© Bassukah

Sivu – Sweet Sweet Silent (Bassukah)

James Page ist gar nicht da. Sein Gesang kommt zwar aus den Lautsprecherboxen. Doch er wirkt so flüchtig, fast scheu, als schäme sich der britische Songwriter. Als hadere er mit seiner Courage, auf seinem zweiten Album schon wieder von sich selbst zu erzählen, seinen Träumen, den Ängsten, was so in seinem nachdenklichen Kopf herumgeistert. Unterm Pseudonym Sivu vollführt James Page nach dem Debüt Something On High erneut das Kunststück, einem warmen Wind gleich durchs Ohr zu wehen und sich doch darin festzuhaken.

Mal geigenumflort wie im quirligen Orchesterpop Lonesome, mal pianobetupft wie im nostalgischen Childhood House, hier delirierend wie im verschrobenen Opener Submersible, dort aufgeräumt und klar wie im plätschernden Kin And Chrome. Das Album Sweet Sweet Silent klingt elf Stücke lang oft wie die zerbrechliche Anohni, als sie mit The Johnsons den Pop hinters Licht geführt hatte. Trotzdem lässt Sivu, abgemischt vom Alt-J-Produzenten Charlie Andrew, immer wieder Funken aus seiner Melodramatik sprühen. Und dann ist James Page eben doch da und kaum wieder wegzukriegen. Der schönste Tinnitus des Sommers.



© Songs for the Def

UNKLE – The Road pt. 1 (Songs for the Def)

Wenn sich Musik keinem Genre so recht zuordnen lässt. Wenn sie ohne Ziel, Halt und Heimat herumschwirrt. Wenn selbst die Allzweckchiffren Pop oder Indie kaum greifen. Dann ist stammt sie mit messbarer Wahrscheinlichkeit von James Lavelle. In all seinen Kollaborationen, von Richard Ashcroft über Massive Attack bis Thom Yorke, blieb der 43-Jährige aus Oxford zwar die Hälfte seines Lebens dem elektronischen Wave verbunden. Noch länger jedoch macht er mit seinem Band-Projekt UNKLE etwas, das atmosphärisch zwar damit zu tun hat, letztlich aber sein eigenes Fach bildet. In 15 Stücken grast auch das neue, je nach Zählweise fünfte bis 15. Album den halben Fundus des modernen Sounds ab: Trip-Hop, Power Pop, Modern Classic, selbst Dance, Drones, Disco – alles flackert irgendwo auf, allerdings nicht horizontal, sondern vertikal vermengt. Stück für Stück ein neuer Kosmos. 15 kreative, leicht schwermütige Richtungswechsel auf einer Platte. Verantwortlich dafür ist auch Lavelles Kammerorchester unterschiedlichster Kollegen wie Mark Lanegan (Marilyn Manson) oder Justin Stanley (Beck).



© Tin Angel Records

Diana – Familiar Touch (Tin Angel Records)

Kein Grenzgang nirgends, nichts Getragenes oder Schwermütiges, weder Richtungswechsel noch allzu offensichtliche Kreativität – es ist ziemlich rätselhaft, warum eine Band, die sich auch noch süßlich Diana nennt, so flächendeckend gefeiert wird wie das Trio aus Toronto. Ist es womöglich Carmen Elles gläserner Gesang, der es sich unterm swimmingpoolgekühlten Synth Pop der Achtziger gemütlich macht? Sind es all die Vergleiche mit Roxy Music oder den Cocteau Twins nach dem vielbeachteten Debüt vor vier Jahren, die man partout nicht aus dem Kopf bekommt? Werden wir hier einfach infiltriert von der unerträglichen Leichtigkeit gefälliger Harmonien, denen zu den artifiziellen E-Drums allen Ernstes hier und da ein Saxofonpeitschen aus der Schulterpolsterära untergejubelt wird? So sehr man sich auch bemüht: Das Geheimnis der Anziehungskraft von Familiar Touch wird auch dann nicht gelüftet, wenn man es zum zehnten Mal durch sich hindurch rauschen lässt. Pop hat sie nun mal, diese Fähigkeit zur Unterwanderung des guten Geschmacks mit banalsten Mitteln. Vielleicht sollte man das auch einfach mal kurz genießen.



© studio album

KMFDM – Hell Yeah! (studio album)

Sperrige Musik – das galt vor 33 Jahren auch für KMFDM. Mit internationaler Unterstützung bliesen die deutschen Aktionskünstler Sascha Konietzko und Udo Sturm dem zum NDW verseiften New Wave mit brachialem Industrialrock den Marsch. Buchstäblich. Kein Mehrheit Für Die Mitleid (KMFDM) war zutiefst treibend, aber schwer verdaulich, mehr Kunstprojekt als Pop. Dann aber ging ihr Sound zwischen Neuer Deutscher Härte und Atari Teenage Riot, Dubstep und Skrillex auf, wurde also irgendwie obsolet, hörte aber einfach nicht auf zu existieren.

Zwei Dutzend Platten nach dem Debüt Opium erscheint nun Hell Yeah! und zeigt, dass Konietzko der Welt noch immer die eine oder andere Salve Furor vor den Latz knallen kann. Doch im Gegensatz zum infernalischen Krach von früher dient der Einsatz sägender Gitarren und zackiger Drums nicht mehr nur zur Verstörung des Publikums, sondern erzeugt Liedstrukturen, die auch außerhalb sauerstoffloser Kellerclubs funktionieren. Wenn Obsession 1/2 nahtlos vom bekifften Offbeat ins sozialkritische Highspeed-Geschepper Total State Machine übergeht, dicht gefolgt vom Trashpoptechno Murder My Heart, dann spürt man also: KMFDM sind noch immer in Wallung.



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BRKN – Einzimmervilla (studio album)

Ein Problem toller Stimmen ist oft, dass sie sich zu ernst nehmen. Ihr Soul erstickt dann jeden Tiefgang in selbstreferenziellem Pathos. Xavier Naidoo tut so etwas. Andac Berkan Akbiyik nicht. Unter dem Namen BRKN macht er deutschen R 'n' B mit gefühlvoller Selbstironie, von der die Söhne Mannheims nur träumen können. Musikalisch zwischen Hip-Hop und Big Band, feinem Spott und großer Geste, weiß sich das Bildungsbürgerkind aus Kreuzberg eben auch auf seiner zweiten Platte Einzimmervilla korrekt einzuordnen. "Leute sagen Dicker" singt er etwa in Jagd mit harten Mittelkonsonanten, "du hast 100.000 Clicks / doch es bedeutet alles nichts / ist nur Gelaber / bis ich meinen Eltern alles geb und meiner Freundin alles schenk und mit meinen Jungs alles klär / bin ich ein Versager". Gelegentlich gleitet BRKN dabei zwar ins rogercicerohafte ab. Kombiniert mit schriller Santana-Gitarre und Spielmannszugtrommeln unterm angedeuteten Orchesterfunk sind solche Zeilen jedoch vor allem Erklärungsversuche, um sich und uns jenen Hype zu erklären, den sein vorjähriges Debüt erzeugt hat. Zum Glück verliert er dabei nie die Bodenhaftung eines swingenden Rappers, der das etwas Leben tanzbarer macht, ohne je gefällig zu klingen. Zugehört, Xavier?