Bisher war diese Aufrechterhaltung des schönen Scheins lediglich ignorant. Vor dem Hintergrund jüngster Ereignisse und Wahlergebnisse ist sie ab sofort auch fahrlässig. Wer auf "weiter so" und "wird schon" beharrt, muss sich vorwerfen lassen, regressiven und weltabgewandten Stimmungsmachern in die Karten zu spielen. Wer vor klaren Positionen zurückschreckt, weil sich unschöne Gräben im eigenen Fanlager auftun könnten, nimmt durch sein Schweigen die fortschreitende Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas in Kauf.

Mark Forster wird seinen Kopf trotzdem nicht in den Wind halten, sonst könnte ja die Mütze wegfliegen. Auch mit Helene Fischer ist bis auf Weiteres nicht zu rechnen: Deutschlands beliebteste Sängerin hat den Schützenfestschlager ihres Frühwerks zwar längst für internationale Einflüsse geöffnet, kommt aber nicht recht von dessen Weltbild weg. Die schwächelnden, von Liebe und Leben überwältigten Frauenrollen, auf die ihre Songs zuletzt wieder zurückfielen, hätte auch Jürgen Drews nicht besser in einen Sangria-Eimer jodeln können.

Natürlich: Es gibt Schlimmeres

Der Sehnsucht nach einer gesellschaftlich aussagekräftigen Popstimme tut die Lethargie der großen Namen keinen Abbruch: Sie zeigt sich in den überbordenden Reaktionen auf das Lied Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun), das die Hamburger Band Kettcar zum 56. Jahrestag des Mauerbaus veröffentlichte. Fünf Minuten lang krebst der Song über Deutschlands eigene Flüchtlingsgeschichte ereignisarm voran. Der Sänger Marcus Wiebusch rezitiert einen ausführlichen Text, auch sein angeschlagener Nachrichtensprecherton kann eine gewisse Rührseligkeit nicht verhehlen. Juli Zeh urteilte: "Ein Song wie gute Literatur."

Kettcar gelten als gutes Gewissen der deutschen Einmischmusik, und Sommer '89 ist ein Song für ihre linksalternative Blase. Seiner Empörung haftet etwas Pflichtschuldiges an, weil mit ihr Gitarren erklingen, die niemanden herausfordern wollen und selbst nicht an ihr umstürzlerisches Potenzial zu glauben scheinen. Ein generelles Problem für den sendungsbewussten Pop des Landes: Meistens reicht es für die Schulterklopfer der Weggefährten und bereits Bekehrten. Darüber hinaus fehlt jedoch die Strahlkraft.

Um daran zu arbeiten, gibt es seit dem letzten Jahr den Preis für Popkultur, ins Leben gerufen von einer breiten Allianz aus Musikern, Musikunternehmern und Musikjournalisten. Während die alteingesessene Industrie bei der alljährlichen Echo-Verleihung die ertragreichste Musik des Jahres prämiert und zugleich den aktuellen Stand ihrer Merkbefreitheit präsentiert, will der neue Preis alles besser machen. Eine Fachjury kürt die Gewinner, unabhängig von Verkaufszahlen und Lobbyarbeit. Bei einem ungezwungenen Galaabend dürfen sich alle Anwesenden mit dem gleichen Alkohol betrinken.

Dennoch verfehlt der Preis für Popkultur bisher sein anvisiertes Ziel. Als erklärter Anti-Echo schießt er sich auf eines der weicheren Feindbilder ein, die der deutsche Musikzirkus hergibt – und kann doch keine schlüssige Gegenposition einnehmen. Der Preis illustriert nicht die Unterschiede zwischen der vermeintlich aufrechten Popmusik des Landes und ihren Coca-Cola-Kollegen vom Brandenburger Tor, sondern die Gemeinsamkeiten der Lager. Beide brauchen die vorzeigbare Bestätigung für ihre erbrachten Leistungen. Beide sind immer dann am besten, wenn sie sich selbst feiern können. Natürlich: Es gibt Schlimmeres. Gerade darin liegt doch das Problem.