Ja, das ist eine Vulva, die Björk im Gesicht trägt. © Warner

Halleluja und hallo: Björk ist wieder gut drauf! Nur wenige Menschen haben in den vergangenen Monaten so viel "überwältigende Wärme" und "tiefe Dankbarkeit" empfunden wie Islands große Weltenbürgerin. Kaum jemand hat sich in den sozialen Netzwerken mit vergleichbarem Überschwang und ähnlich fragwürdiger Zeichensetzung geäußert. Und garantiert niemand hat ein Leben wie Björk gelebt: Spontane DJ-Sets zwischen Barcelona und New York, inspirierte Studiosessions mit der aktuellen Elektro-Avantgarde, Freitagsgeflöte in den Kirchen von Reykjavik – und nun ein neues Album, das beinahe platzt vor Freude, Lust und Tatendrang.

Björk hat dieses Album Utopia genannt. Das ist doch mal ein erfrischender Ansatz zum Ende eines Jahres, in dem sich die schlechten Nachrichten häuften wie sonst nur in den Filmen des mexikanischen Elendsregisseurs Alejandro González Iñárritu. Trotz all der wackelnden Staatenbünde, Atomdeals, Klimaabkommen und Moralvorstellungen, die das aktuelle Weltgeschehen hergibt, sitzt die Künstlerin fest und optimistisch im Sattel. Die Zukunft ist rosig und duftet auch so, scheint sie mit Utopia sagen zu wollen. Das ist zwar realitätsfern, erweist sich aber als gar nicht so weltfremd.

Warum war Björk eigentlich schlecht drauf? Wegen der Trennung von ihrem Partner nach 13 Jahren Beziehung. Anfang 2015 behandelte das Album Vulnicura die Verletzung, den Schmerz und die Heilung, die mit diesem Einschnitt einhergingen. Es enthielt ungeheuer weit gefasste Streichermusik, vorausschauend komponierte Laptopmusik und ein textliches Kontrastprogramm, das erschütternd war in seiner Explizitheit. Es folgten tränenreiche Interviews, tränenreiche Konzerte, überhaupt sehr viele Tränen. Nach dem letzten Auftritt der Tour gaben sich Björk und ihr engster musikalischer Vertrauter, der venezolanische Produzent Arca, einem wohlverdienten Champagnerrausch hin.

Obwohl es klang wie nichts zuvor auf der Welt, war Vulnicura eine Genre-Platte. Es eignete sich die Trademarks klassischer Trennungsalben an: Authentizität, minutiöse Aufarbeitung und eine alles betäubende Traurigkeit. Björk folgte damit der Erblinie von Bob Dylans Blood On The Tracks, Marvin Gayes Here, My Dear oder Becks Sea Change. Sie begab sich auf ein traditionell männlich geprägtes Feld der Popgeschichte und stemmte dort einen Kraftakt, der sich nun als wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg nach Utopia erweist.

Schon musikalisch liegen Welten zwischen den beiden Alben. Das Schwere und Schockierte geht Utopia ab, die Streicher weichen einer Instrumentierung, die an den Musikkreis eines linksalternativen Feriencamps erinnert. Vogelgesang und Harfe prägen den Auftakt, Blockflöte, Altflöte, Querflöte und Panflöte kommen in teilweise stark nachbearbeiteter Form hinzu. Arca programmiert seine Beats und Soundcollagen behutsamer als bisher um Björks Arrangements herum. Die Künstlerin singt mit altbekanntem Interesse an seltsamer Silbenbetonung und neuer Entflammbarkeit in der Stimme. Es kribbelt in ihr, und das hört man auch.