Warum nicht? Auf diese Frage gibt es zwei Antworten. Die erste ist eine politische: Die Rockmusik, ihren Wurzeln und Chuck Berry zum Trotz, ist sehr früh weiß geworden. Und dann geblieben. Das half ihr lange. Und jetzt nicht mehr so sehr. Was der weiße Mann so will und denkt und fühlt mit seiner Gitarre, das steht nicht mehr im Mittelpunkt der Welt. Andere wollen gehört werden. Leise verklingt das Weinen, die Wut, die Liebe der Gitarrenmänner in dem wahnsinnigen politischen Feuerwerk, das eine schwarze R-'n'-B-Sängerin wie Beyoncé, ein schwarzer Rapper wie Kendrick Lamar abfackelt. Die schwarze Musik ist relevant wie lange nicht mehr, weil ihre Stimme gehört werden soll und jetzt auch gehört wird. Das ist die eine Antwort: It's the identity politics, stupid.

Was ist die zweite Erklärung? "Rockmusik ist verbunden mit Mythen und Legenden", schreibt Klosterman, "so sehr, dass der Niedergang der Bedeutung von Rockmusik zusammenfällt mit dem Aufstieg des Internets und dem Ende des anekdotischen Erzählens." Das ist eine digitale Verfallsgeschichte, die Klosterman erzählt; man kann die Geschichte aber auch auf den Kopf stellen, man kann die Geschichte von Internet und Pop als symbiotische Neuschöpfung erzählen. Hip-Hop entfaltet seine Wirkmacht nicht mehr nur als Stimme der Marginalisierten, es verhält sich mittlerweile auch umgekehrt, medientheoretisch gewendet: Die Struktur, die sich Hip-Hop geschaffen hat, um den Marginalisierten eine Stimme zu geben, ist die Struktur unserer Zeit.

Das klingt sehr trocken geisteswissenschaftlich, lässt sich aber jeden Tag im eigenen Spotify-Player beobachten. Das Strukturprinzip von Hip-Hop liegt schließlich offen vor uns: Man inszeniert die Kollaboration, das Aufeinanderbezugnehmen, das Sample genauso wie das Feature, also die Beteiligung anderer Künstler an den eigenen Songs. Klar, auch Gitarrenbands spielen manchmal ein Lied zusammen. Für die ist das aber bloß Kür. Im Hip-Hop ist es Pflicht. Vielleicht liegt hier das Problem, das die Rockmusik mit der Gegenwart hat oder die Gegenwart mit der Rockmusik: dass Gitarrenbands die Technik der Kollaboration zwar miteinander pflegen, aber nicht mit anderen. Sie sind eine Band, kein Netzwerk.

Wer ist nicht dabei?

Das Missverständnis beginnt schon damit, die Vernetzung der Welt nur als Oberflächenphänomen wahrzunehmen, im Sinne von: Fast jeder hat jetzt Zugang zu fast allem. Toll, dass wir noch mehr Fans erreichen können! Wirklich disruptiv hingegen ist etwas anderes: Wie die Kulturprodukte, die Songs, Filme, Bücher selbst zu Netzwerken werden. Zu Verknüpfungspop. Im Comicverfilmungsblockbusterbetrieb wird das vielleicht am augenscheinlichsten. Dessen Premiumware, die Avengers-Filme genauso wie der gierig erwartete Justice League, bezieht ihren Reiz fast ausschließlich daraus, verschiedene bekannte Superhelden miteinander in Verbindung zu bringen. 

In der Popmusik ist es nicht anders: Ständig auf möglichst interessante Art mit anderen Künstlern zusammenzuarbeiten, das ist – genauso wie das Sample – als Dopplung der Verknüpfungsontologie unserer digitalen Welt zeitgemäß und angemessen. Wir, das allmächtige Publikum, sind inzwischen so darin geschult, nach Verknüpfungen zu suchen, Netzwerke zu erkunden, herauszufinden, wer mit wem über wen befreundet ist, dass eine kollaborative Popform wie Hip-Hop genau die Inhalte hervorbringt, die unsere Netzwahrnehmung reizt.

Alles muss mit allem irgendwie zusammenhängen, sonst langweilt es. Bevor die Frage "Wie klingt das?" oder "Was bedeutet das?" gestellt wird, steht jetzt eine andere Frage im Raum, egal ob es um Justice League oder das neue Album von Eko Fresh geht – eine Frage für die erste Hälfte des 21. Jahrhunderts: Wer ist alles mit dabei? Und, fast noch wichtiger, weil Kollaboration eben nicht heißt, flexibel überall andocken zu müssen und mit allem und allen einverstanden zu sein: Wer ist nicht dabei? Mit wem gibt es Beef? In Deutschland gibt es inzwischen eine ganze Reihe an Online-Rap-Medien, über deren musikjournalistischen Anspruch man die Nase rümpft, die aber ihre Daseinsberechtigung darin haben, ständig diese Fragen neu zu beantworten.

Es war damals schon die Zukunft

Worüber man ja zum Beispiel als junge Rockband jetzt mal nachdenken könnte: Warum haben wir eigentlich mit keinem Beef? Warum zitieren wir uns immer nur durch die Musikgeschichte, warum funktioniert unser Bezugssystem nur in eine Richtung, retro, retro, nach hinten? Während die Rapper von nebenan dauernd Bezüge zur Gegenwart herstellen: Sie zitieren andere aktuelle Rapper, laden sie ins Studio ein und auf ihren Song. Wenn sie die Kollaboration nicht sogar dafür nutzen, um, ach du Schreck, in die Zukunft zu verweisen: Ein Feature ist im Hip-Hop die gängige Methode, um dem Publikum einen neuen Künstler vorzustellen. Eine Praxis, für die es in der Rockmusik überhaupt kein Äquivalent gibt.

Rap sei "das CNN der Schwarzen", lautet ein zu Tode zitierter Satz des Hip-Hop-Pioniers Chuck D. Gemeint war, dass Rap einer Minderheit eine alternative Form der Kommunikation zur Verfügung stellte, einer Minderheit, die nicht über die großen Verbreitungsmedien bestimmen kann und dort unterrepräsentiert ist. Der Witz daran, jetzt, im Nachhinein: dass CNN genau wie die Gitarrenmusik darum kämpft, in einer vernetzten Welt weiter relevant und zukunftsfähig zu bleiben. Während Hip-Hop, notgedrungen, genau diese Vernetzung schon früh verkörpert hat. Und damals schon die Zukunft war.