Als Francesco Tristano vor einigen Wochen sein neues Album in Berlin vorstellte, lud er in den großen Sendesaal des stillgelegten Funkhauses Nalepastraße. Die Atmosphäre glich dem eines klassischen Konzerts und doch ging es hier, wo einst der Rundfunk der DDR beheimatet war, anders zu als beispielsweise in der Berliner Philharmonie. Ungezwungener. Tristano trug T-Shirt und die Leute im Publikum, die durchschnittlich jünger waren als er selbst, sahen aus wie Berliner, die auch gern mal ins Berghain gehen.

Das neue Album des Luxemburgers heißt Piano Circle Songs. Tristano, ein ausgebildeter klassischer Pianist, der zuletzt durch seine Ausflüge in die Spielwelten von Techno und elektronischer Musik aufgefallen ist, konzentriert sich nun wieder auf sein eigentliches Instrument. Der 36-Jährige spielt sanft perlende Pianostücke, sehr harmonisch, ohne große Ecken und Kanten, schlicht und teilweise auch ergreifend, das Publikum feiert ihn dafür wie einen Popstar.

Horst Weidenmüller, Betreiber des Berliner Elektronik-Labels !K7, das vor allem durch seine Reihe DJ-Kicks bekannt wurde, ist sich sicher, dass diese Art von Konzerten, wie Tristano sie gibt, Ausdruck einer neuen, eigenständigen Kultur sind. Mehr als nur der Versuch, Klassik mit den Mitteln des Pop zu präsentieren oder umgekehrt. Neoklassik – ein Genre, dem auch Tristanos Musik bevorzugt zugeordnet wird – sei eine "globale Bewegung", deren Entwicklung das Spannendste sei, was er in den letzten Jahren miterlebt habe, sagt Weidenmüller. Bis vor Kurzem sei er noch regelmäßig nach London geflogen, um besser mitzubekommen, was so abgeht. Aber das könne er sich nun sparen. "Ein Großteil der Neoklassik kommt aus Deutschland", sagt er, "und ich kenne sogar Leute, die extra in die Nähe der Nalepastraße draußen in Treptow-Köpenick ziehen, weil dort gerade am meisten passiert."

Er sei mit Punk sozialisiert worden und mit Techno, berichtet er im Gespräch, und bei beiden Musikrichtungen habe er erlebt, wie diese erst einmal mit großer Vehemenz abgelehnt wurden. "Und das passiert nun wieder. Die Klassikszene sagt über die Neoklassik, dass man diese noch nicht einmal wirklich Musik nennen könne." Freilich ist die Nähe zu Philip Glass und John Cage größer als zu Mozart und Beethoven, na und? Vielleicht hat auch dieser Gegenwind Weidenmüller – einmal Punk, immer Punk – dazu bewogen, jetzt erst recht selbst ein eigenes Neoklassik-Label: Zu !K7 gesellt sich nun 7K!. Einfach mal die Vorzeichen umdrehen, von der anderen Seite rangehen, Subversion. Wenn eine bestimmte Musik so viel Unverständnis auszulösen vermag, muss doch etwas dran sein. 

Betrachtet man die Neoklassik aus der Perspektive der Popmusik, steht sie nicht für seichtes Geplänkel, sondern eher das Gegenteil. Diese Musik fordert Aufmerksamkeit vom Hörer, sie lässt sich nicht gut nebenbei konsumieren, man muss sich ernsthaft auf sie einlassen. Etwa auf die meditativen Pianominiaturen des Holländers Joep Beving, der mit seinem aktuellen Album sogar in den heimischen Popcharts landete. Oder auf die berauschende, cineastische Kammermusik des Italieners Luca D'Alberto, ein Künstler, den Horst Weidenmüller nun auf seinem Label vertritt.

"In den letzten 25 Jahren haben wir nur hedonistische Partys gefeiert", meint Horst Weidenmüller, der die Berliner Technoszene stark mitgeprägt hat. In der zunehmenden Hinwendung vor allem junger Menschen zur Neoklassik erkenne er nun einen "Bedarf nach Nachhaltigkeit" und damit sozusagen eine Gegenbewegung zur schnelllebigen Popwelt.