Dass Donald Trump ein Sexist ist, hat seiner Karriere bisher nicht geschadet. Und während sich mindestens eine Hälfte der USA darüber aufregt, demonstriert und Bündnisse schmiedet, setzt sich Trumps Logik im Hip-Hop weiter fort. Zuletzt erklärte der Rapunternehmer Rick Ross, warum seine Plattenfirma keine Künstlerinnen unter Vertrag nimmt: Er könnte ja mit ihnen schlafen wollen, und das gibt bekanntlich immer Ärger. Die Objektivierung von Frauen in Raptexten und -videos wird seit Jahren kritisch diskutiert – und bleibt so lukrativ, dass die Rapperin Nicki Minaj durch Selbstobjektivierung und umgedrehte Vorzeichen zur erfolgreichsten Künstlerin der amerikanischen Chartsgeschichte aufsteigen konnte.

Sex verkauft sich eben, und ein Kind von Traurigkeit ist auch R. Kelly nie gewesen: Die Liebe des R-'n'-B-Stars aus Chicago reicht seit jeher für mehr als eine Frau, daran konnte niemand zweifeln. Und doch sah sich Kelly veranlasst, der schmerzlindernden Wirkung seiner Manneskraft mit dem Song Share My Love ein Denkmal zu setzen. Seit die US-Ausgabe von Buzzfeed kürzlich eine Recherche über das Liebesleben des Sängers veröffentlichte, drängt sich allerdings eine andere Lesart für das fünf Jahre alte Stück auf. Der Artikel wirft nicht nur Fragen zu Frauenbildern im Hip-Hop neu auf. Er zeigt auch den kurzen Weg von moralisch verwerflichen Überzeugungen zur strafbaren Handlung – und wie man als prominente Person etwaigen Konsequenzen entkommen kann.

Buzzfeed hat enthüllt, dass Kelly in Chicago und Atlanta Wohnungen für sechs junge Frauen unterhält. Diesen soll er vorschreiben, welche sozialen Kontakte sie pflegen dürfen, wie sie sich ernähren, kleiden und in Alltag sowie Schlafzimmer zu verhalten haben. Sexuelle Aktivitäten mit den Frauen hält Kelly angeblich auf Kamera fest. Verstöße gegen seine Regeln soll er mit physischer und psychischer Gewalt bestrafen. Die Schlussfolgerung des Artikels: Der Musiker leitet eine Sekte.

Vorwurf der Kinderpornografie

Weite Teile der Welt haben R. Kelly als Schnulzensänger abgespeichert, der in den Neunzigerjahren mit Hits wie I Believe I Can Fly und dem für Michael Jackson geschriebenen You Are Not Alone die Charts verstopfte. In den USA genießt der Künstler ungleich höheres Ansehen. Mehr als 30 Millionen Alben hat er dort verkauft, drei Grammys gewonnen, einen neuen R-'n'-B-Stil mitgeprägt: Kelly gehörte zu den ersten, die der Schlafzimmermusik von Marvin Gaye und Donny Hathaway den Sound und Sprachgebrauch des Hip-Hops einimpften. Er konnte über Schokokekse, Schalentiere und die Zündung eines Autos singen. Irgendwie klang es immer geil.

Dass Kelly dafür auch aus seinem persönlichen Erfahrungsschatz schöpfte, gilt als gesichert. Mit den Songs, in denen er seit 25 Jahren ein Image zwischen Liebesgott und Sexguru kultiviert, häuften sich auch die Skandale in seinem Privatleben. 1994 heiratete Kelly die damals 15-jährige R-'n'-B-Sängerin Aaliyah, deren Debütalbum Age Ain't Nothing But A Number er zuvor geschrieben hatte. Ein Jahr später wurde die Ehe annulliert. 2002 kursierte ein Video, das Kelly beim Sex mit einer Minderjährigen zeigen soll. Nach einem langwierigen Rechtsstreit wurde er 2008 von dem Vorwurf freigesprochen, Kinderpornografie produziert zu haben.

Dennoch haben weitere Frauen im Laufe der Jahre Anschuldigungen gegen Kelly erhoben. Immer wieder geht es um den Vorwurf, er habe sie als Minderjährige verführt und manipuliert. In mindestens vier Fällen kam es zu außergerichtlichen Einigungen. All das ist dokumentiert und bekannt, doch R. Kellys Ruhm hat es kaum geschmälert. Seine Musik erscheint seit jeher bei Ablegern des Majorlabels Sony, seine Tourneen sind gut besucht, in jüngerer Vergangenheit arbeitete er mit Superstars wie Lady Gaga und Justin Bieber zusammen. Vor der Veröffentlichung ihres Artikels bat die Buzzfeed-Redaktion 43 ehemalige und aktuelle Kelly-Kollaborateure um Statements. Niemand wollte reden.

Die Problematik der Trennung zwischen einer Person und ihrem Werk ist uralt: Seit es Kunst gibt, gibt es auch Kunst von fragwürdigen Menschen. Immer wieder steht man als Rezipient vor dem Problem, wie die Persönlichkeit des Schöpfers Einfluss nimmt auf seine Arbeiten und ob man gute Kunst absolut bewerten kann. Im Fall von R. Kelly stellt sich jedoch die Frage, wie das überhaupt gehen soll. Mit den Anschuldigungen, die sich gegen ihn richteten, wurden auch seine Songs immer expliziter, die beschriebenen Sexpraktiken absurder, die Metaphern grandioser. Wer um Kellys Geschichte weiß, wird sie auch in seiner Musik wiederfinden. Dafür sorgt der Künstler selbst.