reichweitenerhöhung, die ihn vorübergehend zum meistgestreamten Künstler der Welt machte. Sheeran hantiert auf seinem diesjährigen Album ÷ (Divide) mit irischer und ghanaischer Volksmusik herum. Kanye West klaut ohnehin alles, was nicht festgeschraubt ist.

Justin Bieber feiert nun den größten Erfolg seiner Karriere, indem er die erste Minute von Despacito um ein paar leidlich motivierte Atemübungen erweitert. Luis Fonsi und Daddy Yankee müssen einem deshalb nicht leidtun. Zum einen profitieren auch sie von Biebers Remix. Zum anderen war schon ihr Ausgangsmaterial ein Extrembeispiel für die heutige Zusammenstückelung von Pophits an Reißbrett und Weltkarte. Dementsprechend hat Fonsi bereits nachgelegt: Inzwischen gibt es auch ein Despacito ohne Yankee-Raps, eine Salsa-Fassung, einen Dance-Remix und eine portugiesische Version. Mehr Lied geht echt nicht. Mehr Streams natürlich schon.